— Ach, wir haben deine Geburtstagstorte schon aufgegessen, sei nicht böse — lachte meine Schwägerin.

„Ach, Marina, wir haben deine Geburtstagstorte schon aufgegessen. Sei bitte nicht böse!“ – lachte meine Schwägerin.

Marina blieb regungslos im Flur stehen. Noch immer hielt sie die schweren Einkaufstaschen in den Händen, aus denen frische Frühlingszwiebeln herausragten, daneben die Schachtel mit den neuen Schuhen, die sie sich gekauft hatte. Sie war den ganzen Tag müde gewesen, aber gleichzeitig glücklich.

In ihrem Kopf hatte sie sich den Abend schon ausgemalt: ein ruhiges Abendessen mit Oleg, ein Glas Wein, ein paar Kerzen und endlich etwas Zeit nur für sie beide.

Doch als sie die Wohnung betrat, überkam sie sofort ein ungutes Gefühl.

Ein süßer Duft lag in der Luft.

Es war nicht der vertraute Geruch ihres Zuhauses.

Es war der Geruch ihrer Torte.

Aus der Küche drangen Lachen, das Klirren von Porzellantassen und fröhliche Gespräche. Auf dem Tisch stand genau das Porzellangeschirr, das Marina nur zu besonderen Anlässen benutzte.

– Was meinst du damit, ihr habt sie aufgegessen? – fragte sie leise.

Ihre Stimme klang rau.

– Das war meine Geburtstagstorte. Ich habe sie vor zwei Wochen bestellt. Mit Mascarponecreme und frischen Himbeeren …

In diesem Moment erschien Swetlana, Olegs Schwester, in der Tür. Auf ihrem hellen Pullover prangte ein großer rosa Fleck von der Tortencreme.

– Ach Marina, sei doch nicht so! – sagte sie lachend. – Mama und ich sind nur kurz bei Oleg vorbeigekommen. Er hat gesagt, dass diese wunderschöne Torte im Kühlschrank steht. Wir dachten, warum soll sie dort warten? Du kommst doch sowieso erst spät nach Hause.

Sie strich sich beiläufig die Haare zurecht.

– Außerdem ist Mamas Zucker gefallen. Ihr ging es schlecht. Sie brauchte etwas Süßes.

Marina stellte langsam die Taschen auf den Boden.

– Und jetzt geht es ihr besser?

Aus der Küche rief ihre Schwiegermutter Tamara Petrowna:

– Natürlich, meine Liebe! Komm rein, steh nicht so in der Tür. Wir haben dir ein kleines Stück übrig gelassen. Zwar hat Swetotschka aus Versehen mit der Gabel hineingestochen, deshalb sieht es nicht mehr so schön aus, aber der Geschmack ist derselbe.

Marina ging in die Küche.

Der Anblick tat weh.

Auf dem Tisch lagen überall Krümel. Auf den Tellern waren Reste von Himbeeren, Teeflecken und Spuren von Creme. Dort, wo die Torte gestanden hatte, lag nur noch der leere Karton mit einem zerdrückten Stück darauf.

Ihre Torte zum dreißigsten Geburtstag.

Das Fest, auf das sie sich gefreut hatte.

Die Freude, die sie sich selbst schenken wollte.

Oleg saß am Tischende und vermied ihren Blick.

– Marina, fang jetzt bitte nicht damit an … – sagte er müde. – Mama und Sweta sind unerwartet gekommen. Ich konnte sie doch nicht hungrig wieder wegschicken.

Marina sah ihn an.

– Ein einziger Anruf hätte nicht gereicht?

Stille breitete sich aus.

– Du hättest nur fragen müssen: „Marina, dürfen wir die Torte essen, die du bestellt hast und auf die du zwei Wochen gewartet hast?“

Swetlana lachte.

– Ach komm! Es ist doch nur eine Torte. Tu nicht so, als wäre etwas Schreckliches passiert. In unserer Familie war es immer so, dass wir alles miteinander geteilt haben.

Marina antwortete ruhig:

– Man teilt etwas, das einem selbst gehört. Diese Torte gehörte mir.

Tamara Petrowna seufzte.

– Marina, ich wusste schon immer, dass du einen schwierigen Charakter hast. Aber dass du der Familie deines Mannes ein kleines Stück Kuchen nicht gönnst? Als ich jung war, haben wir den Gästen sogar unseren letzten Bissen gegeben.

Marina lächelte bitter.

– Dann hätten Sie Ihren eigenen letzten Bissen geben sollen, Tamara Petrowna. Nicht meinen.

Oleg stand nervös auf.

– Schluss jetzt! Mama, Sweta, ich bringe euch nach Hause. Marina, beruhige dich. Das ist jetzt wirklich unangenehm geworden.

Als die Tür hinter ihnen zufiel, blieb Marina allein in der Stille stehen.

Ein Satz wiederholte sich immer wieder in ihrem Kopf:

„Sei nicht böse.“

Das sagten sie immer.

Nachdem sie ihre Grenzen überschritten hatten.

Nachdem sie ihr etwas weggenommen hatten.

Nachdem sie so taten, als wäre nichts passiert.

Zehn Minuten später kam Oleg zurück.

– Ich habe Pizza bestellt. Möchtest du etwas?

– Nein.

– Marina, willst du dich wirklich wegen einer Torte streiten? Mama meinte, ihr tat danach sogar das Herz weh. Wäre es nicht einfacher gewesen, einfach zu lächeln und zu sagen: „Lasst es euch schmecken“?

Marina sah ihn an.

– Du verstehst es nicht. Es geht nicht um die Torte.

– Worüber dann?

– Darum, dass niemand gefragt hat, ob sie mir wichtig ist. Darum, dass meine Gefühle immer weniger zählen als die der anderen.

Oleg wurde lauter.

– Weil es doch nur eine Torte ist!

Marina trat näher.

– Wenn ich jetzt zu deinem Vater gehen würde, seine Lieblingsangel nehmen und sie jemand anderem geben würde mit der Begründung: „Warum soll sie nur herumliegen?“, was würde er sagen?

Oleg schwieg.

Und in diesem Moment verstand Marina.

Sie wussten es alle.

Sie hatten die Aufschrift auf der Torte gesehen:

Alles Gute zum Geburtstag, Marina!“

Und trotzdem hatten sie sie gegessen.

Sie hatten dabei gelacht.

Oleg war auch dabei gewesen.

Und er hatte nichts getan.

– Weißt du, was ich dir heute sagen wollte? – fragte Marina leise.

Der Mann sah sie an.

– Ich habe eine Prämie bei der Arbeit bekommen. Ich wollte dich in dieses Berghotel einladen, von dem du immer geträumt hast.

Olegs Gesicht hellte sich auf.

– Wirklich? In das Berghotel?

– Ja. Ich wollte gerade buchen.

Er trat näher.

– Dann vergessen wir das alles. Morgen kaufe ich dir eine neue Torte.

Doch Marina trat zurück.

– Nein, Oleg.

– Warum?

– Weil ich etwas erkannt habe. Es geht nicht um die Torte. Es geht darum, dass du nicht an meiner Seite stehst, wenn mir etwas wehgetan wird.

Stille.

Marina holte ihren Koffer heraus.

– Ich gehe zu Kata.

Oleg sah sie fassungslos an.

– Du gehst wirklich wegen einer Torte?

Marina schloss den Koffer.

– Nein. Nicht wegen der Torte. Sondern weil ich heute verstanden habe, dass sie mir seit Jahren Stück für Stück Teile meines Lebens wegnehmen. Erst meine Zeit. Dann meine Wünsche. Dann meine besonderen Momente.

Sie zog ihre neuen Schuhe an.

– Und meine Prämie werde ich für mich selbst ausgeben.

An der Tür drehte sie sich noch einmal um.

– Weißt du, Oleg, eine Beziehung, in der man um Respekt betteln muss, ist eine schlechte Investition.

An diesem Abend ging Marina wieder zur Konditorei.

Sie kaufte dieselbe Torte.

Eine ganze Torte.

Nur für sich selbst.

Als die Verkäuferin fragte:

– Soll ich sie in Stücke schneiden?

Marina lächelte und schüttelte den Kopf.

– Nein. Diese bleibt ganz.

Denn endlich hatte sie verstanden:

Sie hatte nicht die Torte verloren.

Sie hatte die Illusion verloren, von Menschen umgeben zu sein, die sie wirklich wertschätzten.

Und als sie den ersten Bissen nahm, schmeckte sie nicht nur die Himbeeren.

Sie schmeckte die Freiheit.

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