„Ich bin fast fertig“, antwortete Natasa leise. „Und ich habe Ljuda schon so lange nicht mehr gesehen… ich dachte, vielleicht diesmal…“„Lass doch diesen ganzen Sentimentalitätskram“, unterbrach Andrei ungeduldig. „Ich habe doch alles gesagt. An Silvester bleibst du allein zu Hause. Ich schäme mich, mich mit dir zu zeigen.“
Während er sprach, richtete er gereizt seine Krawatte und betrachtete sich lange im Flurspiegel. Dann warf er Natasa einen seitlichen Blick zu.„Hast du dich in letzter Zeit mal angesehen?“
Natasa trat zum Fenster. Ihre Finger richteten mechanisch die Perücke, als würde sie nicht zu ihr gehören. Ihre Hände zitterten, ein stechender Schmerz durchfuhr ihre Gelenke – eine Nebenwirkung der Behandlung, die nie fragte, ob sie bereit für einen weiteren Tag war.
„Ich verstehe“, sagte sie schließlich leise. „Du brauchst wirklich eine kleine Auszeit. Das letzte halbe Jahr… war sehr schwer.“„Schwer?“ Andrei drehte sich abrupt um. „Das ist eine Untertreibung.
Ich kann mich nicht einmal erinnern, wann wir das letzte Mal unter Leuten waren. Nur Krankenhäuser, Wartezimmer, Apotheken… als hätte unser Leben aufgehört.“„Es tut mir leid“, flüsterte Natasa.

„Was bringt mir dein Bedauern?“ Andrei fuhr sich nervös durch die Haare. „Manchmal sehe ich unsere Hochzeitsfotos an und kann nicht glauben, dass du diese Frau bist. Wohin ist sie verschwunden? Wo ist die schöne, strahlende, lebendige Natasa?“
Natasa schwieg. Was hätte sie sagen sollen? Ja, vor fünf Jahren war sie anders – schlanker, selbstbewusster, mit langen dunklen Haaren bis zur Taille. Damals zeigte ihr Spiegel kein fremdes Gesicht. Heute sah sie eine Frau mit geschwollenem Gesicht, müden Augen und einem Lächeln, das wie eine Anstrengung wirkte.
„Na gut“, sagte Andrei, während er seinen Mantel überzog. „Ich gehe zu den Mihajlows. Vergiss nicht, deine Medikamente zu nehmen.“Als die Tür ins Schloss fiel, legte sich Stille über die Wohnung. Natasa setzte sich langsam auf einen Stuhl.
Es fühlte sich an, als wäre all ihre Kraft entwichen – die letzte Behandlung hatte sie völlig erschöpft. Doch sie lebte noch. Und solange sie lebte, musste sie stark bleiben.Draußen flackerten die festlichen Lichter. Die ganze Stadt bereitete sich auf das neue Jahr vor:
geschmückte Bäume, funkelnde Schaufenster, lachende Menschen mit Geschenken in den Händen. Früher hatte sie dieses Fest geliebt. Sie und Andrei gingen immer zusammen – laut, mit Freunden, voller Pläne.
Vor sechs Jahren, an einem ähnlichen Silvesterabend, hatten sie sich getroffen. Natasa war damals Redakteurin bei einem großen Verlag, Andrei ein aufstrebender junger Anwalt. Die Mihajlows veranstalteten eine Party.
Andrei hatte den ganzen Abend nicht von ihr abgelassen und bot ihr schließlich an, sie nach Hause zu begleiten. Sie redeten bis zum Morgengrauen, spazierten durch schneebedeckte Straßen, lachten, träumten.
Ein Jahr später – Hochzeit. Alle beneideten sie. Ein schönes Paar, hieß es. Eine glückliche Familie. Zukunft mit Kindern, Reisen, gemeinsamen Morgen.Doch vor anderthalb Jahren änderte sich alles. Eine Routineuntersuchung. Das ernste Gesicht eines Arztes.
Ein einziges Wort, das ihr Leben zerschnitt. Anfangs hielt Andrei durch: Krankenhäuser, schlaflose Nächte, ermutigende Lächeln. Dann wurde er langsam müde. Zuerst emotional, später auch körperlich distanziert.
Zuerst waren es Kleinigkeiten. Seufzer. Schweigen. Verspätungen. Dann Blicke ohne Zärtlichkeit. Bemerkungen über ihr Aussehen. Gemeinsame Abende verschwanden.Das Klingeln des Telefons unterbrach ihre Gedanken.
„Natasa, Liebling“, erklang Ljudas Stimme. „Andrei hat gesagt, es geht dir nicht gut. Soll ich vorbeikommen?“„Er hat gesagt, es geht mir nicht gut?“ wiederholte Natasa leer.„Ja. Deshalb ist er allein gekommen. Was ist passiert?“Und Natasa begann zu weinen.
Sie schämte sich nicht. Ihre Tränen sagten endlich das, was sie nicht aussprechen konnte.„Er ist nicht deswegen allein gekommen… Er schämt sich einfach für mich. Für mein Aussehen.“„Schämt er sich?!“ Ljudas Stimme wurde hart. „Ich komme. Sofort.“
Eine halbe Stunde später war Ljuda bereits in der Küche, kochte Tee und beobachtete schweigend ihre Freundin.„Erzähl.“„Was soll ich sagen?“ Natasa lachte bitter. „Ich bin nicht mehr seine ‚Schokoladentafel‘. Erinnerst du dich? So nannte er mich. Dunkles Haar, braune Augen… Jetzt zieht er nur noch eine Grimasse.“
Ljuda zog eine Schokolade aus ihrer Tasche und stellte sie vor Natasa.„Weißt du, was ich sehe? Eine Frau, die überlebt. Und das ist viel schöner.“Fünf Jahre vergingen.
Natasa ging selbstbewusst durch das Einkaufszentrum. Sie trug einen eleganten Mantel, ihre kurze Frisur trug sie mit Stolz. Schon lange hatte sie entschieden: Sie würde sich nicht mehr verstecken.
„Entschuldigung“, sprach sie eine Frau an. „Wo haben Sie sich die Haare schneiden lassen?“Natasa lächelte. Niemand ahnte, was sie durchgemacht hatte.Eine Nachricht von Ljuda erschien: „Um sechs treffen wir uns!“
Die alten Freunde trafen sich wieder. Andreï war auch da – nicht mehr als Ehemann, sondern als jemand aus der Vergangenheit. Und das war in Ordnung.„Natalja Sergejewna“, sprach eine junge Frau sie vor dem Café an. „Darf ich mit Ihnen reden?“
Natasa erkannte den Blick. Derselbe, den sie selbst vor Jahren getragen hatte.„Natürlich“, sagte sie. „Setzen Sie sich.“Das Leben war nicht so verlaufen, wie sie einst geträumt hatte.Aber es war real geworden.Und endlich – gehörte es ihr.


