– Mama hat gesagt, wir müssen heute die Kartoffeln ausgraben. Also steh auf, nimm eine Tablette und lass uns losgehen.– Bist du verrückt, oder hast du ein Hörproblem?
Olga spürte, wie die Worte in ihren Schläfen pochten, als wäre Vitaliks Stimme nicht nur ein Ton, sondern ein Hammer, der in ihr Gehirn einschlug. Das Licht, das durch die Jalousien fiel, brannte ihr in die Augen wie geschmolzenes Blei.
Ihr Hals tat weh wie Schmirgelpapier, ihr Mund war trocken wie eine Wüste, voller Sand und Feuer. Ihr Körper zitterte, und doch brannte ihre Haut vor Fieber.Vitalik stand da wie ein General, bereit, Krieg zu erklären… gegen Kartoffeln.
Er trug alte, lockere Tarnhosen, und sein Flanellhemd roch nach feuchtem Keller. Olga konnte fast sehen, dass der Mann, den sie liebte, jetzt jemand Fremdes, Hartes und Bedrohliches geworden war.
– Vita… – versuchte sie, ihre Schwäche in Worte zu fassen, heiser und fremd klingend. – Mir ist schlecht… ich habe Fieber… das Thermometer…Vitalik warf keinen Blick auf das Thermometer, das auf dem Nachttisch lag.

– Mir ist dein neununddreißig Grad egal! – schrie er. – Mama hat gesagt, du musst aufstehen und die Kartoffeln ausgraben! Hast du das verstanden? Sonst mach ich dir das Leben zur Hölle!Olga schloss die Augen, und plötzlich wurde ihr Bett zu einem Karussell des Schreckens.
Jede Bewegung schmerzte, jedes Wort fühlte sich wie ein neuer Schlag an. Sie knirschte die Zähne unter zwei Wolldecken, ihr Fieber und ihre Schwäche hatten sie völlig ausgelaugt.– Ich kann nicht… – flüsterte sie, kaum atmen könnend.
– Meine Beine fühlen sich wie Watte an, mir ist übel, mein Herz rast… Welche Kartoffeln? Vital, es wird regnen…– Genau! – schrie Vitalik, während Olga sich zusammenkauerte. – Bevor es anfängt zu regnen! Sonst verrottet alles! Willst du, dass Mama im Winter hungert? Dass sie irgendeinen chemisch verseuchten Mist aus dem Pyaterochka kauft?
Er lief im Zimmer auf und ab, seine Stiefel trommelten auf den Boden wie Kriegstrommeln. Olga versuchte, rational zu sprechen, über Geld, vernünftige Lösungen, doch Vitalik hörte nichts. Sein „Respekt“ und „Pflichtbewusstsein“ waren ihm mehr wert als alles andere – sogar als Olgas Leben.
– Zieh dich an! – befahl er und warf ihr die Hose ins Gesicht. – Fünf Minuten. Wenn nicht, zieh ich dich an, und glaub mir, es wird nicht angenehm.Jedes Wort war ein Schlag, jede Bewegung ein Werkzeug der Qual.
Olgas Angst begann zu schmelzen und verwandelte sich in einen frostigen, kalten Zorn. Der Mann, den sie liebte, war jetzt nur noch eine Maske, die Dominanz und Unterdrückung widerspiegelte. Ihr Zorn, kristallklar und kalt, stieg stärker als ihr Fieber.
Als Vitalik nach ihren Sachen griff, klickte etwas in Olgas Kopf. Ihre zitternden Hände, das Fieber, ihr erschöpfter Körper wurden zu Waffen. Sie packte die Taschen, zerriss und warf alles, was Vitaliks Macht symbolisierte – Pullover, Hosen, Gadgets, Angelruten – in die schwarzen Säcke.
Vitalik schrie schockiert, versuchte einzugreifen. In ihrem fiebrigen Zustand wehrte Olga jeden Angriff ab. Ihre Stimme wurde eiskalte Ruhe:– Fass mich nicht an. Es ist vorbei.
Sie schob die Säcke auf den Balkon. Der Regen begann zu fallen, der Schlamm wartete auf sie. Das klirrende Fallen der Gegenstände war das Geräusch der Beerdigung jahrelanger Unterwerfung. Vitalik versuchte in Wut, seine Schätze zu retten, rutschte aus und versank im Schlamm. Olga blieb stehen, reglos, Herrin ihres eigenen Lebens und Territoriums.
– Dein Respekt? – flüsterte sie. – Deine Autorität? Du hast nie geliebt. Es ist vorbei.Langsam schloss sie die Tür hinter sich, ließ sich aufs Bett fallen, atmete schwer, aber ihr Herz war endlich frei.
Das Fieber ließ allmählich nach, und der Zorn verwandelte sich in Frieden. Das Virus, das sie jahrelang gequält hatte, war nicht länger ihr Ehemann – es war die Krankheit selbst.– Mama hat gesagt… – flüsterte Olga, ein schwaches Lächeln auf den Lippen. – Also buddel sie aus, Vitalik… buddel sie bis zum Mittag aus. Ich schlafe jetzt.
Und zum ersten Mal seit Jahren schlief sie wirklich.


