— Lern Karina kennen. Solange wir noch nicht geschieden sind und die Wohnung nicht verkauft ist, wird sie hier wohnen.
Ilja sagte es mit einer solchen Ruhe, als würde er etwas völlig Alltägliches verkünden. Er stellte zwei schwere Koffer im Flur ab und vermied es, seiner Frau direkt in die Augen zu sehen.
Alla war seit fünfundzwanzig Jahren seine Ehefrau.
Und nun stand er mit einer jungen Frau vor ihr.
Karina trug einen hellen Kaschmirmantel und zog ihren Schal enger um den Hals. Sie wirkte verlegen, doch in ihren Augen lag auch eine Spur von Herausforderung.
Alla stand in der Küchentür und hielt noch immer den feuchten Schwamm in der Hand.
— Die Wohnung gehört drei Personen, fuhr Ilja fort. — Mein Anteil gehört mir. Ich habe das Recht, hierherzubringen, wen ich will. Wenn dir das nicht gefällt, kannst du zu deiner Mutter gehen.
Ilja war überzeugt, dass Alla zusammenbrechen würde.
Er kannte seine Frau. Er wusste, wie sehr sie Streit und Skandale hasste. Und er wusste auch, dass sie niemals freiwillig mit einer anderen Frau unter einem Dach leben würde.
Er rechnete damit, dass Alla ihre Sachen packen, unter Tränen gehen und ihnen die Drei-Zimmer-Wohnung überlassen würde.
Doch Alla weinte nicht.
Sie schrie nicht.
Sie spülte einfach den Schwamm aus, trocknete ihre Hände und ging zurück zu ihnen.
— Zieht eure Schuhe aus, sagte sie ruhig. — Kommt nicht mit Schlamm herein. Ich habe gerade sauber gemacht.
Ilja starrte sie fassungslos an.
— Alla, du verstehst das nicht. Wir werden im Schlafzimmer wohnen. Du musst deine Sachen packen.
— Ich habe verstanden.
Alla ging ins Schlafzimmer, holte ihre große Sporttasche heraus und begann, ihre Sachen einzupacken.
Ilja folgte ihr.
— Was machst du da?
— Ich ziehe ins Wohnzimmer.
— Du willst wirklich hierbleiben?
Alla sah ihn an.
— Natürlich. Zwei Drittel dieser Wohnung gehören mir und unserem Sohn. Ich werde sie dir nicht einfach schenken.
Sie nahm ihre Bettwäsche und trug sie ins Wohnzimmer.
In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Zimmer des zwanzigjährigen Maksim.
Der junge Mann sah sich verschlafen um.
— Mama, was ist hier los?
— Dein Vater hat seine Freundin mitgebracht. Sie werden im Schlafzimmer wohnen und ich hier.
Maksim sah langsam zu seinem Vater.
— Soll ich sie rauswerfen?
— Nein, sagte Alla. — Dein Vater besitzt einen Anteil an dieser Wohnung. Wir halten uns an das Gesetz. Geh wieder lernen.
Maksim sah seinen Vater einige Sekunden lang schweigend an und ging dann zurück in sein Zimmer.
In dieser Nacht weinte Alla nicht.
Sie lag auf dem Sofa und hörte die gedämpften Stimmen aus dem Schlafzimmer.
Doch eines wusste sie ganz sicher:
Ihr Leben hatte sich verändert.
Und von nun an würde sie nicht mehr für ihre Ehe kämpfen.
Sie würde für sich selbst kämpfen.

Der Krieg begann bereits am nächsten Morgen.
Alla stand wie immer um halb sieben auf. Sie frühstückte und ging anschließend ins Badezimmer.
Genau vierzig Minuten später klopfte jemand an die Tür.
— Alla, brauchst du noch lange? fragte Karina. — Ilja muss zur Arbeit.
Alla öffnete die Tür.
— Ich bin fertig. Aber der Abfluss läuft langsam ab. Du musst warten.
Karina eilte hinein.
Wenige Sekunden später stieß sie einen überraschten Schrei aus.
Alla hatte am Vorabend Karinas gesamte Kosmetik zusammengeräumt und in eine Tasche gesteckt.
Kurz darauf erschien Ilja.
— Was soll das? Warum hast du Karinas Sachen weggeräumt?
— Weil das auch mein Badezimmer ist. Sie kann ihre Kosmetik in ihrem eigenen Zimmer aufbewahren.
— Sie lebt bei mir!
— Dann soll sie sich ihre eigene Zahnpasta, Seife und alles andere kaufen, was sie braucht. Ich werde deine Geliebte nicht versorgen.
Ilja sah sie wütend an.
Dann schenkte er sich eine Tasse Kaffee ein.
Alla nahm ihm die Tasse aus der Hand und schüttete den Kaffee in den Ausguss.
— Das ist mein Kaffee, sagte sie.
— Bist du verrückt geworden?
— Nein. Ich mache dir einfach keinen Kaffee mehr.
In den nächsten Tagen wurde das Leben für Ilja und Karina immer unangenehmer.
Alla arbeitete von zu Hause aus und hielt sich deshalb fast den ganzen Tag im Wohnzimmer auf. Und das Wohnzimmer war gleichzeitig der zentrale Durchgang der Wohnung. Egal, wohin sie wollten, sie mussten an Alla vorbeigehen.
Karina fühlte sich zunehmend unwohl.
Auch die Küche konnte sie kaum benutzen, denn sie konnte nicht kochen. Also bestellten sie und Ilja Pizza, Hamburger und Sushi.
Eines Morgens sammelte Alla sämtliche leeren Essensverpackungen ein und stellte sie ordentlich vor die Schlafzimmertür.
Ilja kam heraus, stolperte darüber und begann wütend zu fluchen.
— Dein Müll, dein Problem, sagte Alla ruhig.
Währenddessen kochte sie weiterhin jeden Tag.
Borschtsch.
Gebratenes Fleisch.
Kartoffeln mit Pilzen.
Hausgemachtes Gebäck.
Sie aß in Ruhe mit Maksim zu Abend.
Ilja dagegen aß kalte Pizza im Schlafzimmer.
Karina versuchte einmal zu kochen, doch danach sah die Küche aus, als hätte dort ein Krieg stattgefunden.
Am nächsten Morgen erwartete sie eine weitere Überraschung.
Das gesamte Geschirr war verschwunden.
Teller, Gläser, Pfannen, Töpfe, Besteck – nichts war mehr da.
Ilja stellte Alla wütend zur Rede.
— Das sind auch meine Sachen!
— Nein. Ich habe sie gekauft. Ich habe die Kassenbons noch.
— Das ist eine gemeinsame Wohnung!
— Dann kauf dir dein eigenes Geschirr.
Ilja begriff endlich, dass Alla nicht nachgeben würde.
Nach einer Woche war Karina völlig desillusioniert.
So hatte sie sich ihr Leben nicht vorgestellt.
Sie hatte geglaubt, an Iljas Seite bequem und sorgenfrei leben zu können.
Stattdessen musste sie tagsüber die Wohnung verlassen, weil Alla nicht zuließ, dass sie allein dort blieb.
Ilja ging zur Arbeit.
Karina saß in Cafés, wärmte sich in der Bibliothek auf oder ging morgens in günstige Kinovorstellungen.
Ihr Geld wurde schnell knapp.
Am Donnerstag hatte sie sich bereits erkältet.
An diesem Abend explodierte sie schließlich vor Ilja.
— Ich halte das nicht mehr aus! schrie sie. — Miete uns eine Wohnung!
— Wovon? Ich habe nicht so viel Geld.
— Dann verkauf diese Wohnung!
— Wir müssen uns erst scheiden lassen. Danach verkaufen wir sie, und ich bekomme meinen Anteil.
Karina lachte bitter.

— Wann? In sechs Monaten?
Ilja schwieg.
— Ich dachte, du wärst ein Mann, schleuderte Karina ihm entgegen. — Du hast mir gesagt, Alla würde gehen. Stattdessen bist du jetzt selbst ein Gast in ihrer eigenen Wohnung!
Ilja wurde blass.
— Sprich leiser!
Doch Karina war das inzwischen egal.
Sie griff nach ihrem Koffer.
— Ich habe genug!
Sie stopfte ihre Kleidung hinein und stürmte aus der Wohnung.
Alla stand in der Tür zum Wohnzimmer.
Karina sah sie mit tränengefüllten Augen an.
— Bist du jetzt zufrieden? Du hast mich vertrieben!
— Ich habe dich nicht vertrieben, antwortete Alla. — Ich habe nur mein Zuhause verteidigt.
Karina schlug die Tür hinter sich zu.
Ilja blieb lange regungslos stehen.
Dann wandte er sich Alla zu.
— Vielleicht… haben wir überstürzt gehandelt.
— Nein.
— Es war nur eine Krise. Männer in der Lebensmitte machen manchmal…
— Nein.
Allas Stimme war leise, aber endgültig.
— Morgen reiche ich die Scheidung ein.
Iljas Gesicht veränderte sich.
— Alla…
— Wir werden die Wohnung verkaufen. Jeder bekommt den Anteil, der ihm gesetzlich zusteht.
— Und wo soll ich hin?
— Das ist nicht mehr mein Problem.
Ilja setzte sich.
— Ich will meine Familie nicht verlieren.
Alla sah ihn einige Sekunden schweigend an.
— Du hast deine Familie nicht heute verloren, Ilja.
Der Mann blickte auf.
— Du hast sie verloren, als du eine andere Frau nach Hause gebracht und geglaubt hast, ich würde gehen.
Damit ging Alla zurück ins Wohnzimmer.
Sie schloss die Tür hinter sich.
Sie legte sich auf das Sofa und fühlte sich zum ersten Mal seit einer Woche vollkommen ruhig.
Sie wusste, dass noch ein langer Weg vor ihr lag.
Scheidung.
Anwälte.
Papierkram.
Der Verkauf der Wohnung.
Ein Umzug.
Doch das Wichtigste hatte sie bereits getan.
Sie hatte sich geweigert, sich in ihrem eigenen Zuhause niedertrampeln zu lassen.
Sie hatte sich geweigert, etwas aufzugeben, für das sie fünfundzwanzig Jahre lang gearbeitet hatte.
Und in dieser Nacht schlief Alla endlich friedlich.
Denn sie hatte etwas verstanden:
Ihre Ehe war vorbei.
Aber ihr Leben war es nicht.
Vielleicht begann es gerade erst wirklich.

