„Wir verkaufen deine Datscha. Meine Mutter braucht sie dringender.“ – Anya rief daraufhin nur einen einzigen Nachbarn an
Seryozha warf seine Autoschlüssel auf den Esstisch und begann ruhig, seinen Mantel aufzuknöpfen. Er sagte den nächsten Satz so selbstverständlich, als würde er nicht über einen wichtigen Teil des Lebens eines Menschen sprechen, sondern über einen alten Gegenstand, den man längst hätte wegwerfen sollen.
— Wir verkaufen deine Datscha. Meine Mutter braucht sie dringender.
Anya erstarrte neben dem Herd.
Der Topflappen glitt langsam aus ihren Fingern und fiel lautlos auf die Tischkante.
— Von welcher Datscha redest du? — fragte sie leise, noch immer mit dem Rücken zu ihm.
Seryozha lachte verständnislos.
— Na, von deiner natürlich. Eine andere gibt es nicht. Über meine kann ich ja nicht reden, weil ich keine habe.
Er zog seine Schuhe aus, schob sie achtlos zur Seite und ging in die Küche, als würden sie über etwas sprechen, das längst entschieden war.
Er blieb hinter Anya stehen, blickte in die Pfanne und fuhr fort:
— Fangen wir nicht wieder damit an. Wir sind eine Familie. Meine Mutter hat ernsthafte Probleme. Ihr Boden ist kaputt, die Rohre im Bad sind undicht, und jeden Tag kann es passieren, dass sie den Nachbarn unter ihr überschwemmt. Heute hat sie mich angerufen, sie war fast am Weinen.
Anya legte langsam den Kochlöffel weg.
Sie spürte bereits, dass etwas nicht stimmte.
— Und?
— Sie hat Handwerker für die Renovierung gefunden, aber sie hat kein Geld. Und du sitzt auf deinem sechshundert Quadratmeter großen Grundstück, fährst zweimal im Jahr hin und alles, was dort wächst, ist Unkraut. Wozu willst du es behalten? Wir verkaufen es einfach. Mit dem Geld renovieren wir die Wohnung meiner Mutter. Es bleibt sogar noch etwas für neue Möbel übrig.
Die Stimme des Mannes war ruhig.
Zu ruhig.
Als würde er nicht fragen, sondern nur eine Entscheidung verkünden.
Anya spürte, wie sich etwas Kaltes in ihr zusammenzog.
— Willst du mir gerade ernsthaft sagen, dass ich mit meinem Erbe die Renovierung deiner Mutter bezahlen soll?
Sie drehte sich um.
Sie sah ihrem Mann direkt in die Augen.
— Dieses Grundstück war ein Geschenk meiner Tante. Es gehört mir. Und ich werde es nicht verkaufen.
Seryozhas Gesicht verhärtete sich.
Er hatte genau diese Antwort erwartet.
Er hatte damit gerechnet, dass Anya zuerst ein wenig protestieren würde. Dass sie wütend werden würde. Dass sie nach ein paar Tagen ihre Meinung ändern würde.

Denn bisher war es immer so gewesen.
Erst widersprach sie, dann gab sie nach.
Aber diesmal war etwas anders in ihrer Stimme.
— Du machst aus allem wieder ein Problem, — sagte er gereizt, während er sich Wasser einschenkte. — Gestern habe ich schon alles mit meiner Mutter besprochen. Das Grundstück liegt gut. Wir finden schnell einen Käufer. Am Wochenende fahre ich hin, mache Fotos und stelle es ins Internet.
Anya sah ihn ungläubig an.
— Du willst es also schon anbieten? Ohne mich?
— Anya, tu nicht so, als würde hier eine riesige Ungerechtigkeit passieren. Meine Mutter braucht es wirklich.
Natürlich.
Zinaida Petrovna hatte schon immer so gedacht.
Das Eigentum ihrer Schwiegertochter gehörte in ihren Augen nie wirklich jemand anderem.
Es war nur etwas, worauf sie früher oder später Anspruch haben würde.
Vier Jahre zuvor, als Anya das kleine Holzhaus geerbt hatte, hatte ihre Schwiegermutter schon beim ersten Besuch Pläne gemacht.
— Hier sollte eine Sauna für Seryozha hin, — hatte sie gesagt.
— Dort machen wir einen Gemüsegarten.
— Und hier wäre ein guter Platz für die Einmachgläser.
Damals hatte Anya zum ersten Mal in ihrem Leben Nein gesagt.
Sie wollte keinen Garten für die Wünsche anderer.
Sie wollte ihre Wochenenden nicht mit Arbeit verbringen.
Sie wollte keinen weiteren Ort, an dem alle ihr sagten, was sie tun sollte.
Sie wollte nur ein bisschen Ruhe.
Damals war Zinaida beleidigt gewesen.
Sie hatte Anya nutzlos genannt.
Danach hatte sie monatelang kaum mit ihr gesprochen.
Aber Seryozha hatte inzwischen seine eigene „Verwendung“ für das Grundstück gefunden.
Nach und nach begann er, seine Sachen dorthin zu bringen.
Alte Rohre.
Rostige Heizkörper.
Metallstücke.
Autoteile.
Alles, was „irgendwann noch nützlich sein könnte“.
— Schrott bringt Geld, — sagte er immer.
Doch bevor Anya merkte, was passiert war, war aus ihrem kleinen ruhigen Rückzugsort ein Schrottplatz geworden.
Das Haus war kaum noch zu sehen.
Anya verschränkte die Arme.
— Meine Antwort lautet: Nein.
Seryozha sah sie an.
— Wie bitte?
— Ich verkaufe es nicht. Es ist mein Eigentum. Ende der Diskussion.
Das Gesicht des Mannes wurde rot.
Er stellte die Tasse härter auf die Arbeitsplatte, als nötig gewesen wäre.
— Dann hör gut zu. Morgen bringe ich einen Immobilienmakler dorthin. Wir lassen das Grundstück bewerten. Und wenn ein ernsthafter Käufer kommt, werden wir sehen, wie du das alles verhindern willst.
Er trat näher.
— Meine Mutter rechnet bereits mit dem Geld. Du wirst mich vor ihr nicht bloßstellen.
Anya sah ihn nur an.
Nicht seine Wut machte ihr Angst.
Sondern die Tatsache, dass er wirklich glaubte, das Recht zu haben, für sie zu entscheiden.
Seryozha nahm seine Jacke.
— Ich gehe zu meiner Mutter und helfe ihr vor Beginn der Renovierung. Du kannst in der Zwischenzeit darüber nachdenken, wie egoistisch du bist.
Die Tür fiel ins Schloss.
Die Wohnung wurde plötzlich still.
Anya blieb mitten in der Küche stehen.
Sie weinte nicht.
Sie zerbrach nicht.
Sie sah nur auf ihr Telefon auf der Fensterbank.
Morgen wollte er einen Immobilienmakler mitbringen?
Gut.
Dann würde sie auch etwas tun.
Langsam nahm sie das Telefon und suchte in den Kontakten nach dem Buchstaben „M“.
— Mischa? Hallo. Ich bin’s, Anya, von der Datscha.
Am anderen Ende lachte eine tiefe Männerstimme.
— Na sowas, Nachbarin! Was ist passiert? Hat dein Mann wieder eine Ladung Eisen gebracht? Ich habe schon Angst, dass sie irgendwann zu mir herüberrollt.
Anya lächelte.
Aber in diesem Lächeln war keine Freundlichkeit mehr.
Nur Entschlossenheit.
— Nein, Mischa. Diesmal geht es um etwas viel Ernsteres.
— Worum?
— Du hast doch neulich erzählt, dass du dir eine neue Schweißmaschine gekauft hast. Eine starke.
Die Stimme des Mannes wurde sofort ernster.
— Ja. Warum?
Anya blickte aus dem Fenster.
— Weil ich sie brauche.
Einen Moment lang herrschte Stille.
— Wofür?
— Für eine Lektion.
Vierzig Minuten später saß Anya bereits auf dem Weg zur Datscha im Auto.
Sie weinte nicht.
Sie zitterte nicht.
Der Plan war in ihrem Kopf längst fertig.
Mischa wartete am Zaun.
Er trug Arbeitshandschuhe, hatte die Schweißmaske auf die Stirn geschoben und betrachtete kritisch den grünen Metallzaun.
Dahinter stand Seryozhas ganzer Stolz:
der riesige Schrotthaufen, den er über Jahre angesammelt hatte.
Und Anya wusste ganz genau:
Morgen würde nicht mehr sie diejenige sein, die vor vollendete Tatsachen gestellt wurde.


