Mein Mann hat mein Erspartes seiner Schwiegermutter gegeben. An seinem Geburtstag habe ich ihnen nicht den Tisch gedeckt, sondern bin mit dem Geld eines anderen Mannes ins Restaurant gegangen.

Natasha stand über dem Küchentisch und hielt eine leere Schuhschachtel in den Händen. Sie starrte hinein, als könnte das Geld sich noch irgendwie an den Karton klammern.

Viertausend. Sechs Monate. Kleine Beträge, heimlich zusammengespart, während sie sich selbst Stück für Stück alles verwehrte.Viertausend Rubel. Weg.

Das war ihr Geburtstagsgeld gewesen. Ein einziges Geschenk an sich selbst in einem Leben, in dem alles längst anderen gehörte.— Kostya — rief sie in Richtung Wohnzimmer.

Er saß auf dem Sofa. Er drehte sich nicht um.— Natasha, meine Mutter brauchte Medikamente. Ich gebe es zurück. Ich konnte ihr nicht nein sagen.

Natasha stellte die Schachtel langsam auf den Tisch.— Du bist auf die oberste Ablage geklettert und hast meine Sachen durchwühlt.— Ich habe die Hausapotheke gesucht… und die Schachtel gesehen.

— Die ist im Badezimmer. Sie war schon immer im Badezimmer.Stille.Dann ein Seufzen.

— Was hätte ich denn machen sollen? Sie ist meine Mutter. Sie hat Blutdruckprobleme.Natasha sagte nichts mehr. Sie nahm ihr Handy und rief ihre Schwiegermutter an.

Die Frau ging sofort ran, fröhlich wie immer.— Ach Natasha, danke dir! Ich war schon in der Apotheke, hab mir Creme und Vitamine gekauft. Kostik meinte, das sei nur Kleingeld, das würdest du sowieso nicht merken.

Natasha legte auf.Die Schachtel blieb auf dem Tisch. Leer. Aufrecht. Wie ein Beweisstück.

Die Wohnung in Bezimeanka war weder schön noch schlecht. Zwei Zimmer, günstige Miete, Balkon zur lauten Straße. Warmwasser kam nach Laune. Aber Kostya nannte es „praktisch“, weil seine Mutter ganz in der Nähe wohnte.

Zu nah.Er hatte ihr im ersten Monat einen Wohnungsschlüssel gegeben.„Nur für den Notfall“, sagte er.

Danach kam sie, wann sie wollte. In Hausschuhen, mit eigenen Schlüsseln, kontrollierte den Kühlschrank, strich über die Möbel und kommentierte alles.

— Olya aus dem dritten Stock kocht jeden Tag für ihren Mann. Aber sie hat auch eine richtige Ausbildung…Natasha hatte zuerst widersprochen. Dann erklärt. Dann geschwiegen.

Sie verdiente 28.000 Rubel, er 34.000. Miete, Essen, Kindergarten, Rechnungen — alles wurde zu einer einzigen Gleichung, in der sie immer der fehlende Wert war.

Sie hörte auf, Mittag zu essen. Sie brachte Buchweizen in Dosen mit. Sie hörte auf, sich etwas zu kaufen.So entstanden die viertausend.Im Callcenter war alles Lärm und Wiederholung. Headsets, Beschwerden, Versicherungen.

Rinat saß ihr gegenüber. Mitte fünfzig, ehemaliger Ingenieur, nach der Entlassung in den Support gerutscht. Jeden Morgen stellte er ihr ein Glas Wasser hin.

— Du trinkst zu wenig. Dann bekommst du Kopfschmerzen.Er stellte keine unnötigen Fragen. Er war einfach da. Ruhig. Konstant.Eines Montags explodierte der Vorgesetzte in einer Besprechung.

— Kravtsova! Null Verkäufe! Was machst du hier überhaupt?Natasha senkte den Blick.Rinat hob die Hand.— Schauen Sie ins CRM. Der Kunde hat später ein Upgrade gemacht.Er hatte recht.

Nach der Besprechung sagte sie nur:— Danke.— Wofür? Ich habe nur die Daten gesehen.Er sah sie dabei nicht an.

Aber sie begann ihn wahrzunehmen. Dass er am Wochenende zu seiner blinden Mutter fuhr und ihr vorlas. Dass er geduldig war, ohne es zu betonen.

Und dass Gespräche mit ihm leichter waren als zu Hause jedes einzelne Wort.Zu Hause war alles nur „normal“.Drei Tage vor ihrem Geburtstag kündigte die Schwiegermutter an:

— Ich backe einen Napoleon-Kuchen. Du wirst sowieso nicht weggehen.Und sie kam mit dem Schlüssel.— Ich komme um sechs. Drei Kerzen reichen. Dreißigsechs ist lächerlich.

Natasha spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog.— Das ist mein Geburtstag.— Und? Familie feiert zusammen.Kostya sah nicht einmal auf.

— Mama will sich Mühe geben.In dieser Nacht schlief Natasha im Zimmer ihres Sohnes.Am nächsten Tag legte Rinat einen weißen Umschlag auf ihren Tisch.— Für deinen Geburtstag.

— Was ist das?— Ein Restaurantgutschein. Iss mal richtig.Dreitausend Rubel.Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.Am Abend rief die Schwiegermutter an:

— Um sechs ist alles fertig!Natasha sagte „okay“.Aber sie ging nicht nach Hause.Sie ging in ein kleines Restaurant namens „Tiffany“. Ruhig, fast leer.

Sie bestellte Tiramisu und Prosecco.— Geburtstag? fragte der Kellner.— Ja.Sie bekam eine Kerze. Sie blies sie aus, ohne sich etwas zu wünschen.

Sie aß langsam, als müsste sie erst lernen, wie man überhaupt isst, ohne sich zu beeilen.Um 18:12 rief Kostya an.— Wo bist du? Mama wartet!— Im Restaurant.

— Mit welchem Geld?— Mit meinem.Stille.Dann die Stimme der Schwiegermutter im Hintergrund:— Sie ist völlig verrückt geworden!Natasha legte auf.

Sie aß weiter.Zu Hause stand der Kuchen auf dem Tisch. Kerzen brannten. Drei Stühle waren gedeckt. Ein Platz blieb leer.Kostya aß mechanisch. Seine Mutter redete ohne Pause.

— Ich hätte dir eine bessere Frau ausgesucht.Kostya antwortete nicht.Später saß Natasha im Bus nach Hause. Die Tasche fest an sich gedrückt. Darin die leere Dose für ihr Mittagessen. Sie holte sie heraus, betrachtete sie kurz und steckte sie wieder zurück.

Sie war noch nicht bereit, sie wegzuwerfen.Noch nicht.Aber zum ersten Mal seit langer Zeit war sie nicht vollständig aus ihrem eigenen Leben verschwunden.

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