Grigori Andrejewitsch hielt nichts von Ahnungen. Ahnungen waren etwas für Horoskope und gelangweilte Hausfrauen. Er glaubte an Zahlenkolonnen, Lieferscheine, Kamerawinkel und den Moment, in dem jemand beim Lügen unmerklich mit dem rechten Augenlid zuckte.
Zwanzig Jahre lang hatte er den Sicherheitsdienst eines riesigen Logistikzentrums geleitet. Er konnte am Gang erkennen, wer nur Büroklammern mitgehen ließ – und wer gerade dabei war, einen Abtransport im Millionenwert vorzubereiten. Menschen waren für ihn Muster. Und jedes Muster hatte einen Fehler.
Nur bei Stas fand er keinen.Stanislaw Igorewitsch Korotkow, zweiunddreißig, eigenes Geschäft für Fensterinstallationen, eine fast abbezahlte Eigentumswohnung, keine Schulden, keine Vorstrafen, keine sichtbaren Risse. Gepflegte Manieren. Maßgeschneiderte Anzüge.
Schuhe, die glänzten, als würden sie nie den Boden berühren. Und dieses höfliche, wohldosierte Lächeln – warm genug, um Vertrauen zu wecken, kühl genug, um Distanz zu halten.„Grischa, warum suchst du nach Gespenstern?“, fragte Wera eines Abends, während sie die bestickte Festtagstischdecke glattstrich.
„Nastjenka ist glücklich. Sieh doch, wie sie ihn anschaut. Und er bringt jedes Mal Blumen. Nicht so ein kümmerlicher Strauß vom Kiosk – richtige Sträuße.“Grigori antwortete nicht.Es waren die Hände.Zu sauber. Zu glatt. Nägel perfekt geschnitten, die Haut trocken wie Papier.
Und jedes Mal, wenn Stas zufällig die Hofkatze Murka streifte, zog er ein Feuchttuch hervor. Sorgfältig wischte er jeden Finger einzeln ab – mit einer Miene, als hätte er etwas Giftiges berührt. Eine Sekunde später legte er dieselbe Hand an Nastjas Wange und lächelte.
Der Zweifel fraß sich leise durch Grigoris Gedanken, wie Rost durch Metall.Dann kam dieser Satz.Vor drei Tagen war Stas auf den Balkon gegangen, um zu rauchen. Er glaubte, allein zu sein. Hinter dem schweren Vorhang im Wohnzimmer stand jedoch Grigori – auf der Suche nach seinem Feuerzeug.
„…ja, wir bereiten alles vor“, sagte Stas gedämpft. „Sie überschreibt die Wohnung vor dem Standesamt. Ich habe sie überzeugt. Nein, der Alte wird nicht stören.“Der Alte.Grigori erstarrte. Vielleicht ein Missverständnis? Vielleicht ging es um einen Kunden? Doch etwas in der Stimme – dieses gedämpfte,

kalkulierende Flüstern – ließ keinen Zweifel.Am Sonntag erschien Stas pünktlich zum Mittagessen. Weiße Lilien. Ein Lächeln. Ein Kuss auf Nastjas Stirn.Während Wera und Nastja in der Küche hantierten, trat Grigori an ihn heran.
„Sag mal, Stas, hast du eine Luftpumpe im Auto? Mein Reifen ist platt.“„Natürlich, Grigori Andrejewitsch.“ Das Lächeln blitzte auf. „Der Kofferraum ist offen. Hier die Schlüssel.“Draußen fegte der Herbstwind Blätter über den Hof. Grigori öffnete scheinbar beiläufig die Fahrertür.
Aus seiner Jackentasche zog er ein kleines schwarzes Diktiergerät mit starkem Magneten – ein Relikt aus alten Zeiten, als er noch Beweise sammelte, bevor andere überhaupt Verdacht schöpften.Ein leises Klicken.Das Gerät haftete unsichtbar unter dem Sitz.
Drei Tage später saß Grigori in seiner Garage. Das Neonlicht flackerte. In seinen Ohren rauschte erst nur der Motor, Radiomusik, belangloses Gerede.Dann ein Anruf.„Ja“, sagte Stas.Seine Stimme war anders. Kein Samt mehr. Nur noch Metall.
„Ich komme gerade von diesen Versagern.“Eine tiefe Frauenstimme antwortete: „Hat sie unterschrieben?“„Noch nicht. Morgen beim Notar. Ich habe ihr erzählt, mein Geschäft stehe vor Klagen. Wenn die Wohnung auf sie läuft, wird sie gepfändet. Wenn sie auf mich läuft, ist alles sicher.
Danach überschreibe ich sie angeblich zurück.“ Ein kurzes, verächtliches Lachen. „Die Dumme glaubt jedes Wort.“Grigoris Hände wurden kalt.„Und das Mädchen?“„Geht mir auf die Nerven“, zischte Stas. „Noch einen Monat. Wir fliegen ans Meer. Nachts kann viel passieren. Oder wie bei Lisa.
Waldbeeren. Ihr wurde schlecht. Mir nicht.“Grigori riss sich die Kopfhörer vom Kopf, als hätte er sich verbrannt.Lisa.Am Abend spielte er die Aufnahme Nastja vor. Sie hörte erst reglos zu, als lausche sie einer fremden Sprache. Dann wich alles Blut aus ihrem Gesicht.
„Das ist gefälscht“, flüsterte sie. „Mit KI kann man jede Stimme nachmachen…“„Erinnerst du dich an Lisa?“, fragte Grigori ruhig. „Er sagte, sie sei bei einem Unfall gestorben.“In dieser Nacht saßen Vater und Tochter bis zum Morgengrauen am Laptop. Jelisaweta Korotkowa. Gestorben vor drei Jahren. Offiziell:
Vergiftung durch Waldpilze. Ehemann: Stanislaw Korotkow. Erbe: ihre Wohnung.Mit Hilfe von Schanna – der Frau aus dem Telefonat – die unter Druck einknickte, kamen weitere Details ans Licht. Verträge. Versicherungen. Ähnliche Muster.
Als Stas am nächsten Abend mit einem neuen Strauß Lilien erschien, warteten bereits Ermittler im Wohnzimmer.„Stanislaw Igorewitsch Korotkow“, sagte einer von ihnen ruhig. „Sie sind festgenommen.“Zum ersten Mal sah Grigori kein Lächeln in seinem Gesicht – nur nackten Hass.
Stas versuchte zu fliehen. Grigori stellte sich ihm in den Weg. Kein Zögern. Ein Griff, ein Stoß – Stas ging hart zu Boden.„Ihr könnt mir nichts beweisen!“, keuchte er.Doch sie konnten.Zweiundzwanzig Jahre Haft.Ein Jahr später. Herbst auf der Datscha.
Der Rauch vom Grill zog in blauen Schwaden über den Hof. Wera schnitt Paprika, Nastja lachte leise über irgendetwas auf ihrem Handy.Am Tor hielt eine alte, klapprige Niva. Der Stoßfänger war mit Draht befestigt, ein Scheinwerfer blind.Ein junger Mann mit Brille stieg aus.
„Entschuldigung“, rief er verlegen. „Ich habe mich verfahren. Können Sie mir sagen, wie ich zur Hauptstraße komme?“Nastja ging zum Tor. Ihr Lächeln war vorsichtig – aber echt.Grigori spannte sich an. Jede Faser in ihm war wach.Wera legte ihm die Hand auf die Schulter. „Lass sie, Grischa.“
„Augen sagen nichts“, murmelte er und drehte die Spieße. „Aber ein Auto mit Drahtstoßfänger? Der jagt keinem Geld hinterher. Der hat andere Probleme.“Er beobachtete, wie Nastja ruhig den Weg erklärte.Dann zog er dennoch sein Handy hervor.
„Das Kennzeichen schreibe ich mir trotzdem auf“, brummte er. „Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser.“


