— Du bist mir seit der ersten Nacht zuwider! erklärte mein Mann an unserem Jahrestag. Ich lächelte und nickte dem Moderator zu.

Tamara ließ langsam ihre Handfläche über die Tischdecke gleiten. Eine Brotkrume knackte unter ihren Fingern. Im großen Saal des Kulturhauses wogte Stimmengewirr, der Duft von gebratenem Fleisch und fremden Parfüms vermischte sich in der Luft.

Fünfzehn Jahre Ehe. Jubiläum. Lachen, das Klingen von Gläsern, das Aufblitzen von Kameras.Anatolij saß neben ihr. Breitschultrig, im dunkelblauen Sakko, mit einer viel zu engen Krawatte. Immer wieder richtete er sie, als würde sie ihn würgen.

War er nervös? Oder bereitete er sich auf etwas vor?Tamara drehte langsam den Ehering an ihrem Finger. Er saß eng. Früher war er locker gewesen, jetzt schnitt er in ihre Haut. Seit einem halben Jahr hatte sie ihn nicht getragen

– heute hatte sie ihn absichtlich wieder angelegt. Sie wollte, dass er an ihrem Finger war, wenn sie aussprach, was sie auszusprechen bereit war.Sie wusste es.Nicht erst heute. Sie wusste es schon seit Monaten.

Plötzlich stand Anatolij auf und nahm das Mikrofon. Die Gespräche verstummten. Er richtete sich auf, sah sich um und wandte sich dann langsam Tamara zu. Auf seinem Gesicht lag ein seltsamer Ausdruck: Triumph und Abscheu zugleich.

„Tamara“, begann er laut, zu scharf. „Fünfzehn Jahre habe ich auf diesen Tag gewartet. Seit der ersten Nacht habe ich mich vor dir geekelt. Verstehst du? Geekelt. Ich konnte dich nicht berühren, ohne Widerwillen zu empfinden.

Du warst nur ein Ticket für ein bequemes Leben. Eine langweilige Apothekerin mit Medikamentengeruch. Ab morgen reiche ich die Scheidung ein. Das Geschäft bleibt bei mir, dir bleiben deine Tabletten und die Leere.“

Es wurde so still, dass man hören konnte, wie jemand schluckte. Tamaras Vater, Stepan Iljitsch, klammerte sich an die Tischkante. Eine Frau zischte scharf ein.Tamara nahm langsam den Ring ab. Sie sah Anatolij nicht an.

Legte ihn vor sich auf den Tisch, hob dann den Blick und nickte ihrem Neffen Maxim zu, der an der Wand mit einem Laptop saß.„Start.“Die Leinwand leuchtete auf. Zuerst verstand niemand, was geschah. Dann erklang eine Stimme – Anatolijs Stimme.

Auf dem Bildschirm saß Anatolij in einem Büro, ihm gegenüber Kristina, das rothaarige Disponentenmädchen.„Merkt sie nichts?“ fragte das Mädchen.„Aber nein“, lachte Anatolij. „Sie sitzt den ganzen Tag in der Apotheke und zählt Tabletten.

Ich habe drei Kredite auf den Firmennamen aufgenommen, sie hat keine Ahnung. Nach der Scheidung bleiben die Schulden bei ihr, das Geschäft bei mir. Und dann leben wir endlich.“Im Saal gefror die Luft. Der echte Anatolij wurde blass und starrte Tamara an.

Maxim startete die nächste Aufnahme. Ein junger Anatolij am Hochzeitstag, mit einem Wodkaglas in der Hand.„Ich liebe sie nicht“, sagte er lachend. „Aber der Schwiegervater hat Verbindungen. Ich halte zehn Jahre durch, dann suche ich mir eine normale Frau.“

Gelächter.Stepan Iljitsch erhob sich langsam.„Hast du das wirklich so gemeint, Tolja?“ fragte er leise.Auf dem nächsten Bild erschienen Verträge, Kontoauszüge, Überweisungen.„Kopien liegen beim Finanzamt“, sagte Tamara ruhig.

„Und bei meinem Anwalt. Das Grundstück, die Garagen, der Autobetrieb stehen alle auf meinen Namen. Du hast sie nur verwaltet. Die Kredite sind deine. Das Geschäft bleibt in der Familie. In meiner.“

Anatolij wich zurück, als wäre er geschlagen worden.„Seit einem halben Jahr beobachte ich dich“, fuhr Tamara leise fort. „Ich wusste, dass du diesen Tag wählst. Dass du mich vor allen demütigst. Jetzt aber sehen alle, wer du wirklich bist.“

Einen Moment lang sahen sie einander an.„Geh“, sagte Tamara schließlich. „Aus meinem Leben.“Anatolij stürmte hinaus. Jemand rief ihm nach: „Schande!“Der Saal begann langsam wieder zu atmen. Tamara sah auf den Ring auf dem Tisch.

Klein, abgenutzt. Fünfzehn Jahre – und doch hatte er nichts bedeutet.Später ging sie zum Fenster, öffnete den Lüftungsflügel. Kalte Luft schlug ihr ins Gesicht. Sie hob die Hand und warf den Ring in die Nacht hinaus.

Drei Tage später erschien Anatolij auf dem Autobetrieb. Der Wachmann ließ ihn nicht hinein. Als Tamara ankam, rannte der Mann auf sie zu.„Das ist mein Unternehmen!“ schrie er.„Es wurde mit meinem Geld aufgebaut“, antwortete Tamara ruhig.

„Ab jetzt gehört es nicht mehr dir.“„Kristina ist verschwunden!“ platzte es aus ihm heraus.Tamara lächelte schwach.„Sieht so aus, als hätte sie dich schneller durchschaut.“Am Abend saß Tamara allein in der Küche.

Draußen war es dunkel. Zum ersten Mal seit langer Zeit weinte sie – nicht aus Schmerz, sondern aus Erleichterung.Einen Monat später hatte sich alles eingerenkt. Der Betrieb lief, sie arbeitete, lebte, atmete.

Eines Abends blieb sie auf der Straße stehen und merkte, dass sie lächelte. Einfach so.Und sie wusste: Zum ersten Mal lebte sie nicht das Leben eines anderen. Sondern ihr eigenes.

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