🔺— Schmolle nicht wegen der Vergangenheit. Also, ich ziehe mit meiner Frau und meiner Tochter in euer Haus — erklärte Artjom seinem Bruder.

„Sei nicht nachtragend wegen der Vergangenheit“ – aber die Vergangenheit verschwindet nicht

Marina kam von ihrer Nachbarin nach Hause und trug ein Zwei-Liter-Glas Ziegenmilch. Ihre Töchter hatten darum zum Frühstück gebeten. Schon von Weitem bemerkte sie, dass etwas nicht stimmte.

Das kleine Gartentor stand weit offen.

Dabei war sie sich sicher, dass sie den Riegel geschlossen hatte.

Hinter der Hausecke huschte ein fremder Schatten vorbei.

Marina blieb stehen und ging dann vorsichtig um die Veranda herum.

Und erstarrte.

An die Wand gelehnt stand Artyom.

In der einen Hand hielt er Baukreide, in der anderen ein zusammengerolltes Blatt Papier.

— Hallo, Marina. Ist Gena zu Hause?

Die Frau sah ihn nur an.

Zehn Jahre.

Zehn Jahre hatte sie diesen Mann nicht mehr vor ihrem Haus gesehen. Und jetzt tat er so, als wäre er nur kurz vorbeigekommen, um sich eine Tasse Zucker auszuleihen.

— Artyom? Wie kommst du hierher?

— Die Tür war offen. Ich habe eine Weile gewartet und mich dann umgesehen. Ich war lange nicht mehr hier. Schönes Haus. Stabil.

Marina stellte die Milch auf die Treppe.

In diesem Moment kam Gennadi hinter dem Haus hervor. Er hatte den Zaun repariert.

Als er seinen Bruder sah, blieb er stehen.

— Artyom?

— Gena! Mein Bruder! Wie viele Jahre, wie viele Winter!

Artyom umarmte ihn. Gennadi erwiderte die Umarmung, doch sein Blick war voller Verwirrung.

— Bist du allein gekommen? fragte er.

— Ja. Darja und Polinka sind bei meinen Eltern. Sie leben in einer Einzimmerwohnung. Es ist eng für sie. Aber ich bin nicht gekommen, um mich zu beschweren.

— Warum bist du dann hier?

Artyom strich das Papier auf dem Geländer der Veranda glatt.

Es war ein Bauplan.

— Schau. Hier könnte ein neuer Eingang entstehen. Hier eine Wand. Eine eigene Küche oder eine gemeinsame, wie ihr wollt. Das Baumaterial habe ich schon. Ich werde alles selbst bauen.

Gennadi hob langsam die Hand.

— Warte. Du willst hier einziehen?

Artyom zuckte mit den Schultern.

— Wir haben keinen anderen Ort. Unser Haus ist eingestürzt. Das weißt du doch.

Marina ging wortlos in die Küche.

Sie nahm drei Tassen heraus.

Dann stellte sie eine wieder zurück.

Gennadi bemerkte es.

Er sagte nichts.

Artyom setzte sich und legte den Bauplan auf den Tisch.

— Kuzmitsch hat mir von eurem Haus erzählt, sagte Gennadi. — Stimmt es, dass du eine tragende Wand entfernt hast?

— Ich wollte es nicht. Ich dachte, es wäre keine wichtige Wand. Ich habe einen Stützbalken eingebaut, aber er hat nicht gehalten. Nachts begann das Dach nachzugeben. Darja nahm Polinka und sprang aus dem Fenster. Ich hinterher.

— Ihr hättet sterben können.

— Aber wir sind nicht gestorben.

Artyom beugte sich vor.

— Ich bitte nicht um Almosen. Ich habe Material und werde arbeiten. Ich brauche nur einen Platz, an den ich anbauen kann.

Gennadi sah Marina an.

— Was sagst du?

— Ich sage es dir. Aber zuerst soll er mir zuhören.

Artyom seufzte.

— Ich weiß, dass es zwischen uns alte Dinge gab…

Marina lachte leise.

— Alte Dinge?

Sie setzte sich ihm gegenüber.

— Dann reden wir darüber.

Stille breitete sich im Raum aus.

— Erinnerst du dich, als du mit achtzehn Jahren verlangt hast, dass das Elternhaus in drei Teile geteilt wird?

— Ich hatte das Recht dazu.

— Ja. Das sagst du immer. Ich hatte das Recht.

Marina sah ihn direkt an.

— Du hattest Angst, dass Gena und ich dir zuvorkommen würden. Wir waren noch nicht einmal verheiratet, und du hast schon das Erbe verteilt.

Ihre Stimme wurde härter.

— Du bist gegangen. Gena ist geblieben. Wir haben unser Leben in diesem Haus aufgebaut.

— Das war eure Entscheidung.

— Ja. Aber dann kam diese bestimmte Nacht im November.

Gennadi senkte den Kopf.

— Der Unfall.

Marina nickte.

— Gena schlief am Steuer ein. Er prallte mit einem Lastwagen zusammen. Er brach sich an sechs Stellen die Knochen. Wochenlang lag er im Krankenhaus.

Artyom sagte leise:

— Ich habe ihm geholfen.

— Ja.

Marina sah ihn an.

— Du hast die Reparaturen bezahlt. Du hast bei der Behandlung geholfen.

Sie schwieg einen Moment.

— Und dann standest du neben seinem Krankenhausbett mit den Papieren und sagtest: „Ich bekomme jeden Cent zurück.“

Artyom antwortete nicht.

— Erinnerst du dich?

— Ich hatte auch Kosten.

— Und deshalb hast du seinen Anteil am Haus genommen. Und auch die Wohnung, für die wir vier Jahre lang bezahlt hatten.

Gennadi ballte die Hände zu Fäusten.

— Weil ich mich damals nicht verteidigen konnte.

Marinas Stimme zitterte.

— Wir standen mit zwei kleinen Mädchen auf der Straße. Eine war vier Jahre alt, die andere erst anderthalb. Ich arbeitete, weinte nachts und tat tagsüber so, als wäre ich stark.

Artyom senkte den Kopf.

— Ich habe Gena nicht gezwungen.

— Nein.

Marina sah ihn kalt an.

— Du hast nur auf den Moment gewartet, in dem dein eigener Bruder zu schwach war, um Nein zu sagen.

Artyom stand plötzlich auf.

— Du bist niemand in dieser Familie! Du bist nur seine Frau. Das ist eine Sache zwischen Brüdern.

Gennadi stand langsam auf.

— Genau das hast du vor zehn Jahren auch gesagt.

Artyom sah ihn an.

— Ich habe dir das Leben gerettet!

— Nein. Du hast Geld gegeben. Und dafür hast du alles genommen.

Artyom zeigte auf Marina.

— Sie hat dir den Kopf verdreht. Sie war schon immer eine verbitterte, böse Frau.

Dann sagte er:

— Eine Schlange.

Der Klang der Ohrfeige erfüllte die Küche.

Marina sah ihn ruhig an.

— Diese Ohrfeige war für die Beleidigung.

Sie machte eine Pause.

— Und für diese zehn Jahre, in denen ich geschwiegen habe.

Gennadi stellte sich neben Artyom.

— Dieses Haus gehört nicht mir. Marinas Eltern haben es uns gegeben. Auch ich bin hier nur Gast.

Artyom sah ihn fassungslos an.

— Du sagst deinem eigenen Bruder Nein?

— Ich sage Nein zu jemandem, der meiner Familie einmal schon das Zuhause genommen hat.

Am Ende durfte Artyom nur unter einer Bedingung bleiben:

Mit einem Vertrag.

Mit einem eigenen Eingang.

Mit einem getrennten Leben.

Innerhalb von zwei Monaten baute er den Anbau mit seinen eigenen Händen.

Aber Marina entfernte die Kreidestriche an der Wand nicht.

Eines Tages fragte Gennadi:

— Streichen wir sie nicht über?

— Nein.

Marina betrachtete die Linien.

— Das sind keine Linien.

— Es sind Erinnerungen.

Sechs Monate später kam Artyoms Vater, Wladimir Petrowitsch, zu ihnen.

Allein.

— Ich habe die Wohnung auf deine Töchter überschrieben, sagte er.

Marina war überrascht.

— Warum?

Der alte Mann senkte den Kopf.

— Weil ich vor zehn Jahren geschwiegen habe. Obwohl ich hätte schreien müssen.

Als Artyom davon erfuhr, wurde er wütend.

Aber die Papiere waren bereits fertig.

Er konnte nichts mehr ändern.

Später traf er Marina im Hof.

— Du hast gewonnen.

Marina schüttelte den Kopf.

— Nein, Artyom.

Stille.

— Ich habe nicht gespielt.

Sie drehte sich um.

— Du hast dein ganzes Leben lang gespielt.

— Ich habe einfach nur gelebt.

Mit der Zeit verschwanden die Kreidestriche.

Aber ihre Erinnerung blieb.

In Marina.

Und auch in Gennadi.

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