– Und wohin soll mein Sohn gehen, wenn ihr euch scheiden lasst? – keuchte die Schwiegermutter, als sie erfuhr, wessen Name in den Unterlagen für die neue Wohnung stand.

– Artjom ist mein Goldjunge! Kaum ein Jahr ist er verheiratet, und schon hat er eine Wohnung für seine Familie gekauft!

Galina Timofejewna hob stolz ihr Glas und ließ den Blick über die festlich gedeckte Tafel schweifen. Die Gäste nickten zustimmend, jemand klatschte sogar.

– Das nenne ich einen richtigen Mann! – lachte Walentina. – Jetzt muss er nur noch einen Sohn zeugen und einen Baum pflanzen!

Marina saß am Rand der Tafel, mit dem Rücken zu der Wand, die sie erst vor knapp drei Wochen eigenhändig gestrichen hatte.

Sie sagte nichts.

Sie wollte den Abend nicht verderben.

Noch nicht.

Dabei kannten fast alle am Tisch die Wahrheit.

Die Wohnung hatte nicht Artjom gekauft.

Sondern sie.

Marina.

Neun Jahre lang hatte sie dafür gespart.

Neun Jahre voller Verzicht.

Und nun sprach ihre Schwiegermutter darüber, als hätte ihr Sohn innerhalb eines einzigen Jahres aus eigener Kraft ein Zuhause für die Familie geschaffen.

Marina strich langsam mit den Fingern über ihr Glas.

Sie wollte keine Szene machen.

Aber irgendwann konnte sie einfach nicht mehr schweigen.

Marina hatte mit zweiundzwanzig Jahren begonnen, ernsthaft Geld zurückzulegen.

Nach dem College fand sie eine Stelle als Zahntechnikerin in einer Privatklinik in der Nähe von Jaroslawl. Sie verdiente nicht viel, deshalb nahm sie abends zusätzliche Arbeit an: Für zwei nahegelegene Praxen fertigte sie Modelle an, und an den Wochenenden sprang sie für Kollegen ein, die im Urlaub waren.

Sie lebte bei ihren Eltern.

Sie musste keine Miete zahlen und auch nicht selbstständig für Lebensmittel aufkommen, sodass sie fast ihr gesamtes Gehalt sparen konnte.

Ihre Freundinnen neckten sie manchmal.

– Marina, du bist noch eine alte Frau, bevor du dir diese Wohnung leisten kannst!

Sie lächelte nur.

– Vielleicht. Aber dann werde ich trotzdem mein eigenes Zuhause haben.

Alle drei Jahre gönnte sie sich einmal einen bescheidenen Urlaub. Sie kaufte kein Auto. Ihren Wintermantel trug sie bereits im sechsten Jahr.

Vor jeder unnötigen Ausgabe stellte sie sich dieselbe Frage:

„Ist das wirklich wichtiger als meine eigene Wohnung?“

Und wenn die Antwort nein lautete, wanderte das Geld auf ihr Sparkonto.

Auch ihre Eltern halfen ihr.

Jedes Jahr an ihrem Geburtstag gab Nina Sergejewna ihrer Tochter einen Umschlag.

– Das ist für deinen Traum. Wage es ja nicht, es für etwas anderes auszugeben!

Mit dreißig hatte Marina auf ihrem Konto bereits so viel angespart, dass sie davon eine Zweizimmerwohnung am Stadtrand kaufen konnte.

Sie musste nur noch die richtige finden.

Dann lernte sie Artjom kennen.

Sie trafen sich auf dem Geburtstag eines gemeinsamen Bekannten. Der Mann reparierte Kühlanlagen, war ruhig, sprach selten unnötig viel und wirkte wie jemand, der mit beiden Beinen fest im Leben stand.

Zehn Monate später heirateten sie.

Die Wohnungsfrage war schnell gelöst.

Artjoms Mutter bot ihnen ihre zweite Wohnung an.

– Sie steht leer – sagte sie. – Früher habe ich sie vermietet, aber ich habe genug von fremden Leuten. Wohnt einfach dort!

Marina war erleichtert.

Sie hatte es noch nicht geschafft, ihre eigene Wohnung zu kaufen, und zumindest mussten sie nun keine Miete an einen Fremden zahlen.

Die Wohnung war geräumig, hatte hohe Decken und einen wunderschönen Blick auf die Bäume im Park.

Doch schon bald stellte sich etwas heraus.

Die Wohnung gehörte zwar ihrer Schwiegermutter, aber Galina Timofejewna betrachtete sich nicht nur als Eigentümerin. Sie nahm sich auch das Recht heraus, sich in alles einzumischen.

Sie kam unangekündigt.

Sie schloss die Tür mit ihrem eigenen Schlüssel auf.

Und schon im Flur begann sie, alles zu kontrollieren.

– Marina, habt ihr die Stromrechnung bezahlt?

– Ja.

– Denn gestern habe ich mich in das Online-Kundenportal eingeloggt und sie dort immer noch gesehen. Passt besser auf! Am Ende muss ich mich noch um alles kümmern.

Marina antwortete dann nur:

– In Ordnung.

Sie wusste, dass die Wohnung nicht ihr gehörte.

Und genau das war das Problem.

Ende Mai erschien Galina Timofejewna mit einem Maßband.

Marina kam gerade aus dem Badezimmer, als sie ihre Schwiegermutter im Schlafzimmer sah. Sie kniete auf dem Boden und maß die Wand aus.

– Was machen Sie da?

– Ich schaue, ob mein Kleiderschrank hier hineinpasst.

Marina glaubte, sich verhört zu haben.

– Welcher Kleiderschrank?

– Mein altes Schlafzimmermöbel. Ich habe eine neue Garnitur bestellt. Die alte möchte ich nur ungern wegwerfen. Es sind tschechische Möbel, sehr stabil, die halten ewig.

Marina sah sie einige Sekunden lang an.

– Sie wollen ihn also hierherbringen?

– Natürlich.

– In unser Schlafzimmer?

Galina Timofejewna seufzte.

– Ach, Marinotschka, warum machst du aus allem ein Problem? Das ist ein gutes Möbelstück. Es wird euch doch auch nützen.

– Wir haben bereits Möbel.

– Ein Schrank passt noch hinein.

– Nein.

– Woher willst du das wissen?

– Weil wir hier leben.

Das Lächeln verschwand aus dem Gesicht ihrer Schwiegermutter.

– Vergiss nicht, dass das meine Wohnung ist.

Marina schwieg einen Moment.

Diesen Satz hatte sie schon so oft gehört, dass sie ihn beinahe auswendig kannte.

Dann sagte sie ruhig:

– Gut. Dann lassen Sie uns ehrlich sein. Wenn diese Wohnung wirklich Ihnen gehört, akzeptiere ich auch, dass Sie über alles bestimmen. Aber dann werden wir hier nicht länger wohnen.

– Wohin willst du gehen?

– Wir mieten eine Wohnung.

Galina Timofejewna lachte.

– Von deinem Gehalt?

Marina sah sie an.

– Von meinem Gehalt spare ich seit neun Jahren.

Für einen Moment spannte sich das Gesicht ihrer Schwiegermutter an.

– Wir werden sehen.

Damit ging sie.

Am Abend kam Artjom nach Hause, aß zu Abend, erzählte von seiner Arbeit und schlief schließlich vor dem Fernseher ein.

Marina weckte ihn nicht.

Sie öffnete ihre Banking-App.

Sie betrachtete die Summe, die sie in neun Jahren angespart hatte.

Dann schrieb sie Oksana, einer alten Bekannten, die in der Immobilienbranche arbeitete.

„Kannst du mir morgen ein paar Wohnungen zeigen?“

Am nächsten Tag ließ sie sich für zwei Stunden von der Arbeit freistellen.

Sie besichtigte zwei Wohnungen.

Bei der zweiten wusste sie es sofort.

Die will ich.

Am Abend erzählte sie Artjom beim Essen davon.

– Ich kaufe eine Wohnung.

Der Mann legte seine Gabel hin.

– Was?

– Meine eigene. Ich habe heute zwei besichtigt.

Artjom schwieg lange.

Marina bereitete sich auf einen Streit vor.

Doch ihr Mann sagte schließlich nur:

– Es ist dein Geld. Du entscheidest.

– Du bist nicht dagegen?

– Nein. Du sparst seit neun Jahren. Ich weiß das.

Marina war erleichtert.

– Dann ist gut.

Doch Artjom fügte hinzu:

– Sag es Mama vorerst nicht.

Marina blickte auf.

– Warum?

– Sie wird beleidigt sein.

– Und wenn sie beleidigt ist?

Artjom schwieg.

Marina fragte langsam:

– Kaufen wir die Wohnung etwa, weil wir vor ihr davonlaufen?

Artjom antwortete nicht.

Er sammelte nur die Teller ein.

Ihre Schwiegermutter erfuhr innerhalb einer Woche trotzdem davon.

Die Nachbarin aus dem dritten Stock hatte Marina mit Oksana vor dem Haus gesehen, beide mit einer Mappe voller Unterlagen in der Hand.

Am Abend wusste Galina Timofejewna bereits alles.

Um neun Uhr tauchte sie bei ihnen auf.

Sie setzte sich in der Küche hin, ohne den Mantel auszuziehen.

– Welche Wohnung willst du kaufen?

– Meine eigene.

– Und womit?

– Mit meinem eigenen Geld.

– Wozu braucht ihr eine andere Wohnung? Ich habe euch doch diese hier gegeben!

Marina sah sie ruhig an.

– Mündlich.

– Was?

– Sie haben sie uns mündlich überlassen. Auf dem Papier gehört sie aber weiterhin Ihnen.

– Ihr könnt hier bis ins Rentenalter wohnen!

– Genau das ist das Problem.

– Was für ein Problem?

– Dass Sie uns jederzeit daran erinnern können, dass es Ihre Wohnung ist.

Ihre Schwiegermutter presste die Lippen zusammen.

Dann hatte sie eine weitere Idee.

– Dann kauft ein Auto! Artjom fährt mit diesem alten Wagen herum. Ein richtiger Mann braucht ein ordentliches Auto.

– Wenn er eines braucht, wird er sich eins kaufen.

– Er hat nicht genug Geld!

Marina sah sie an.

– Ich hatte auch nicht genug. Ich habe gespart.

Galina Timofejewna wusste darauf nichts zu erwidern.

Nach einigen Sekunden versuchte sie es erneut.

– Dann kauft euch ein Ferienhaus.

– Ich will kein Ferienhaus.

– Ein Grundstück in Nekrassowskoje. Obstbäume, ein Garten, frische Luft …

– Ich will eine Wohnung.

– Warum?

Marina lächelte.

– Eine Wohnung, in die niemand einen Kleiderschrank aus seinem Schlafzimmer in unser Schlafzimmer stellen will.

Das Gesicht ihrer Schwiegermutter verhärtete sich.

– Du wohnst zwischen meinen Wänden und zählst trotzdem dein eigenes Geld.

– Das Geld gehört mir. Die Wände gehören Ihnen.

Marina stand auf.

– Wenigstens ist jetzt alles klar.

Eine Woche später, am Donnerstag, wurde der Kleiderschrank geliefert.

Marina kam um sieben Uhr abends nach Hause.

Vor dem Haus stand ein Lieferwagen.

Zwei Möbelpacker warteten daneben.

Und Galina Timofejewna dirigierte sie, als wäre sie die Hausherrin.

– Vorsichtig! Er ist furniert!

Marina blieb stehen.

– Was passiert hier?

Ihre Schwiegermutter drehte sich lächelnd zu ihr um.

– Ich habe den Kleiderschrank gebracht.

– Die werden ihn nicht hochtragen.

– Marina …

– Nein.

– Das ist meine Wohnung.

– Ich weiß.

– Dann kann ich darin tun, was ich will.

Marina sah ihr direkt in die Augen.

– Ja. Deshalb ziehen wir am Samstag aus.

In diesem Moment fuhr Artjoms Auto in den Hof.

Der Mann stieg aus.

Seine Mutter wandte sich sofort an ihn.

– Mein Sohn, erklär ihr das!

Artjom sah den Lieferwagen an.

Dann seine Mutter.

Dann Marina.

Lange Sekunden vergingen.

Marina bekam bereits Angst, dass ihr Mann nicht zu ihr halten würde.

Dann sagte Artjom:

– Mama …

– Ja?

– Bring den Schrank wieder weg.

Galina Timofejewna starrte ihn fassungslos an.

– Was?

– Wir brauchen ihn nicht.

Am Samstag zogen sie aus.

In eine Einzimmerwohnung in der Nähe des Bahnhofs.

Sie war klein und laut, und unter dem Küchenfenster war die ganze Nacht der Verkehr zu hören.

Aber außer ihnen hatte niemand einen Schlüssel.

Zwei Wochen später zahlte Marina die Anzahlung für die Zweizimmerwohnung, die sie ausgesucht hatte.

Im Juli bekam sie die Schlüssel.

Die Renovierung machten sie selbst.

Artjom baute die Küche ein, Marina strich die Wände.

Sie stritten über die Farbe des Flurs.

Beim Pizzaessen versöhnten sie sich wieder.

Sie schliefen auf einer Matratze mitten im Wohnzimmer.

Und da wurde Marina etwas klar.

Das war die glücklichste Zeit ihrer Ehe.

Denn zum ersten Mal hatten sie das Gefühl, wirklich ihr eigenes Leben zu führen.

Ihre Schwiegermutter meldete sich den ganzen Sommer über kaum.

Doch ab August begann sie wieder anzurufen.

Sie erkundigte sich nach ihnen.

Sie schickte Marmelade.

Und langsam begann sie überall zu erzählen, wie tüchtig ihr Sohn sei.

Artjoms Cousin verplapperte sich.

– Aber ihr habt doch eine Wohnung gekauft! Tante Galja erzählt das allen.

Marina lächelte nur.

Sie wollte keinen Streit.

Zur Einweihungsfeier luden sie die ganze Familie ein.

Zwei Tische waren gedeckt.

Zwölf Menschen saßen darum herum.

Galina Timofejewna war die Dritte, die ihr Glas erhob.

– Ich möchte auf meinen Sohn anstoßen! Artjom ist mein Goldjunge! Seit einem Jahr ist er verheiratet und schon hat er eine Wohnung für seine Familie gekauft!

Jemand lachte.

– Das nenne ich einen richtigen Mann!

Marina sah ihre Eltern an.

Ihr Vater senkte den Kopf.

Ihre Mutter saß steif da.

Und Artjom starrte auf seinen Teller.

Galina Timofejewna fuhr fort:

– Jetzt habt ihr endlich ein richtiges Zuhause. Ich habe dir immer gesagt, Marinka, halte dich an so einen Mann! Nicht jeder hat so ein Glück.

Marina stellte ihr Glas ab.

– Übrigens, ich habe die Wohnung gekauft.

Stille.

Eine solche Stille, dass man den tropfenden Wasserhahn in der Küche hören konnte.

Galina Timofejewna drehte sich langsam zu ihr um.

– Was hast du gesagt?

– Ich habe gesagt, dass ich die Wohnung gekauft habe.

– Ist das ein Witz?

– Nein.

Marinas Stimme blieb ruhig.

– Ich habe neun Jahre dafür gespart. Seit ich zweiundzwanzig war. Meine Eltern haben mir ebenfalls geholfen. Weder Sie noch Artjom haben Geld zu dieser Wohnung beigesteuert.

– Willst du etwa sagen, mein Sohn hat gar nichts getan?!

– Nein. Artjom arbeitet. Wir haben die Wohnung gemeinsam renoviert. Aber der Kaufpreis kam aus meinen neun Jahren Ersparnissen.

Galina Timofejewnas Gesicht wurde rot.

– In einer Familie gehört alles allen!

Marina schwieg einen Moment.

– Warum steht dann die Wohnung, die Sie von Ihrer Mutter geerbt haben, nur auf Ihren Namen?

Ihre Schwiegermutter verstummte.

– Das ist etwas anderes!

– Warum?

– Weil meine Mutter sie mir hinterlassen hat!

– Und meine Eltern haben mir geholfen, diese hier zu kaufen.

Niemand am Tisch bewegte sich.

Dann lachte Galina Timofejewna bitter.

– Du bist undankbar.

– Vielleicht.

– Egoistisch.

– Vielleicht.

– Und wohin soll mein Sohn gehen, wenn ihr euch scheiden lasst?

Marina sah sie an.

– Ein erwachsener Mann kann selbst entscheiden, wo er leben möchte.

Und dann ergriff Artjom endlich das Wort.

– Mama. Es reicht.

Galina Timofejewna sah ihn ungläubig an.

– Du bist also auch gegen mich?

Artjom schüttelte langsam den Kopf.

– Ich bin nicht gegen dich. Ich will nur nicht länger, dass fremdes Eigentum mir zugerechnet wird.

Seine Mutter stand wortlos auf.

Sie nahm ihre Tasche.

Und ging.

In dieser Nacht spülten Marina und Artjom gemeinsam das Geschirr.

– Es tut mir leid – sagte der Mann.

– Wofür?

– Dass ich sie nicht früher gestoppt habe.

Marina drehte den Wasserhahn zu.

– Ja. Das hättest du tun müssen.

Artjom setzte sich.

– Im August hat Mama mich gebeten, mit dir zu sprechen.

Marina drehte sich um.

– Worüber?

– Dass du die Hälfte der Wohnung auf meinen Namen überschreibst.

Marinas Gesicht verspannte sich.

– Und?

Artjom senkte den Blick.

– Sie sagte, dass ein Ehemann normalerweise auch ein eigenes Zuhause haben sollte.

Stille.

– Und was hast du ihr gesagt?

– Dass ich darüber nachdenken würde.

Marina hatte das Gefühl, als würde ihr plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen.

– Du hast wirklich darüber nachgedacht?

Artjom nickte.

– Ja.

In dieser Nacht schlief Marina nicht.

Sie lag einfach im Dunkeln.

Neun Jahre.

Neun Jahre voller Ersparnisse.

Und zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, dass sie vielleicht nicht die Wohnung schützen musste.

Sondern ihre eigene Sicherheit.

Am nächsten Tag rief sie eine Anwältin an, die sie kannte.

Für Freitag vereinbarte sie einen Termin beim Notar.

Am Mittwoch sprach sie mit Artjom.

Sie legte ihm ein Dokument vor.

– Ein Ehevertrag über unsere Vermögensverhältnisse.

Artjom las es.

– Du vertraust mir also nicht?

– Ich möchte meine Wohnung schützen.

– Als wäre ich ein Fremder.

Marina sah ihm in die Augen.

– Ich schütze nicht dich. Ich schütze neun Jahre meiner Arbeit.

Artjom stand auf.

– Ich habe die Fliesen verlegt.

– Ich weiß.

– Ich habe die Küche aufgebaut.

– Ich weiß.

– Warum reicht das dann nicht?

Marinas Stimme brach.

– Weil ihr hinter meinem Rücken darüber gesprochen habt, dass dir die Hälfte der Wohnung zustehen sollte, während du die Fliesen verlegt hast.

Artjom antwortete nicht.

Er ging.

Zwei Tage lang rief er nicht an.

Dann kam er am Freitagmorgen zurück.

Er war unrasiert.

In seiner Hand hielt er eine Tüte.

Marinas Lieblingsgebäck.

– Lass uns zum Notar gehen – sagte er.

Marina sah ihn an.

– Bist du sicher?

– Ja.

Dann fügte er hinzu:

– Versprich mir nur, dass du das nicht tust, weil du mich verlassen willst.

– Ich verspreche es.

Um elf Uhr unterschrieben sie den Vertrag.

Artjom unterschrieb als Erster.

Draußen regnete es.

Vor dem Notarbüro sagte Artjom:

– Ich werde es Mama sagen.

Marina schüttelte den Kopf.

– Nein.

– Warum?

– Weil es mein Dokument ist.

Am Samstag brachte Marina die Schlüssel der alten Wohnung zurück.

Galina Timofejewna öffnete im Morgenmantel die Tür.

Sie sagte nichts.

Marina legte die Schlüssel auf den Tisch.

– Du hast meinen Sohn also mit zum Notar genommen.

– Ja.

– Wie berechnend von dir.

Marina antwortete nicht.

Ihre Schwiegermutter setzte sich.

Ihre Stimme klang nun völlig anders.

– Ich bin neunundfünfzig Jahre alt.

Marina sah auf.

– Ich habe Artjom seit seinem siebten Lebensjahr allein großgezogen. Sein Vater ist gegangen. Ich habe in zwei Schichten gearbeitet, damit es ihm an nichts fehlt.

Sie verstummte.

– Glaubst du, ich schütze mich selbst?

Marina wusste nicht, was sie sagen sollte.

Galina Timofejewna sah zum Fenster.

– Ich habe Angst, dass du ihn eines Tages verlässt. Und dann wird ihm nichts bleiben.

Marina sagte langsam:

– Ich habe Sie um keinen einzigen Quadratmeter gebeten.

Sie stand auf.

– Und Sie sollten auch keinen von mir verlangen.

Die Schlüssel blieben auf dem Tisch liegen.

Marina ging.

Eineinhalb Monate vergingen.

Artjom wurde stiller.

Er stritt nicht mehr.

Er sprach den Ehevertrag nicht an.

Er besuchte seine Mutter allein.

Und Marina stellte keine Fragen.

An Artjoms Geburtstag kam Galina Timofejewna trotzdem.

Sie brachte einen Kohlkuchen mit.

Sie stand auf und gratulierte ihrem Sohn.

Diesmal sprach sie nicht herablassend mit Marina.

Es war nicht „Marinka“.

Sondern:

– Marina.

Später, als sie gehen wollte, blieb sie im Flur stehen.

Sie blickte sich in den Räumen um.

– Ihr habt eine schöne Wohnung.

Marina war kurz davor, sie zu korrigieren.

Fast hätte sie gesagt:

„Meine Wohnung.“

Doch schließlich antwortete sie nur:

– Danke. Der Kuchen war sehr lecker.

Galina Timofejewna nickte.

Dann ging sie.

Marina schloss die Tür hinter ihr.

Sie drehte den Schlüssel im Schloss.

Und einige Sekunden lang stand sie einfach schweigend da.

Ihre eigenen Wände.

Ihr eigenes Schloss.

Ihr eigener Name auf den Dokumenten.

Und neben ihr ein Ehemann, der schließlich das Papier unterschrieben hatte, das sie brauchte, um sich wieder sicher zu fühlen.

Doch Marina wusste:

Der Preis für die Wohnung war nicht nur Geld gewesen.

Neun Jahre Ersparnisse waren nötig gewesen.

Und dann noch etwas anderes.

Ihr Glaube daran, dass ihr Mann auch dann zu ihr stehen würde, wenn seine Mutter Druck auf ihn ausübte.

Und diesen Preis konnte niemand zurückzahlen.

Er würde auf keinem einzigen Kontoauszug erscheinen.

Was hätten Sie an Marinas Stelle getan?

Hätten Sie Ihren Mann zum Notar gebracht und sich abgesichert?

Oder hätten Sie Artjoms Wort vertraut und alles so gelassen, wie es war?

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