— Dieses Jahr kommen wir zu euch ans Meer in den Urlaub – mit der ganzen Truppe! — verkündete die Stimme der Ex-Frau meines Mannes fröhlich aus dem Lautsprecher seines Handys. — Macht euch schon mal bereit. Wir kommen um den Fünfzehnten herum!
Der Anruf kam an einem dieser perfekten Samstagmorgen, an denen man noch glaubt, der ganze Tag würde genauso ruhig bleiben, wie er begonnen hat.
Pascha und ich saßen auf der Veranda unseres Hauses in Sukko. Die Luft roch nach Wacholder, frisch gebrühtem Kaffee und einer leicht salzigen Meeresbrise, die von der Küste herüberwehte.
Mein Mann hantierte gerade mit den Schaschlikspießen und marinierte das Fleisch für unser Abendessen. Als sein Handy klingelte, tippte er mit den noch gewürzten Fingern automatisch auf den Bildschirm und schaltete die Freisprecheinrichtung ein.
Auf dem Display erschien nur ein Name:
Rita.
Meine Hand mit der Kaffeetasse erstarrte.
Pascha spannte die Schultern an.
Selbst Bocsman, unser Golden Retriever, der unter der Weinrebe döste, öffnete ein Auge.
Rita rief nie einfach so an.
Sie rief an, wenn sie Geld brauchte oder wenn wieder ein „riesiges Problem“ aufgetaucht war, das ihrer Meinung nach selbstverständlich ihr Ex-Mann lösen musste.
— Rita, warte mal… — Pascha wischte sich hastig die Hände an einem Küchenpapier ab. Seine Stimme hatte bereits diesen schuldbewussten Ton angenommen, den ich so sehr hasste. — Was meinst du mit „die ganze Truppe“? Wohin wollt ihr kommen?

— Na, zu euch! In den Süden! — Rita lachte, als wären wir die besten Freunde und ich hätte sehnsüchtig auf ihren Besuch gewartet. — Pascha, stell dich doch nicht so dumm an! Wir haben beschlossen, dieses Jahr beim Hotel zu sparen. Warum Fremden Geld geben, wenn mein Ex-Mann ein eigenes Haus am Meer hat? Außerdem brauchen die Kinder die Seeluft und das Jod.
— Die Kinder? — wiederholte Pascha völlig verwirrt.
Mit seinen beiden Kindern aus erster Ehe, dem dreizehnjährigen Denis und der zehnjährigen Mascha, verstand ich mich wunderbar.
Sie waren nicht das Problem.
Im vergangenen Sommer hatten sie fast einen Monat bei uns verbracht. Wir waren gemeinsam nach Utrisch gefahren, hatten Marshmallows über dem Lagerfeuer geröstet, ich hatte Mascha beigebracht, Freundschaftsbänder zu flechten, während Pascha und Denis stundenlang angeln waren.
Die Kinder waren in unserem Haus jederzeit willkommen.
Aber allein das Wort „Truppe“, so wie Rita es aussprach, ließ mir einen unangenehmen Schauer über den Rücken laufen.
— Natürlich die Kinder! — zwitscherte Rita weiter. — Hör zu, schreib dir am besten auf, wer alles kommt, damit ihr die Zimmer richtig verteilt. Also ich, Igor, unser kleiner Wovotschka – laut Arzt braucht er das Meer unbedingt! – und natürlich Swetlana Jurjewna, Igors Mutter. Irgendjemand muss schließlich auf Wowotschka aufpassen, während Igor und ich baden und uns erholen.
Sie machte eine kurze Pause.
— Ach ja, und Denis und Mascha natürlich. Und unseren Spitz Mickey nehmen wir auch mit. Der schläft in seiner Transportbox. Ihr werdet ihn kaum bemerken.
Langsam stellte ich meine Tasse auf den Tisch.
Plötzlich schmeckte der Kaffee bitter wie Medizin.
Lassen wir uns die Situation einmal auf der Zunge zergehen.
Die Ex-Frau meines Mannes hatte gerade angekündigt, dass sie für zwei Wochen mit ihrer gesamten neuen Familie bei uns einziehen würde.
Sie.
Ihr neuer Ehemann.
Ihr gemeinsames Baby.
Ihre neue Schwiegermutter.
Ihr Hund.
Und natürlich die beiden Kinder, die sie mit meinem Mann hatte.
Alles kostenlos.
In unserem Haus.
Mitten in der Sommersaison.
Pascha sah mich an.
Panik stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Er war einer dieser Männer, die lieber ihr letztes Hemd verschenken würden, als einen Streit anzufangen. Konflikte waren ihm ein Graus. Und wahrscheinlich war genau das der Grund, warum Rita ihn selbst sieben Jahre nach ihrer Scheidung noch mit wenigen Worten in Schuldgefühle stürzen konnte.
— Rita, hör zu… — begann Pascha zögernd. — Denis und Mascha können natürlich kommen. Sie sind immer willkommen. Sie könnten sogar den ganzen Sommer bleiben. Ich bezahle ihre Fahrkarten. Aber… alle anderen…
— Ach, Pascha, fang nicht schon wieder an! — fuhr Rita ihn an.
Die Süße war augenblicklich aus ihrer Stimme verschwunden.
Ich kannte diesen Ton.
Jetzt begann die Manipulation.
— Was heißt hier „alle anderen“? — fragte sie scharf. — Das ist doch kein Hotel! Ich weiß genau, wie euer Haus aussieht. Mascha hat mir die Fotos gezeigt. Zwei Etagen, drei Gästezimmer! Da ist genug Platz für alle! Und außerdem bin ich die Mutter deiner Kinder!
Pascha schloss die Augen.
— Rita…
— Oder willst du etwa, dass die Kinder in dieser stickigen Stadt sitzen, während ihr es euch hier am Meer gut gehen lasst?!
— Darum geht es doch gar nicht …
— Worum dann?
Pascha sah mich an.
— Wir arbeiten — sagte er leise. — Anja arbeitet den ganzen Tag im Homeoffice, und ich bin von morgens bis abends in der Werkstatt. Wer soll für euch kochen? Wer soll sauber machen?
— Ach, hör auf! — spottete Rita. — Wir brauchen doch keine Bedienung. Wir kommen schon alleine klar. Du kannst ja mal eine Suppe kochen, und deine Anja kann den Tisch decken. Davon wird sie schon nicht sterben. Wir sind schließlich Familie!
Familie.
Das war ihre Lieblingswaffe.
Dann setzte sie zum letzten Schlag an.
— Außerdem haben wir die Fahrkarten schon gekauft. Der Zug kommt am fünfzehnten um sechs Uhr abends in Anapa an. Du holst uns vom Bahnhof ab, ja? Wir brauchen zwei Autos. Wir sind schließlich viele.
Stille.
Ich sah, wie Paschas Schultern langsam nach unten sanken.
Schuldgefühle.
Rita wusste genau, welche Knöpfe sie drücken musste.
„Ich bin die Mutter deiner Kinder.“
„Du hast deine Familie verlassen.“
„Was bist du für ein Vater?“
Nur stimmte eines daran nicht.
Rita war diejenige gewesen, die Pascha wegen eines anderen Mannes verlassen hatte.
Sieben Jahre zuvor war Pascha mit einem einzigen Koffer und einem alten Toyota zurückgeblieben.
Damals hatte ich ihn praktisch Stück für Stück wieder zusammensetzen müssen.
Und jetzt versuchte dieselbe Frau erneut, in unser Leben einzudringen.
Pascha sah mich an.
Er sagte nichts.
Aber sein Blick sprach Bände.
Anja… bitte. Nur dieses eine Mal. Wir werden es schon überstehen.
Ich stand auf.
Legte das Geschirrtuch beiseite.
Ging zum Tisch und nahm ihm das Handy aus der Hand.
— Hallo, Rita.
Am anderen Ende herrschte einige Sekunden lang Schweigen.
Offenbar hatte sie nicht damit gerechnet, mich zu hören.
Normalerweise mischte ich mich nie in die Gespräche zwischen Pascha und Rita ein. Seine Vergangenheit war seine Angelegenheit, solange sie nicht in unsere Gegenwart hineinreichte.
Aber diesmal hatte sie nicht einfach eine Grenze überschritten.
Sie war mit einem Bulldozer darüber hinweggefahren.
— Oh, Anja! Hallo, meine Liebe! — trällerte Rita mit künstlicher Freundlichkeit. — Ich bespreche gerade mit Pascha unseren Urlaub. Ihr nehmt uns doch auf, oder?
Ich lächelte.
— Natürlich, Rita.
Paschas Augen wurden groß.
Er schüttelte hektisch den Kopf.
Ich hob eine Hand.
Ganz ruhig.
— Wir freuen uns immer über Gäste — fuhr ich fort. — Schreib mit.
— Was soll ich aufschreiben?
— Die Preisliste.
Stille.
— Die… Preisliste?
— Ja. Du hast doch gesagt, ihr wollt bei der Unterkunft sparen. Bei uns wird es günstiger.
Pascha sah mich inzwischen an, als wäre ich völlig verrückt geworden.
— Denis und Mascha wohnen kostenlos. Darüber müssen wir überhaupt nicht diskutieren. Sie sind Paschas Kinder. Dieses Haus ist auch ihr Zuhause.
Ich machte eine kurze Pause.
— Für alle anderen gelten allerdings andere Bedingungen.
Rita lachte nicht mehr.
— Das Zimmer im Obergeschoss mit Meerblick und eigenem Bad ist für dich, deinen Mann und das Baby. Im August kostet es sechstausend Rubel pro Tag.
Am anderen Ende wurde es still.
— Swetlana Jurjewna kann im Gästezimmer im Erdgeschoss schlafen. Das Bett ist kleiner, deshalb bekommt sie einen Rabatt: viertausend Rubel pro Tag.
— Du bist doch verrückt!
— Essen ist nicht im Preis enthalten. Ihr könnt die Küche benutzen, aber jeder räumt sofort hinter sich auf. Wir haben kein Reinigungspersonal.
— Pascha! — schrie Rita. — Hörst du, was diese Verrückte da erzählt?!
— Pascha hört alles — erwiderte ich ruhig. — Aber ich entscheide, wer in meinem Haus wohnt.
Ich holte tief Luft.
— Rita, dieses Haus gehört mir. Ich habe es mit dem Geld aus dem Verkauf der Wohnung gekauft, die ich von meiner Großmutter geerbt hatte. Die Unterlagen laufen auf meinen Namen. Pascha lebt hier, aber er entscheidet nicht darüber, wer in diesem Haus wohnen darf.
Am anderen Ende hörte ich jemanden laut schlucken.
— Wie kannst du es wagen?! — explodierte Rita. — Wir sind Familie! Ich bin die Mutter seiner Kinder! Igor wird ausrasten!
— Igor darf wegen sechstausend Rubel pro Tag gerne ausrasten — erwiderte ich.
Pascha hielt sich plötzlich die Hand vor den Mund, um sein Grinsen zu verbergen.
— Rita, begreif endlich etwas. Ihr seid für mich Fremde. Ich bin nicht verpflichtet, euren Urlaub zu finanzieren, eure Wäsche zu waschen, für euch zu kochen, das Schreien eures Babys zu ertragen oder mit deiner neuen Schwiegermutter in meinem eigenen Haus zusammenzuleben.
— Du… du geldgierige Schlampe!
— Vielleicht.
Meine Stimme blieb vollkommen ruhig.
— Aber wenigstens nenne ich euch die Preise im Voraus.
Rita schrie beinahe.
— Ich werde die Kinder nie wieder zu euch lassen! Niemals!
— Das ist deine Entscheidung.
Meine Stimme wurde kein bisschen lauter.
— Auch wenn du deine eigenen Kinder nur deshalb um einen Urlaub am Meer bringst, weil du nicht für den Urlaub deiner neuen Familie bezahlen willst … nun, das ist deine Entscheidung, nicht meine.
Stille.
— Denis und Mascha sind jederzeit willkommen. Pascha bezahlt ihre Fahrkarten. Wenn ihr anderen ebenfalls kommen wollt, verlange ich fünfzig Prozent Anzahlung. Wenn das Geld bis heute Abend nicht überwiesen ist, vermiete ich die Zimmer an die Familie aus Tjumen, die gestern angerufen hat.
Wieder herrschte Schweigen.
— Ich warte auf eure Entscheidung.
Dann fügte ich freundlich hinzu:
— Einen schönen Tag noch, Margarita.

Klick.
Ich beendete das Gespräch.
Das Handy landete wieder auf dem Tisch.
Eine beinahe unnatürliche Stille legte sich über den Hof.
Die Zikaden zirpten weiter zwischen den Oleanderbüschen.
In der Ferne rauschte das Meer.
Bocsman kam zu mir und stupste mit seiner feuchten Nase sanft gegen mein Knie.
Pasha stand einfach nur da.
Noch immer hielt er den Spieß in der Hand, den er für das Abendessen vorbereitet hatte.
Sein Gesicht war blass.
Ich stellte mich innerlich auf einen Streit ein.
Jetzt würde er mir sagen, dass ich zu weit gegangen war.
Dass Rita immerhin die Mutter seiner Kinder war.
Dass ich nicht so mit ihr hätte reden dürfen.
Doch Pasha legte langsam den Spieß beiseite.
Er kam zu mir.
Nahm meine Hände in seine.
Seine Handflächen waren warm und rochen noch immer nach Zwiebeln und Marinade.
— Anja …
— Ja?
— Verzeih mir.
Ich blinzelte überrascht.
— Wofür?
Pasha senkte den Kopf.
— Dafür, dass ich so ein Feigling war.
— Pasha …
— Ich wusste, dass das, was Rita da macht, völlig unverschämt ist. Ich wusste, dass ich das nicht wollte. Und trotzdem konnte ich nicht Nein sagen.
Dann legte er seine Stirn an meine Schulter.
— Ich hatte Angst, dass sie sich über die Kinder rächen würde. Ich hatte Angst, dass sie die Kinder gegen mich aufbringen würde. Und ich war bereit, die ganze Truppe in unser Haus einziehen zu lassen, nur damit ich ihre Vorwürfe nicht anhören musste.
Er drückte meine Hände.
— Danke, dass du ausgesprochen hast, was ich nicht sagen konnte.
Ich nahm ihn in den Arm.
— Schon gut, Pasha.
Ich lächelte.
— Manchmal muss man den Menschen einfach zeigen, wo der Ausgang ist.
Pasha lachte.
— Und die Preisliste ist das Navigationssystem?
— Genau.
An diesem Abend aßen wir köstliches Schaschlik.
Wir tranken selbstgemachten Wein.
Und wir sahen zu, wie die Sonne langsam hinter dem Meer verschwand und den gesamten Horizont rot färbte.
Rita rief nicht mehr an.
Und natürlich überwies sie keinen einzigen Rubel.
Eine Woche später klingelte jedoch Paschas Telefon.
Denis war dran.
Er erzählte, dass seine Mutter sich heftig mit Igor gestritten hatte, weil sie schließlich eine billige Pension in der Nähe von Anapa buchen mussten. Für ein ordentliches Hotel reichte das Geld nicht mehr.
Dann fragte Denis vorsichtig:
— Pasha… können Mascha und ich trotzdem zu euch kommen, wie wir es geplant hatten?
Pasha sah mich an.
Ich nickte.
Noch am selben Abend kauften wir ihre Fahrkarten.
Denn Kinder sollten niemals für die Entscheidungen ihrer Eltern bezahlen müssen.
Und in jenem Sommer lernte ich etwas Wichtiges.
Persönliche Grenzen entstehen nicht von selbst.
Man muss sie errichten.
Genau wie wir dieses Haus gebaut hatten.
Stein für Stein.
Ziegel für Ziegel.
Und manchmal muss man hart sein.
Manchmal werden andere einen egoistisch nennen.
Grausam.
Geldgierig.
Aber wenn jemand sein ganzes Leben daran gewöhnt war, auf Kosten anderer zu leben, fühlt sich selbst ein einfaches „Nein“ für ihn wie eine Beleidigung an.
An diesem Morgen hatte ich endlich Nein gesagt.
Nicht, weil ich Rita hasste.
Sondern weil ich mein Zuhause liebte.
Weil ich meinen Mann liebte.
Und weil ich endlich verstanden hatte:
Seinen eigenen Frieden zu schützen, ist kein Egoismus.
Es ist Selbstachtung.

