„Setz dich nicht als Erste ins Auto!“ flüsterte das kleine Mädchen. Die Unternehmerin erstarrte, und eine Stunde später begriff sie, was ihr Mann für sie vorbereitet hatte.

— Du wirst zurückfahren — Vadim richtete langsam die Manschetten seines perfekt gebügelten Hemdes, dabei vermied er es, Inna in die Augen zu sehen. — Genug davon, mit Fremden Taxi zu fahren. Du hast Kliniken, Status. Für wen glaubst du, habe ich diesen riesigen SUV ausgesucht?

Inna umschlang schweigend ihre Schultern. In der geräumigen Küche des Landhauses war es warm, doch ein eiskalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter.— Vadim… du weißt genau, warum ich nicht fahre — flüsterte sie. — Sobald ich mich ans Steuer setze, überkommt mich die Panik völlig.

Vor dreieinhalb Jahren war ihr Leben für immer geteilt worden: „davor“ und „danach“. Das „Davor“ war eine glückliche Familie; das „Danach“ war Verlust. Ihre Mutter, die die Kliniken aus dem Nichts aufgebaut hatte, und ihre dreijährige kleine Schwester Liza waren eines regnerischen Abends auf der rutschigen Landstraße gestorben.

Ihr Stiefvater Igor überlebte, doch der schwere Schock hatte ihn völlig aus der Fassung gebracht, und er verschwand spurlos.— Es ist Zeit, erwachsen zu werden, Inna — Vadims Stimme war eisig, doch seine Verärgerung war deutlich zu hören. — Ich sitze neben dir, auf der rechten Seite. Bereite dich vor.

Wir essen in der Stadt zu Mittag, dann fahren wir die Serpentinen hinunter ans Meer. Du musst dich dieser Angst stellen.Im letzten Jahr schien Vadim sich völlig verändert zu haben. Als sie sich kennengelernt hatten, war er ein einfacher Vertriebsleiter gewesen, zuverlässig und fürsorglich.

Er ermutigte sie, dass ein fehlendes Kind kein Problem sei — genau das war der Grund, warum ihre erste Ehe gescheitert war. Aber sobald Inna die Kliniken ihrer Mutter erbte, kündigte Vadim. Er bot an, bei der Büroarbeit zu helfen,

verbrachte aber in Wirklichkeit Tage in Einkaufszentren und Barbershops und zahlte alle Ausgaben von Innas Konten.Eine Stunde später hielten sie vor dem Restaurant „Bazilik“. Die feinen Herbstregentropfen zeichneten Muster auf die Autoscheiben.

Inna bemerkte eine kleine Gestalt unter dem Vordach der Nachbarbäckerei.Ein etwa siebenjähriges Mädchen wackelte in einem viel zu großen, abgetragenen Mantel. Neben ihr stand eine gebeugte alte Frau, die nervös ihr Kopftuch richtete.

— Hör mir zu, Mama — flüsterte das Mädchen heiser. — Geh nicht zu den Leuten, die auf ihr Handy starren. Warte auf die, die am Fenster sitzen. Sei höflich, und wenn sie dich ablehnen, geh sofort weg.Das Mädchen nickte ernst. Auf der Straße lernt man schnell die Regeln.

Die Mutter fürchtete am meisten, dass strenge Fremde sie ins Waisenhaus bringen könnten. Ihr Vater, Igor, war krank, vergaß oft, welcher Tag war. Tante Tonya passte auf sie auf, während ihr Vater versuchte, auf dem Markt kleine Jobs zu finden.

Inna betrat das Restaurant. Die Luft war erfüllt vom Duft frisch gebackenen Brots und Butter. Der Kellner führte sie zu einer Bank am Fenster. Vadim begann sofort grimmig, die Speisekarte durchzublättern und murmelte über die kleine Auswahl.

Plötzlich öffneten sich die riesigen Türen. Die Mutter trat vorsichtig ein. Die Administratorin eilte sofort herbei und zog die Stirn streng zusammen.— Sie dürfen hier nicht rein! Gehen Sie sofort hinaus!— Ich… warte auf die Dame — stammelte das Mädchen und trat zurück.

Inna stand auf.— Lass! Sie ist bei mir — sagte sie bestimmt. Die Administratorin wich zurück, wagte es nicht, der gut gekleideten Gästin zu widersprechen.— Komm her, Kleines — berührte Inna sanft die Schulter des Mädchens.

Aus dem muffigen Mantel mischte sich ein leichter sauberer Seifenduft mit dem Geruch des hellen, zerzausten Haares.Vadim sah empört zu, wie seine Frau das Mädchen an ihren Tisch setzte.— Was machst du da? — zischte er. — Warum hast du dieses Kind hierher gebracht?

— Lass! — sagte Inna kühl und winkte ihn zurück. — Was möchtest du essen?— Suppe… und etwas Kleines — sagte das Mädchen schüchtern, Tonya-Tantes Lehre erinnernd.Inna bestellte Hühnersuppe mit hausgemachten Nudeln, Kartoffelpüree mit Fischfrikadellen,

Beerensaft und ein Stück Honigtorte, alles auch zum Mitnehmen für das Mädchen.Während das Mädchen vorsichtig aß, spürte Inna immer mehr eine seltsame Vertrautheit: die blonden Locken, die kleinen Gesten — etwas aus der Vergangenheit… etwas, das sie an ihre eigene Liza erinnerte.

Vadims Telefon klingelte. Er blickte auf und lehnte den Anruf ab. Das Telefon klingelte erneut.— Die Luft hier ist erstickend. Ich gehe raus — murmelte er und ging schnellen Schrittes zur Tür.Das Mädchen folgte vorsichtig, dann flüsterte sie:

— Setz dich nicht zuerst ins Auto!Inna erstarrte. Die Worte bildeten ein erschreckendes Bild: die steile Abfahrt, der Regen, der riesige SUV… Vadims Plan, sie heute auf die Probe zu stellen.Schnell nahm sie ihr Telefon und schickte Matvej eine Nachricht:

„Restaurant Bazilik. Vadim hat das Auto sabotiert, zwingt mich zu fahren. Beeil dich.“30 Sekunden später kam die Antwort: „Geh nirgendwo hin. Verzögere alles, verzögere alles, verzögere alles. Bin in 10 Minuten da.“

Vadim kam zurück, ein falsches Lächeln im Gesicht.— Na, seid ihr fertig mit euren guten Taten? — warf er ein paar Scheine auf den Tisch. — Nimm die Schlüssel.— Weißt du was? — lehnte sich Inna zurück und griff nach dem Tischrand. — Ich gehe nirgendwohin. Bestell noch einen Tee.

Vadims Lächeln verblasste.— Steh auf! — schrie er.In diesem Moment ertönte eine ruhige, eisige Männerstimme:— Lass sie los.Vadim erstarrte. Matvej stand vor ihm, ein Kollege in Uniform hinter ihm.— Wer seid ihr? — versuchte Vadim zu protestieren, doch seine Stimme versagte.

— Kriminalermittler — zeigte Matvej kurz seinen Ausweis. — Wir gehen jetzt zu deinem Auto mit Experten. Wenn das stimmt, was wir gehört haben, wird unser Gespräch ganz anders verlaufen.Vadim wurde blass. Matvej setzte sich und wandte sich Inna zu.

— Du bist sehr mutig, Kleines. Eine echte Heldin — sagte er sanft, während die kleine Liza ruhig in ihrem Schoß schlief. — Wo sind deine Eltern?— Mama ist nicht mehr… Papa, Igor, ist völlig krank — antwortete das Mädchen. — Wir leben am alten Bahnhof.

Matvejs Blick wurde durchdringend. Er verband sofort die Fakten: Name, Alter, väterlicher Nachname, und das Mädchen sah genau wie Innas Mutter aus.— Inna… — flüsterte er. — Das ist dein Stiefvater. Und anscheinend hat er deine kleine Schwester mitgenommen.

Inna sah das Kind mit tränengefüllten Augen an. Ihre Liza. Lebendig.Der Abend endete im Büro von Matvej. Die Experten bestätigten, dass Vadim das Auto manipuliert hatte. Igor wurde an einen sicheren Ort gebracht, und Liza schlief in Innas Armen, endlich in Sicherheit.

— Vadim hat noch eine lange Erklärung vor dem Gesetz zu geben — sagte Matvej. — Der Mechaniker hat uns alles erzählt.— Danke — flüsterte Inna und berührte Matvejs Hand.— Wenn ich nicht da gewesen wäre, hättest du im schlimmsten Moment nicht angerufen — sagte Matvej, tief in ihre Augen blickend.

— Und jetzt… gibt es ein Kind. Wir kümmern uns darum, alles wird gut. Gib ihm eine Chance.Zum ersten Mal seit drei Jahren fühlte Inna, dass sie die Lasten ihrer Seele endlich ablegen konnte.

 

Visited 12 times, 1 visit(s) today
Scroll to Top