„Spielst du vierhändig mit mir – dann heirate ich dich!“ spottete der Geschäftsmann, ohne zu wissen, wen er gerade gedemütigt hatte.

Ingas lautes Lachen durchbrach das leise Murmeln der Gäste. Jaroszlava erstarrte und hielt das schwere Metalltablett in den Händen. Der Kragen ihrer Uniform drückte wieder unangenehm auf ihre Haut, während der Geruch von frisch gebackenem Kuchen und fettigem Fleisch sich im Raum vermischte und fast ekelerregend war.

Vor nur drei Jahren hätte Jaroszlava an einem der runden Tische gesessen, unter dicken Leinentischdecken. Dann brach alles zusammen: Die Baufirma ihres Vaters ging bankrott. Er konnte das Scheitern nicht ertragen und starb kurz darauf,

sodass seine Tochter mit endlosen Anrufen von Gläubigern und ihrem kranken jüngeren Bruder Denisz zurückblieb, der ernsthafte gesundheitliche Probleme hatte. Jaroszlava verbrachte jede Schicht auf den Beinen und trug Tabletts voller schmutziger Gläser — die teuren Medikamente,

die ihrem Bruder die nötige medizinische Versorgung sicherten.In der Mitte der geräumigen Halle des Landclubs stand ein alter Konzertflügel. Daneben, lässig an die Rückenlehne einer Bank gelehnt, saß Róman — der Besitzer der größten Einkaufszentrumskette der Stadt.

Mit einer Hand strich er langsam über die Tasten, während Inga, der Star des örtlichen Gesellschaftslebens, Jaroszlava missbilligend ansah.Die Gäste kicherten. Jaroszlava stellte leise das Tablett an den Rand des Buffets. Die Gläser klirrten sanft.

„Dein Rhythmus ist in der kleinen Oktave verrutscht“, sagte sie ruhig und sah Róman an. „Du spielst mechanisch. Als würdest du eine PIN an einem Terminal eingeben, nicht Jazz spielen.“Plötzlich wurde es still im Raum. Inga hob theatralisch die Hand.

„Róma, hörst du das? Die Kellnerin bringt dir Musik bei! Kündige sie sofort!“Aber Róman deutete der Sicherheit nur, sich zurückzuziehen. Langsam sah er zu Jaroszlava auf. Kein Hauch der üblichen Überheblichkeit eines Reichen. Nur ein kalter, prüfender Blick, gewohnt an Risiken.

Er musterte ihre blasse Bluse und das zu einem Dutt gebundene Haar.„Also spiele ich wie ein Terminal?“ sagte er leise. „Und du scheinst die Expertin zu sein.“„Ich habe sieben Jahre am Konservatorium studiert“, erwiderte Jaroszlava und hob das Kinn.Rómans Mundwinkel hoben sich leicht.

„‚Spiel vierhändig mit mir — ich heirate dich!‘“ spottete er, während er ihre errötenden Hände ansah. „Aber seien wir realistisch. Wenn du dich hinsetzt und auf eine Weise spielst, die mich überrascht, bekommst du ein großzügiges Trinkgeld.

Wenn nicht … bist du raus, und kein anständiger Ort stellt dich jemals wieder ein.“„Ich nehme die Wette an“, antwortete Jaroszlava mit fester Stimme. „Aber ich brauche deine Almosen nicht. Wenn ich gewinne, bezahlst du die Behandlung meines Bruders vollständig.“

Róman blinzelte; das Spiel war ernst geworden. In ihren Augen brannte ein verzweifeltes Feuer, das keinen Rückzug zuließ.„Setz dich“, gab Róman und schob den Stuhl beiseite.Jaroszlava setzte sich neben ihn. Rómans Selbstbewusstsein war fast greifbar.

Er atmete tief ein und schlug die Bassnoten, gab ein aggressives, abgehacktes Tempo vor. Ihre Finger folgten den Tasten mühelos. Sie zögerte nicht, machte keinen Fehler. Jede Bewegung trug die Wut über Ungerechtigkeit, die Anspannung der letzten Monate und die Angst um ihren Bruder in sich.

Den letzten Akkord beendeten sie gleichzeitig, drückten fest auf das Pedal. Der Klang hallte lange unter der hohen Decke des Clubs.Aus einer fernen Ecke brach Applaus los. Ingas Gesicht verzerrte sich. Jaroszlava stand still auf, holte ihr Notizbuch hervor, riss eine Seite heraus und schrieb eine Kontonummer auf:

„Das ist die Kontonummer“, legte sie auf den Flügelrand. „Auf Wiedersehen.“Sie hatte fast die Küchentür erreicht, als Róman sie auf dem Flur einholte.„Morgen um zehn erwarte ich dich im Hauptbüro“, reichte er ihr eine Visitenkarte. „Ich zahle alles. Du arbeitest den Betrag in meinen Archiven ab.

Ich brauche Leute, die auch das Kleingedruckte lesen.“Am nächsten Tag stand Jaroszlava vor dem massiven Glasgebäude. Sie wurde nicht zur Sekretärin gemacht. Róman war pragmatisch: Sie wurde ins Archiv geschickt, um Papiere zu ordnen. Drei Monate lang trug sie Kisten, überprüfte alte Budgets.

Ihr Rücken schmerzte, die Augen tränten. Doch ihre frühere Erfahrung in der Firma ihres Vaters erwies sich nun als wertvoll. Sie entdeckte Unregelmäßigkeiten: doppelte Buchungen, überhöhte Provisionen bei bestimmten Auftragnehmern.

Eines Abends, als nur noch die Sicherheitsleute im Büro waren, tauchte Róman an der Tür des Archivs auf, Kragen geöffnet, ohne Krawatte.„Suchst du Fehler in meinen Unterlagen?“ trat er an den Tisch heran.„Ich versuche zu verstehen, warum du vor drei Jahren fast doppelt so viel für Beton bezahlt hast“,

rieb Jaroszlava ihre müden Augen.Er zog einen Stuhl heran, und sie arbeiteten bis drei Uhr morgens gemeinsam über den Tabellen. An diesem Abend sah Róman Jaroszlava erstmals nicht als freche Kellnerin, sondern als scharfsinnigen, talentierten Menschen.

In den folgenden Wochen startete Denisz Szojmovics eine schmutzige Kampagne, doch dank Jaroslavas Analyse überlebte Rómans Unternehmen. In der Vorstandssitzung legte sie ruhig den Dokumentenstapel ab, erkannte Muster und deckte sofort die Verbindung auf: Denisz hatte Róman jahrelang bestohlen.

Die Zeit verging. Auf der Veranda von Rómans Landhaus standen sie, der Schnee fiel leise. Jaroszlava hüllte sich in eine dicke Wolldecke.„Du bist offiziell Leiterin der Analyseabteilung“, trat Róman hinter sie, legte die Arme um ihre Schultern. „Aber ich habe noch ein anderes Angebot.“

Er zog eine Samtschachtel hervor und hielt sie ihr entgegen.„Heirate mich, Jásza.“Jaroszlava blickte auf den schlichten Ring, dann auf Rómans Gesicht.„In Ordnung“, lächelte sie. „Aber Denisz hat auch gute Nachrichten: Bald kann er wieder ganz normal zur Schule gehen.

Und dein strenges Büro im zweiten Stock musst du in ein Kinderzimmer umwandeln.“Róman hielt inne, verarbeitete die Worte, drehte sich dann vorsichtig um und zog sie fest an sich. Gemeinsam bauten sie ihr Leben weiter auf, Schritt für Schritt, unberührt von Klatsch und Neid.

 

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