„Entschuldigen Sie, meine Liebe, aber Sie passen nicht zu uns!“ Einen Tag später war das vorbestrafte Mädchen sprachlos, als sie ihr eigenes Porträt im Haus des Chirurgen sah.

— Es tut mir leid, meine Liebe, aber Sie passen nicht zu uns.

Die Personalreferentin warf die abgenutzte graue Mappe achtlos auf den Rand des Schreibtisches. Durch die nur halb geschlossene Tür drang das monotone Surren von Nähmaschinen herein,

während der enge Raum von dem schweren Duft nach Haarspray und Instantkaffee erfüllt war.Uljana zog ihr Arbeitsbuch langsam zu sich heran.

— Sie haben sich nicht einmal meine Arbeitsproben angesehen — sagte sie ruhig und sah der Frau im strengen bordeauxfarbenen Blazer direkt in die Augen.

— Ich habe mit den schwierigsten Stoffen gearbeitet. Ich kann jedes Möbelstück neu polstern. Ich habe den sechsten Fachgrad. In der Praxis habe ich alles bewiesen.

— Hören Sie mir überhaupt zu, Fräulein? — die Frau rückte verärgert ihre dickrandige Brille zurecht. — Das hier ist ein Premiumbetrieb. Italienische Beschläge, teure Materialien.

Und was steht in Ihren Unterlagen? Beteiligung an Diebstahl. Drei Jahre abgesessen. Und dann noch Ihr Aussehen… sagen wir, es ist… speziell.

Uljana senkte instinktiv das Kinn und versuchte, die rechte Gesichtshälfte mit dem Kragen ihrer alten Jacke zu verdecken. Eine deutlich sichtbare Narbe zog sich von der Schläfe bis zum Hals.

— Diese Narbe stammt aus meiner Kindheit — sagte sie leise. — Ich habe meine Strafe vollständig verbüßt, ohne Verstöße. Ich habe nie etwas gestohlen.

— Mir ist völlig egal, woher dieser Makel kommt! — fuhr die Personalreferentin auf und wandte sich zum Bildschirm. — Verlassen Sie jetzt den Raum, sonst rufe ich den Alarm.

Wir können nicht riskieren, dass aus unserem Lager Materialien verschwinden. Das Gespräch ist beendet.Uljana steckte ihre Dokumente in die Innentasche und verließ den Flur.

Draußen peitschten kalter Regen und Schnee ihr ins Gesicht. Der Wind drang durch ihre Kleidung, doch die Kälte in ihrem Inneren war noch schlimmer.

Überall dasselbe Muster: Sobald die Menschen ihre Narbe und ihre Vergangenheit sahen, schlossen sich die Türen.

Sie blieb an einem schmalen Kanal stehen. Die Betonufer waren von einer glatten Eisschicht überzogen, darunter wirbelte dunkles Wasser schwer und träge. Sie trat an das eiserne Geländer und atmete tief durch.

Plötzlich durchbrach ein scharfer, verzweifelter Schrei die Stille.Uljana fuhr herum. Etwa dreißig Meter entfernt kämpfte ein kleiner Junge auf dem brüchigen Eis nahe einer offenen Stelle.

Vermutlich war er beim Versuch, seinen Rucksack zu holen, eingebrochen. Seine nasse Jacke zog ihn unaufhaltsam nach unten.

Ohne zu zögern kletterte sie über das Geländer. Auf der rutschigen Böschung verlor sie den Halt und glitt hinab, wobei sie sich an dem rauen Beton die Hände aufschürfte.

— Lass nicht los! Halt dich fest! — rief sie und warf gleichzeitig ihre Jacke ab.

Nur noch im dünnen Pullover kroch sie über das Eis. Die Kälte stach wie Nadeln in ihre Knie. Der Junge schlug verzweifelt mit den Armen, versuchte Halt zu finden, rutschte jedoch immer wieder ab.

Uljana packte ihn am Kragen. Das Eis knackte bedrohlich unter ihr und gab nach. Eiswasser drang sofort in ihre Stiefel und ließ ihre Beine taub werden.

Mit letzter Kraft zog sie den Jungen zu sich und beide rutschten zurück, weg von der gefährlichen Öffnung.— Kriech nach oben! Bleib nicht liegen! — rief sie ihm zu.

Oben hatten sich bereits Passanten versammelt. Zwei Männer kletterten über das Geländer und halfen, den Jungen herauszuziehen, dann streckten sie Uljana die Hände entgegen.

Kurz darauf heulten Sirenen auf. Sanitäter hüllten den zitternden Jungen in eine warme Decke.— Sie müssen in den Wagen kommen, Sie sind stark unterkühlt! — rief ein Arzt. — Sie müssen sich sofort aufwärmen!

— Mir geht es gut — antwortete Uljana leise und trat zurück.Sie nahm ihre zerrissene Jacke und verschwand rasch in den Gassen der alten Innenhöfe. Sie durfte nicht bleiben. Fragen, Kontrollen – mit ihrer Vergangenheit hätte das nur Probleme bedeutet.

Eine Stunde später fand sie Zuflucht in einem Kellerraum, den ihr eine ältere Reinigungskraft, Zinaida, vorübergehend überlassen hatte. Der Ort war eng, aber warm. Es roch nach feuchten Besen und Reinigungsmitteln.

Uljana zog sich um, hängte ihre nassen Sachen auf die Rohre und wickelte sich in eine grobe Decke.— Trink das — brummte Zinaida und reichte ihr eine Tasse heißen Tee. — Im ganzen Viertel wird über dich gesprochen.

— Bitte sag es niemandem — flüsterte Uljana.— Nicht sagen? Der Vater des Jungen sucht dich. Ein bekannter Chirurg. Ein reicher Mann. Geh zu ihm. Er will dir danken.

Am nächsten Morgen stand Uljana vor dem Tor eines eleganten Wohnanwesens.Im Inneren wirkte alles fremd: glänzende Böden, edle Möbel, teure Düfte.

Sie setzte sich unsicher auf die Kante eines hellen Sitzes und fühlte sich in ihren abgetragenen Jeans völlig fehl am Platz.Dann erschien der Junge.

— Du warst das! — rief er und lief auf sie zu, blieb jedoch abrupt stehen, als er die Narbe in ihrem Gesicht sah.Uljana folgte seinem Blick und hob den Kopf.

An der Wand hing ein großes Porträt. Eine Frau blickte ihr entgegen. Dieselben Augen, dieselben Gesichtszüge. Wie ein Spiegelbild — nur makellos, ohne jede Verletzung.

Ein schwarzes Band im Rahmen zeigte, dass diese Frau nicht mehr lebte.Die Luft schien stillzustehen.In diesem Moment betrat ein Mann den Raum. Als er Uljana sah, erbleichte er.

— Sofia…?— Nein — sagte sie und trat zurück. — Ich heiße Uljana.Der Mann setzte sich langsam. Sein Name war Stanislaw, ein Chirurg. Seine Frau war vor Jahren bei einem Unfall gestorben. Die Ähnlichkeit war überwältigend.

Doch die Wahrheit reichte noch tiefer.Nach und nach wurde klar, dass Uljana und die Frau auf dem Porträt durch Blut verbunden waren. Schwestern, die einst durch eine geheime Entscheidung getrennt worden waren.

Die Erkenntnis war schwer, aber sie öffnete auch eine neue Perspektive.Monate später hatte sich Uljanas Leben verändert. Der Junge hatte sie ins Herz geschlossen, Stanislaw begegnete ihr mit Respekt, und das Haus war zu einem Zuhause geworden.

Eines Morgens stand sie vor dem Spiegel. Die Narbe war kaum noch sichtbar.— Mama Ulya, gehen wir? — rief der Junge.Uljana lächelte.Sie ging zur Tür.Und diesmal wartete draußen keine Ablehnung — sondern ein neuer Anfang.

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