Vera drückte die Klingel. Hinter der Tür hallten schwere Schritte, doch niemand kam. Sie wippte von einem Fuß auf den anderen, spürte die Last der Tasche, voll mit Gläsern selbstgemachtem Lecho und den gestrickten Socken ihrer Mutter, die ihre Schultern nach unten zog.
Endlich klickte das Schloss. Die Tür schwang nur einen Spalt auf, ließ einen schmalen Lichtstreifen und einen fremden Duft entweichen – süßlich, aufdringlich, der den vertrauten Geruch des Holzhauses überdeckte.Andrei stand da, nur in Sporthosen, ohne Hemd. In der Hand ein Apfel, den er kaute.
— Oh, du bist zurück, — sagte er gleichgültig, ohne sie hereinzulassen.— Andriusch… warum hast du abgeschlossen? Und warum ist das Schloss anders? — Veras Stimme zitterte. Sie zwang sich zu einem Lächeln, obwohl ihr Herz wie zersprungen war. — Lass mich rein, mir ist kalt.
— Für dich gibt es hier keinen Platz mehr, Ver, — knirschte er den Apfel zwischen den Zähnen. — Hier wohnen jetzt andere Leute.Eine Frau huschte im Hintergrund im Morgenmantel vorbei. Vera erkannte das Kleidungsstück sofort — Andrei hatte es ihr zum letzten Neujahr geschenkt.
Bei dieser Frau saß es so eng, dass die Nähte ächzten.— Liebling, wer ist da? — rief die junge Frau schnippisch. — Es zieht!— Andriusch… wer ist das? — Vera spürte, wie ihr ein Kloß im Hals stecken blieb. — Warum trägt sie meine Kleidung?
Andrei seufzte, so wie Erwachsene es tun, wenn sie einem Kind eine „einfache Wahrheit“ erklären wollen. Dann trat er auf die Veranda, schloss die Tür hinter sich. Die Wärme verschwand augenblicklich.— Hör zu, keine Szenen. Kristina und ich lieben uns. Und du… na ja, du bist selbst schuld.
Langweilig, Ver. Versunken in deinen Töpfen.— Was haben die Töpfe damit zu tun? — Ihre Stimme bebte. — Das ist mein Haus! Meins, das meiner Eltern!— War deins, — kratzte er sich faul am Bauch. — Erinnerst du dich an die Generalvollmacht wegen der Gasleitung? Damit du nicht zu den Ämtern rennen musstest.
Vera erinnerte sich: Notar, stickiges Büro, seine sanfte Stimme: „Unterschreib, Liebling, ich mache alles selbst.“— Und?— Ich habe das Haus verkauft. Meinem Freund. Juristisch bin jetzt ich alleiniger Eigentümer. Kristina ist gemeldet, dich habe ich abgemeldet.

Vera spürte, wie der Boden unter ihr schwankte. Der Himmel wirkte plötzlich schwer, grau und niedrig.— Du hättest nicht… das war ein Erbe meiner Großmutter… Andrei, wir haben hier zusammen angefangen…— Danke, dass du mich aufgenommen hast, — verzog er das Gesicht.
— Aber jetzt ist die Lage anders. Geh raus. Dein Zeug ist in Säcken in der Garage.Vera schluckte schwer. — Zu Mama kann ich nicht… Sie ist krank…— Dein Problem. Audienz beendet.Er drehte sich um. Die Tür fiel ins Schloss. Das Klicken schnitt wie ein Messer in Veras Herz.
Sie stand auf der Veranda, sah im Küchenfenster Andrei und Kristina lachen. Kristina trank aus Veras Lieblingstasse, groß, mit dem gezeichneten Igel. Vera konnte es nicht ertragen. Schweigend ging sie zur Garage, nahm nur das Nötigste. Ein Taxi brachte sie in die Stadt, während sie seine Nummer löschte.
In ihrem Kopf herrschte unheimliche Stille.Die erste Woche verbrachte Vera in einem Aufenthaltsraum am Bahnhof. Tagsüber Arbeitssuche, abends die harte Couch, nach Chlor riechend. Das Geld knapp — Andrei hatte auch das gemeinsame Konto geleert.
Dann ein Funken Hoffnung: Im Bäckerschlange sprach sie eine Frau an, die sich über das Seniorenheim beschwerte.— Ich kann Brühe kochen. Und warmes Gebäck. Diätmenüs zusammenstellen, — bot Vera an.Die Frau musterte sie. — Gesundheitspass?
— Ja, frisch.— Los, eine Stunde Probe.Das Seniorenheim „Kiefernwald“ war streng, abgeschottet, nur unterbrochen vom Rauschen der jahrhundertealten Kiefern. Der Besitzer, Konstantin Georgijewitsch, war Perfektionist.Vera kochte, die Hände arbeiteten instinktiv.
Vierzig Minuten später stand eine Schale goldene Brühe mit feinen Karottenscheiben und hausgemachten Nudeln vor ihm. Er probierte, erstarrte, blickte sie zum ersten Mal richtig an.— Zweiter Geschmack überdeckt den ersten nicht, — stellte er fest. — Genau richtig. Nudeln nicht verkocht.
Sie sind eingestellt. Probezeit ein Monat. Leben im Personalgebäude.Vera verschwand in der Arbeit, kochte, organisierte, übernahm Verantwortung. Sechs Monate später stellte sie Menüs für Gäste zusammen, stritt mit Lieferanten, organisierte alles. Die kalte Wut in ihr war zur Rüstung geworden.
— Vera Nikolaewna, — rief Konstantin eines Tages. — Wir expandieren. Neues Restaurant. Ich brauche eine Managerin, der ich vertraue. Schaffen Sie das?— Schaffe ich. Mit einer Bedingung.— Welche?— Ich wähle die Auftragnehmer und prüfe jeden Kostenvoranschlag selbst.
— Abgemacht.Ein Jahr später saß Vera in ihrem Büro, Blick auf den Kiefernwald, Anträge von Baufirmen auf dem Tisch. Die Tür öffnete sich. Andrei trat ein, breit lächelnd, doch müde und zerknittert.— Guten Tag! — begann er. — Unsere Firma bietet…
Er stockte. Vera drehte sich im Stuhl, die Sonne blendete ihn. Er erkannte sie. Und sein Lächeln verschwand. Die Mappe fiel aus seinen Händen, Blätter wirbelten auf dem Boden.— Vera? — keuchte er.— Guten Tag, Andrei Viktorowitsch, — erwiderte sie kalt. — Heben Sie die Papiere auf. Sie machen Unordnung.
Er sackte auf den Stuhl, bleich, hilflos.— Verka… unglaublich… Aufgestiegen, hm? — Er versuchte ein falsches Lächeln. — Unterschreib mir den Kostenvoranschlag, Prozente… Kristina hat alles verschlungen!— Billige Farbe, Linoleum statt Parkett… — unterbrach sie ihn. — Du änderst dich nie. Betrüger.
— Komm schon! Willst du, dass ich Kristina rausschmeiße? Komm zurück zu mir!— Du hast nie gesehen, wer ich bin. Ich habe überlebt, Andrei. Nicht, weil du mir das Haus weggenommen hast, sondern weil du mich ignoriert hast.Sie drückte den Sprechkasten.
Zwei Sicherheitsleute führten ihn hinaus. Klein, erbärmlich wirkte er neben den riesigen Kiefern.Vera lächelte. Zum ersten Mal hell und leicht. Sie griff zum Telefon: „Bin bald da, Mama. Und nicht allein. Konstantin Georgijewitsch will auch deine Leckereien probieren.“
Den Kostenvoranschlag warf sie in den Papierkorb. So wie die Vergangenheit: vorbei


