Das scharfe metallische Schnappen des Maßbands, als es plötzlich zurückschnellte, zerschnitt die Stille so abrupt, dass Sophia zusammenzuckte. Sie hob den Blick vom Bildschirm ihres Laptops, auf dem der unfertige Entwurf eines Logos für einen wichtigen Kunden eingefroren wirkte.
Roman stand mitten in ihrem Arbeitszimmer, als gehöre es bereits ihm. Ruhig und selbstsicher zog er das gelbe Maßband von der Fensterbank bis zur gegenüberliegenden Wand.
— Zwei Meter vierzig … — murmelte er und tippte etwas in sein Smartphone. — Hier passt ein großes Ecksofa perfekt rein. Und deinen Schreibtisch stellen wir auf die verglaste Loggia, dort ist auch genug Licht.
Sophia nahm langsam ihre Brille ab. Die Luft schien plötzlich schwerer zu werden.
— Für wen misst du das Sofa? — fragte sie und versuchte, ruhig zu klingen, obwohl sich in ihr bereits ein unangenehmes Gefühl zusammenzog.
Roman ließ das Maßband lässig zurückschnappen, steckte es in die Tasche und setzte sich auf die Fensterbank, als sei das alles selbstverständlich.

— Für Zinaida Arkadjewna und meinen Vater. Das Leben im Dorf ist für sie zu schwierig geworden. Keine Infrastruktur, niemand zum Reden, und die nächste gute Klinik ist zwei Stunden entfernt. Ich habe entschieden,
dass sie zu uns ziehen. Neunzig Quadratmeter sind für uns zwei sowieso zu viel, und dein „Arbeitszimmer“ nimmt nur unnötig Platz weg.
Er sagte das so beiläufig, als ginge es um den Kauf eines neuen Haushaltsgeräts.
Sophia stand langsam auf und stützte sich mit den Händen auf die Tischkante. Diese Wohnung war kein Geschenk und kein Erbe — sie hatte jeden Quadratmeter mit jahrelanger Arbeit verdient.
— Darüber haben wir nie gesprochen, — sagte sie leise. — Und ich kann meinen Arbeitsplatz nicht auf die Loggia verlegen. Es gibt keine Schalldämmung, ich habe Videogespräche mit Kunden.
Roman lächelte, doch es lag keine Wärme darin.
— Ach komm, wen störst du denn? Außer dir selbst niemanden. Ältere Menschen brauchen Komfort. Ich dachte, du wärst verständnisvoll, Sonja.
Der Ausdruck „ältere Menschen“ traf sie. Zinaida Arkadjewna war erst sechsundfünfzig, aber eine energische, dominierende Frau, die es gewohnt war, alles zu kontrollieren.
Sophia erinnerte sich an ihr erstes Treffen: wie die Frau mit dem Finger über das Schuhregal gestrichen und dann angewidert geschaut hatte.
„Du putzt wohl nicht gern?“ hatte sie damals gesagt.
„Mein Sohn ist absolute Sauberkeit gewohnt. Bei mir wurden die Böden zweimal täglich gewischt.“
Damals hatte Sophia geschwiegen. Jetzt wusste sie, dass das ein Fehler gewesen war.
— Ich habe nichts dagegen, deinen Eltern zu helfen, — sagte sie vorsichtig. — Lass uns eine kleine Wohnung in der Nähe für sie finden. Ich kann sogar die ersten Monate der Miete übernehmen, bis sie sich eingelebt haben.
Romans Gesicht veränderte sich sofort.
— Eine Wohnung? Miete? — seine Stimme wurde lauter. — Warum sollten wir Fremden Geld zahlen, wenn wir hier Platz haben? Wir sind eine Familie, Sophia!
— Das ist meine Wohnung, — erwiderte sie fest. — Ich habe sie lange vor unserer Beziehung gekauft. Und ich bin nicht bereit, mit deinen Eltern zusammenzuleben.
Roman trat näher. Zu nah. Seine Präsenz wirkte plötzlich bedrängend.
— Hör mir gut zu, — sagte er leise, aber hart. — Sie kommen nächsten Freitag. Alles ist bereits organisiert. Und bis dahin ist dieser „Computerkram“ hier verschwunden.
Sophia spürte, wie sich in ihr etwas verhärtete.
— Geh aus dem Weg, — sagte sie ruhig. — Sie werden hier nicht einziehen.
Er lachte, doch in diesem Lachen lag keine Freude.
Am nächsten Morgen herrschte zwischen ihnen Schweigen. Ein schweres, drückendes Schweigen.
Roman machte absichtlich Lärm — klapperte mit Geschirr, schlug Schranktüren zu — als wolle er sie bestrafen. Sophia saß am Computer, doch die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen.
Kaum hatte er die Wohnung verlassen, vibrierte ihr Telefon.
„Zinaida Arkadjewna“ stand auf dem Display.
Sophia nahm den Anruf an.
Die Stimme war scharf und befehlend.
— Roman hat mir alles erzählt. Wir sind am Freitagmorgen da. Das Zimmer soll frei sein.
— Das ist meine Wohnung, — sagte Sophia ruhig.
— In einer Familie entscheidet der Mann, — kam die kalte Antwort.
Das Gespräch wurde beendet.
Und in diesem Moment sah Sophia ihre Zukunft glasklar vor sich: ein Leben, in dem alle Entscheidungen für sie getroffen werden.
Sie stand auf.
Holte Romans Reisetaschen aus dem Schrank.
Zwei Stunden später war alles gepackt.
Am Abend kam Roman lächelnd nach Hause, mit einer Schachtel Gebäck in der Hand, als wäre nichts geschehen.
— Lass uns den gestrigen Tag vergessen, — sagte er.
Sophia stand im Eingangsbereich.
— Deine Sachen stehen im Flur.
Sein Lächeln verschwand sofort.
— Meinst du das ernst? Du sagst alles wegen so etwas ab?
— Es gibt keine Familie, — antwortete sie ruhig. — Keine Hochzeit. Keine gemeinsame Zukunft.
Die Stille danach war schwerer als jeder Streit.
Schließlich nahm Roman seine Taschen und ging.
Drei Tage später saß Sophia in einem Café und fühlte zum ersten Mal seit Langem wieder Leichtigkeit.
Dann klingelte ihr Telefon. Eine unbekannte Nummer.
Es war Romans Vater.
— Du hast das Richtige getan, — sagte er leise. — Lauf vor unserer Familie weg, solange du noch kannst.
Sophia blickte lange auf das dunkle Display.
Dann lächelte sie zum ersten Mal seit Tagen. Kein glückliches Lächeln — eher eines der Erleichterung.
Denn manchmal besteht Mut nicht darin zu bleiben.
Sondern rechtzeitig zu gehen.


