Den ganzen Sommer habe ich allein im Garten geschuftet… Dann kamen meine Verwandten mit zwei Autos und leeren Eimern, um die Ernte unter sich aufzuteilen. 😳
Ich stand auf der alten, verwitterten Veranda, auf der mein Mann und ich früher jeden Morgen gemeinsam Kaffee getrunken hatten. Das Haus war fast unverändert geblieben. Der Holzboden knarrte bei jedem Schritt, die verblichene Tapete hing noch immer an den Wänden, und unter dem Fenster schlief unsere alte Katze eingerollt auf ihrer abgewetzten Decke.
Mitten im Wohnzimmer stand ein Tisch, bedeckt mit einer Wachstischdecke. Rundherum waren Holzkisten aufgestapelt.
Sie waren bis zum Rand gefüllt mit riesigen, fleischigen Tomaten. Dunkelrote Ochsenherztomaten glänzten neben prallen Sanka-Tomaten, deren Schale an manchen Stellen vor lauter Reife aufgeplatzt war. Der unverwechselbare Duft frischer Tomaten und grüner Stängel erfüllte den ganzen Raum.
Daneben stapelten sich Paprika in großen Baueimern, und in der Ecke warteten Kartons voller blau bereifter Pflaumen darauf, eingekocht zu werden.
Alle starrten auf die Ernte.
Nicht auf mich.
Auf die Ernte.
Vor zwanzig Jahren hatten mein Mann Misi und ich dieses kleine Grundstück gekauft. Damals waren wir jung und voller Pläne. Wir waren überzeugt, dass wir hier gemeinsam alt werden würden.
Dann starb Misi.
Drei Jahre lang brachte ich es nicht über mich, wieder hierherzukommen. Das Unkraut verschlang den Zaun, das Dach des Schuppens bekam Risse, und der Garten verwandelte sich langsam in einen Dschungel.
Doch im Frühjahr zog ich eines Tages meine alten Gummistiefel an, kaufte ein Paar Arbeitshandschuhe und kehrte zurück.
Meine jüngere Schwester Ella und meine Schwiegertochter Alina waren damals voller Begeisterung.
„Das ist eine großartige Idee! Die Arbeit mit der Erde heilt die Seele! Wir kommen jedes Wochenende und helfen dir. Wir graben die Beete um, räumen die Äste weg und bringen alles im Handumdrehen wieder in Ordnung!“
Ich glaubte ihnen.
Im März standen auf jeder Fensterbank meiner Wohnung Becher mit Setzlingen. Ich desinfizierte die Erde, pikierte jede kleine Pflanze, installierte Pflanzenlampen und hütete die zarten Triebe jeden Abend wie kleine Kinder.
Anfang Mai brachte mein Sohn Denis die Setzlinge zum Garten.
„Mama, ich muss los. Die Bremsen am Auto quietschen. Am Samstag komme ich mit einer Schaufel zurück!“
Er küsste mich auf die Stirn.
Dann fuhr er davon.
Dieser Samstag kam nie.
Stattdessen schickte Alina mir ein Foto aus Sotschi. Sie standen unter Palmen, lächelten in die Kamera und hielten Pappbecher mit Kaffee in der Hand.
*„Last-Minute-Reise. Das mussten wir einfach nutzen.“*
Ella schrieb, sie habe Migräne.
Und ich stand allein da.
Mitten im hüfthohen Unkraut.
Ich weinte nicht.
Ich ging in den Schuppen.
Nahm die alte Schaufel.
Und begann zu arbeiten.
Jeden Morgen zwei Stunden.
Jeden Abend noch einmal zwei.
Wenn mein Kopf dröhnte, nahm ich eine Schmerztablette. Wenn mein Rücken sich anfühlte, als würde er brechen, setzte ich mich fünf Minuten auf einen umgedrehten Emailleeimer.
Dann machte ich weiter.
Ende Mai schauten endlich die ersten Möhrenreihen aus der Erde.
Ich fotografierte sie.
Schickte das Bild an Ella.
Ihre Antwort bestand aus einem einzigen Satz:
„Benutz bloß keine Chemie! Wir wollen Bio-Gemüse! Und säe noch drei Reihen Dill – wir brauchen viel für den Winter.“
Keine einzige Frage.
Kein:
„Wie geht es dir?“
„Tut dir der Rücken weh?“
„Brauchst du Hilfe?“
Nur Forderungen.
Der Sommer wurde immer erbarmungsloser.
Im Juli flimmerte die Hitze über dem Boden.
Die Zucchiniblätter hingen schon mittags schlaff herunter.
Das Unkraut schien schneller zu wachsen, als ich es jäten konnte.
Kartoffelkäfer fraßen sich durch die Kartoffelbeete.
Und ich zog morgens um halb fünf bereits Misis alte Gummistiefel an, um wenigstens einen Teil der Arbeit vor der sengenden Sonne zu schaffen.
Mittags fiel ich oft einfach auf der Veranda in mich zusammen.
Ich lag nur da.
Hörte den Hummeln zu.
Und versuchte wieder zu Atem zu kommen.
Eines Samstags kamen Denis und Alina tatsächlich vorbei.
Alina ging einmal durch den Garten.
„Wow… Nicht ein einziges Unkraut!“
Dann blickte sie auf die Erdbeeren.
„Warum sind die denn so klein? Dimi wollte einen ganzen Eimer mit nach Hause nehmen.“
„Die Saison ist fast vorbei“, sagte ich. „Komm, hilf mir beim Pflücken. Zu zweit geht es viel schneller.“
Sie sah mich entsetzt an.

„Ach nein! Du weißt doch, wie empfindlich meine Haut ist. Ich mache mir die Hände kaputt.“
Sie half nicht.
Stattdessen gingen sie zum See schwimmen.
Währenddessen kroch ich auf allen vieren durch die Erdbeerbeete und pflückte die schönsten Früchte für meinen Enkel.
Zwei Stunden lang.
Als sie zurückkamen, roch Alina nach Sonnencreme und Seewasser.
Sie nahm die Kiste.
Murmelte kaum ein Danke.
„Danke, Mama. Wir müssen los, sonst stehen wir im Stau.“
Drei Teller halb aufgegessene kalte Suppe blieben auf dem Tisch stehen.
Zwischen summenden Wespen.
Im August hatte ich so viel Gewicht verloren, dass mich sogar die ältere Nachbarin über den Zaun rief.
„Raja! Hast du dich eigentlich mal im Spiegel angesehen?“
Am Abend tat ich es.
Ich erkannte mich kaum wieder.
Von der Sonne verbrannte Schultern.
Ein tief gebräunter Nacken.
Rissige Hände, aus denen weder Bimsstein noch Zitronensaft die Erde herausbekamen.
Und trotzdem…
Stand ich am nächsten Morgen wieder im Garten.
Weil ich glaubte…
Dass meine Familie all das zu schätzen wissen würde.
Am letzten Samstag im August fuhren gleichzeitig zwei Autos auf den Hof.
Der rote Hyundai.
Und Denis’ Kia.
Als Erstes sah ich die geöffneten Kofferräume.
Leere Eimer.
Plastikboxen.
Große Kisten mit Deckeln.
Sie waren nicht gekommen, um zu helfen.
Sie waren gekommen, um mitzunehmen.
„Na, das reicht ja für eine ganze Armee!“, lachte Ellas Partner.
„Wir haben unterwegs schon alles besprochen“, erklärte Ella. „Heute ernten wir alles und teilen es gerecht auf. Wir brauchen vier Kisten Tomaten und zwei Eimer Pflaumen.“
„Und wir nehmen jede Menge Paprika“, ergänzte Alina und griff bereits nach den Eimern.
Dann verzog sie das Gesicht.
„Warum sind die Tomaten eigentlich so staubig? Du hättest sie wenigstens abwischen können. Sonst machen sie die hellen Autositze schmutzig.“
In diesem Moment zerbrach etwas in mir.
Langsam legte ich die Gartenschere auf den Tisch.
Alle verstummten.
„Ihr wollt also gerecht teilen?“
Sie nickten.
„Gut.“
„Denis…
Erinnerst du dich an den Mai?
Als du gesagt hast, du müsstest nur noch die Bremsen reparieren?
Und nie wieder gekommen bist?“
„Mama…“
„Alina.
Erinnerst du dich daran, dass du keine Erdbeeren pflücken wolltest, weil du deine Hände schonen musstest?
Aber essen konntest du sie ohne Probleme.“
Sie wurde knallrot.
„Das ist eine Unverschämtheit!“
„Ella.
Erinnerst du dich an deinen Bio-Dill?
Ich habe drei Tage lang Zwiebelschalen eingeweicht, damit die Blattläuse ihn nicht zerstören.
Wo warst du?
Am See.
Du hast Musik gehört.
Gelacht.
Während ich jeden Abend fünfundzwanzig Eimer Wasser geschleppt habe.“
Es wurde still.
So still, dass man nur das Summen einer einzigen Fliege hörte.
Schließlich platzte Ella der Kragen.
„So viele Vorwürfe wegen ein paar lächerlicher Tomaten? Dann kaufen wir sie eben auf dem Markt!“
Ich sah sie an.
Dann zeigte ich auf das Gartentor.
„Ganz genau.
Kauft sie dort.
Meine bleiben hier.“
Wenige Minuten später waren sie alle verschwunden.
Bevor Denis einstieg, rief er mir noch zu:
„Mama, wegen dieses Gartens bist du völlig verrückt geworden!“
Seitdem sind zwei Monate vergangen.
Ella und ich sprechen kein Wort mehr miteinander.
Sie erzählt unserer Mutter, ich sei geizig geworden.
Mein Sohn ruft sonntags an.
Die Gespräche dauern höchstens vierzig Sekunden.
„Hallo, Mama. Alles in Ordnung? Gut. Ich muss arbeiten. Tschüss.“
Alina kauft ihr Gemüse inzwischen angeblich nur noch im Supermarkt.
Und bei jedem Familienessen sagt sie:
„Wir nehmen keine Almosen an.“
Heute sitze ich abends auf den Stufen der Veranda.
Ich höre dem Wind zu, der durch die Kiefern rauscht.
Ich sehe auf die dunkle Erde, die bereits für den Winter umgegraben ist.
Mein Rücken schmerzt nicht mehr.
Niemand schreibt mir mehr Nachrichten darüber, was ich pflanzen, einfrieren oder für den Winter einmachen soll.
Es ist still.
Und friedlich.
Doch manchmal stelle ich mir immer wieder dieselbe Frage.
**Hat es sich gelohnt?**
Denn die Ernte habe ich behalten.
Aber unterwegs…
habe ich meine Schwester verloren.
Und vielleicht…
auch meinen Sohn.


