„Damit du dich nie wieder schminkst!“ schrie meine Schwiegermutter und schüttete mir ein Glas Kompott ins Gesicht. Ich rief schweigend die Polizei.

„Schmink dir nie wieder die Lippen!“ schrie meine Schwiegermutter und schüttete mir einen Topf Kirschkompott ins Gesicht. Ich sagte kein Wort – und rief die Polizei.

Wir lebten in der Wohnung meiner Schwiegermutter. Genauer gesagt in ihrer kleinen Zweizimmerwohnung, in der jedes Möbelstück, jeder Vorhang und selbst die Luft uns spüren ließ, dass wir dort nur geduldete Gäste waren.

Mein Mann Viktor und ich versuchten seit zwei Jahren, ein eigenes Zuhause zu kaufen, doch unsere Baufinanzierung steckte irgendwo zwischen der Zusage der Bank und der Realität fest. Ich arbeitete von zu Hause aus im Kundenservice, Viktor fuhr Taxi. Wir lebten nicht im Luxus, aber wir arbeiteten hart und ehrlich.

Es gab jedoch eine Sache, die Ilona einfach nicht ertragen konnte.

Meinen roten Lippenstift.

Er war nicht teuer. Ich hatte ihn für ein paar Euro in einer Unterführung gekauft. Trotzdem trug ich ihn jeden Morgen auf, bevor ich meinen Computer einschaltete. Dieses kleine Ritual erinnerte mich daran, dass ich nicht nur die Schwiegertochter von jemandem war, sondern auch eine eigenständige Frau.

„Schau sie dir an, Viktor“, spottete meine Schwiegermutter. „Deine Frau sieht aus, als würde sie in einen Nachtclub gehen. Eine anständige Frau trägt keinen knallroten Lippenstift.“

Viktor blickte nicht einmal von seinem Handy auf.

Er sagte kein einziges Wort.

Mit der Zeit schmerzte sein Schweigen mehr als alle Beleidigungen seiner Mutter.

Eines Abends, während ich das Geschirr spülte, begann Ilona wieder.

„Weißt du eigentlich, wie viel dieses Zeug kostet? Dafür könnte man ein ordentliches Abendessen kochen.“

„Ich habe ihn von meinem eigenen Geld gekauft“, antwortete ich ruhig.

„Von deinem eigenen Geld? Lächerlich! Mein Sohn finanziert dich. Du sitzt doch den ganzen Tag nur vor deinem Computer.“

Fast hätte ich gelacht.

Ich bezahlte den Großteil der Einkäufe, die Hälfte der Nebenkosten und hatte ihr sogar mehrmals Geld geliehen, bevor ihre Rente überwiesen wurde. Doch ich wusste, dass jede Diskussion sinnlos war. Sie wollte keine Wahrheit hören. Sie suchte nur den nächsten Grund, mich zu demütigen.

Ein paar Tage später kam ich nach Hause und blieb wie erstarrt stehen.

Mein Lippenstift war auf dem Flurschrank verschmiert.

Ilona rieb damit gerade über die Schranktür.

„Was machen Sie da?“, fragte ich entsetzt.

„Ich entferne einen Fleck. Wenigstens taugt dieses Zeug endlich zu etwas.“

„Das ist mein Lippenstift!“

„Dann kauf dir eben einen neuen. Du bist doch so stolz auf dein Gehalt.“

Am Abend erzählte ich Viktor alles.

„Natasha, mach daraus keine große Sache“, seufzte er. „Meine Mutter ist alt. Kauf einfach einen neuen. Und ehrlich gesagt: Wenn du dich nicht so auffällig schminken würdest, gäbe es diese Streitereien gar nicht.“

In diesem Moment zerbrach etwas in mir.

Nicht wegen des Lippenstifts.

Sondern weil mir klar wurde, dass mein Mann niemals für mich einstehen würde.

Am folgenden Sonntag bekamen wir Besuch – Ilonas Schwester und ihr Mann kamen zum Essen. Natürlich hatte ich gekocht, den Tisch gedeckt und anschließend den Abwasch gemacht. Bevor ich mich zu den anderen setzte, trug ich noch einmal meinen roten Lippenstift auf.

„Seht sie euch an!“, lachte Ilona laut. „Meine Schwiegertochter macht sich fürs Abendessen fertig, als würde sie über den roten Teppich laufen.“

Alle lächelten, bis ihre Schwester schließlich sagte:

„Lass das Mädchen doch endlich in Ruhe. Sie ist jung. Natürlich darf sie sich schminken.“

„Jung?“, fauchte Ilona. „Sie ist fünfunddreißig! In ihrem Alter hatte ich bereits ein Haus gebaut und meine Familie zusammengehalten. Sie dagegen kennt nur ihren Lippenstift.“

Viktor aß weiter.

Kein einziges Wort.

Sein Schweigen verletzte mich tiefer als jede Beleidigung.

Einige Tage später arbeitete ich wieder von zu Hause. Nach dem Mittagessen trug ich meinen Lippenstift erneut auf und wollte gerade zurück an den Computer gehen. Ich hatte Kopfhörer auf und bemerkte erst spät, dass Ilona hinter mir stand.

„Schon wieder dieses abscheuliche Rot?“, fragte sie leise.

Ich nahm einen Kopfhörer ab.

„Wem willst du mit fünfunddreißig eigentlich noch gefallen?“

Ich holte tief Luft.

„Es ist nur Lippenstift.“

„Nein“, sagte sie kalt. „Es ist Respektlosigkeit.“

Bevor ich etwas erwidern konnte, griff sie nach dem Topf mit dem frisch gekochten Kirschkompott und schüttete ihn mir mit voller Wucht ins Gesicht.

Der klebrige rote Saft lief mir durch die Haare, über den Hals und durchnässte meine Bluse.

Für einige Sekunden konnte ich mich nicht bewegen.

„Damit du dir nie wieder die Lippen schminkst!“, schrie sie. „In meinem Haus wird keine Frau wie du herumstolzieren!“

Langsam wischte ich mir das Gesicht ab.

Dann nahm ich mein Handy heraus.

Ich wählte den Notruf.

„Guten Tag. Ich möchte die Polizei rufen. Ich wurde in meinem eigenen Zuhause angegriffen und gedemütigt.“

Ilonas Gesicht wurde kreidebleich.

„Bist du verrückt geworden? Das war doch nur Kompott!“

„Ich möchte Anzeige erstatten.“

Als Viktor nach Hause kam, nahmen die Polizeibeamten bereits meine Aussage auf.

Ilona weinte laut und behauptete, ich hätte sie provoziert.

Die Beamten gingen kurz auf den Flur.

Viktor trat zu mir.

„Musste das wirklich so weit kommen? Sie ist doch meine Mutter.“

„Und ich bin deine Ehefrau.“

Er antwortete nicht.

Da wusste ich, dass unsere Ehe vorbei war.

„Ich ziehe aus“, sagte ich ruhig.

„Du meinst das ernst?“

„Ja. Und du bleibst bei ihr.“

Drei Tage später mietete ich ein kleines Zimmer am anderen Ende der Stadt und reichte die Scheidung ein.

Zuerst war Viktor wütend.

Dann flehte er mich an.

Schließlich wiederholte er immer wieder denselben Satz:

„Meine Mutter ist doch alt …“

Und jedes Mal legte ich kommentarlos auf.

Als ich ein letztes Mal zurückkam, um meine Sachen abzuholen, hörte ich Ilona laut in ihrem Zimmer weinen.

Viktor stand mit gesenktem Kopf in der Tür.

Ich nahm meinen neuen roten Lippenstift vom Nachttisch und sah ihm direkt in die Augen.

„Jahrelang dachte ich, wenn ich nur stillhalte, wird sie mich irgendwann akzeptieren. Wenn ich mich genug verändere, wird sie mich vielleicht lieben. Aber sie wollte nie, dass ich mich ändere.

Sie wollte, dass ich verschwinde.

Und du hast jeden einzelnen Tag dabei zugesehen.“

Viktor traten Tränen in die Augen.

„Es tut mir leid …“

„Es ist zu spät.“

Ich trat hinaus in den kühlen Herbstabend.

Vor dem Hauseingang zog ich meinen Lippenstift hervor und schminkte meine Lippen langsam erneut rot.

Im Spiegelbild der Glastür sah ich mein Gesicht.

Mein Lächeln war noch vorsichtig.

Doch zum ersten Mal seit vielen Jahren…

fühlte ich mich frei.

Bis heute trage ich jeden Morgen roten Lippenstift.

Später heiratete ich einen Mann, der mich nie fragt, warum ich ihn trage. Stattdessen lächelt er jeden Morgen und küsst genau diese roten Lippen.

Doch das ist nicht die eigentliche Botschaft meiner Geschichte.

Die wahre Erkenntnis ist, dass ich endlich zu mir selbst gefunden habe.

Denn wer behauptet, er werde dich erst lieben, wenn du dich veränderst, will dich nicht wirklich lieben.

Er will, dass du nach und nach verschwindest.

Und manchmal besteht die mutigste Entscheidung nicht darin, alles weiter zu ertragen.

Sondern darin, aufzustehen, hinauszugehen…

…und das Einzige mitzunehmen, das dich daran erinnert, wer du wirklich bist.

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