Rodrigo Santos hielt das Champagnerglas wie einen Schild, eine gläserne Barriere zwischen sich und dem Rudel aus Seidenlöwinnen, das ihn umkreiste. Nur eine Trophäe, dachte er bitter, während seine Augen über den prunkvollen Saal der Jubiläumsfeier seiner eigenen Firma glitten. Sehen sie denn nicht,
dass ich noch trauere? Dass meine Seele noch blutet?Acht Monate waren vergangen, seit Adriana, seine Frau, seine Lebensgefährtin seit fünfzehn Jahren, ihn verlassen hatte – sie hatte das Licht aus seiner Welt gerissen. Für die High Society jedoch war acht Monate genug.
Der Trauer-Zähler war abgelaufen. Rodrigo war wieder der „goldene Junggeselle“ der Stadt, ein lebender Blankoscheck, maßgeschneidert und begehrenswert.Beatriz Montalbán in einem feuerroten Kleid, das eher Verzweiflung als Eleganz ausstrahlte, näherte sich ihm und streifte seinen Arm mit aufgesetzter Vertrautheit.
„Rodrigo, Liebling, du bist so ernst. Das Leben geht weiter.“ Der Satz schnitt ihm ins Mark. Das Leben geht weiter, ja – aber zu welchem Preis? Ringsum sah er gebleichte Lächeln, Schmuck, teurer als Häuser, und Blicke, die seinen Kontostand scannen. Rodrigo fühlte sich wie ein exotisches Tier im goldenen Käfig,
umgeben von Menschen, die ihn nicht sahen, nur das, was er repräsentierte.Er musste fliehen. Einen Moment der Stille finden. Er zog sich in eine dunklere Ecke zurück, griff in die Innentasche seines Anzugs und spürte das silberne Medaillon, sein Anker in der Realität.
Doch kaum hatte er einen Atemzug Hoffnung geschöpft, tauchte jemand auf.Sie trug weder Diamanten noch Designer. Schwarze Uniform, weiße Schürze, ein Tablett in den Händen – doch was Rodrigo den Atem stocken ließ, war ihre Echtheit. In einem Meer aus Masken war sie das einzige ungeschminkte Gesicht.
Ihre honigfarbenen Augen trafen seine, ein kurzer Blick, der wie ein elektrischer Schlag wirkte. Kein Verlangen, kein Kalkül, keine schleimige Bewunderung – nur Neugier, vielleicht ein Hauch Mitgefühl.Getrieben von einer Kraft, die er längst für tot gehalten hatte,

bahnte Rodrigo sich seinen Weg durch die Menge, die Rufe von Beatriz und Carolina ignorierend. Er musste sie kennen lernen.— Entschuldigen Sie — sagte er, als sie ein paar Servietten vom Boden aufhob.Sie drehte sich überrascht um. Aus der Nähe blitzten goldene Funken in ihren Augen,
eine intelligente Tiefe, die ihn sofort fesselte.— Herr Santos? — fragte sie klar. — Brauchen Sie etwas?— Deinen Namen — platzte es aus ihm heraus, überrascht von seiner eigenen Offenheit. Sie blinzelte kurz, fing sich dann.— Julia. Julia Morales.
— Julia — wiederholte er, schmeckte den Namen auf der Zunge. — Ich bin Rodrigo.— Ich weiß — lächelte sie, und zum ersten Mal sah er einen Hauch Humor in ihren Augen. — Jeder kennt Sie. Schwer, es nicht zu wissen, wenn Ihr Name über dem Eingang prangt.
Rodrigo ließ ein leises, rostiges Lachen hören, ein Geräusch, das er seit Monaten nicht mehr gehört hatte.— Vermutlich. Obwohl ich manchmal zweifle, dass sie wissen, wer ich wirklich bin. Sie sehen nur, was ich darstelle.Julia hörte auf, den Tisch zu säubern, sah ihn an, ohne den Blick zu senken.
— Die Leute sehen, was sie sehen wollen, Rodrigo. Vor allem hier. Aber sagen Sie mir, warum sind Sie wirklich hier, wenn Sie lieber woanders wären?Die Frage traf ihn wie ein Pfeil ins Herz. Niemand hatte es je gewagt, ihn so zu durchschauen.
— Pflicht, — gestand er, während seine Rüstung Risse bekam. — Man erwartet es von mir.— Und tun Sie immer, was von Ihnen erwartet wird? — fragte sie, den Kopf leicht geneigt.Bevor er antworten konnte, rief die Catering-Leiterin Julia dringend. Sie entschuldigte sich knapp, verschwand,

Rodrigo zurücklassend, doch für das erste Mal in dieser Nacht fühlte er sich lebendig.Später suchte er sie, als die Party sich leerte. Er fand sie nicht im Saal, sondern in den Gärten. Die Nacht kühl, der Mond über den Rosen. Julia saß auf einer steinernen Bank nahe dem Dienstausgang,
in Jeans, das Tablett abgelegt, den Sternenhimmel betrachtend.Rodrigo näherte sich vorsichtig.— Auf deinen Wagen wartend? — flüsterte er.Julia sprang auf, entspannte sich jedoch bei seinem Anblick.— Eher auf meinen Kürbis auf Rädern. Der Nachtbus kommt in zehn Minuten.
— Ich kann dich mitnehmen — bot er sofort an. Sein Chauffeur wartet.Julia schüttelte sanft den Kopf.— Danke, Rodrigo, aber nein. Ich bin den Bus gewohnt. Außerdem… — sie pausierte, musterte ihn — ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, dass der Gastgeber mit der Kellnerin verschwindet.
Morgen wäre das Gespräch aller Damen, die Sie wie ein Dessert betrachten.Rodrigo lächelte. Ihre Integrität beeindruckte ihn. Jede andere hätte für eine Fahrt in seinem Wagen getötet.— Du studierst Architektur, richtig? — fragte er, erinnerte sich an ein Gespräch.
— Letztes Jahr. Deshalb arbeite ich hier. Materialien sind teuer.— Architektur… — murmelte er, an Adriana denkend. — Vermächtnisse bauen.Der Bus kam, Diesel summte leise. Julia hob ihre Tasche.— Es war mir ein Vergnügen, den Mann hinter dem Namen kennenzulernen, Rodrigo.
Ich hoffe, Sie finden Ihren eigenen Weg, nicht den, den andere erwarten.Sie stieg ein, Rodrigo blieb zurück, sah zu, wie die roten Lichter in der Dunkelheit verschwanden. Das Medaillon in seiner Tasche fühlte sich plötzlich leicht an. Adriana war weg – ja –,
doch zum ersten Mal seit Monaten schlug sein Herz nicht mehr nur für Schmerz.


