Olga begriff nicht in dem Moment, als Vadim seinen Koffer packte, dass ihre Ehe zu Ende war.Sie begriff es, als er begann, die Löffel zu sortieren.
Er schrie nicht. Er machte keine Vorwürfe.Er stand einfach in der Küche und zählte.„Dieses Besteckset hat meine Mutter uns zur Hochzeit geschenkt“, murmelte er und wickelte die matt glänzenden Teile in Zeitungspapier.
„Und den Multikocher habe ich mir von meiner Prämie gekauft. Du behältst das alte Bügeleisen. Es hat ohnehin einen Wackelkontakt.“
Olga saß auf einem niedrigen Hocker und starrte auf die gegenüberliegende Wand. Gestern hing dort noch der Fernseher. Heute klafften nur noch vier hässliche Löcher in der Tapete.
Vadim hatte sogar die Halterung abgeschraubt, als hätte er Angst, Olga könnte selbst aus den Schrauben noch Gewinn schlagen.Sieben Jahre gemeinsamen Lebens passten in drei Kartons und zwei karierte Markttaschen.
„Das Haus wird verkauft“, warf Vadim hin, während er sich den Mantel anzog. „Die Käufer stehen schon fest. Morgen bringe ich sie zur Besichtigung. Bis dahin soll hier Ordnung sein.

Und bis Mittag bist du weg. Den Schlüssel legst du unter die Fußmatte.“„Vadim… ich habe keinen Ort, wo ich hin kann“, sagte Olga leise. „Mein Gehalt kommt erst in einer Woche. Gib mir ein paar Tage, ich finde ein Zimmer.“
Vadim lächelte, doch seine Augen blieben kalt.Darüber hättest du früher nachdenken sollen, als du mit dieser sauren Miene durchs Haus gelaufen bist. Jetzt habe ich ein neues Leben. Mit einer normalen Frau. Nicht mit einem tiefgefrorenen Fisch.“
Die Tür schlug zu.Das Haus wurde schlagartig kalt. Olga blieb allein zurück — in einem Haus, für das noch drei Jahre lang die Bank bezahlt werden musste.
Der Abend war feucht und windig. Der Novemberwind schleuderte nasse Blätter gegen die Fenster, im Kamin heulte der Zug. Olga konnte nicht schlafen.
Ohne die Dinge ihres Mannes wirkte das Haus zu groß, zu leer. Als gehörte es ihr nicht mehr.Gegen Mitternacht begann der Hund des Nachbarn wie rasend zu bellen.
Olga setzte sich im Bett auf und trat ans Fenster. Am Tor bewegte sich eine dunkle Gestalt. Jemand versuchte unbeholfen, den Riegel zu öffnen, doch die Hand rutschte immer wieder ab.
Olga zog sich den Mantel über den Pyjama und lief auf die Veranda.„Wer ist da?! Ich rufe die Polizei!“Die Gestalt erstarrte – und sackte dann langsam neben dem Tor zusammen.
Olga rannte hin. Ein alter Mann lag auf dem Boden. Er trug einen hochwertigen, nun verschlammten Mantel und keine Mütze. Sein graues Haar klebte nass an der Stirn, das Gesicht war aschfahl.
„Geht es Ihnen gut?“ fragte sie und schüttelte ihn vorsichtig.„Lida…“, flüsterte der Alte. „Ich wollte Brot holen… Der Laden war zu. Wo ist das Treppenhaus?“
Kein Alkoholgeruch. Nur Kälte, Regen und teurer Tabak.Olga verstand. Er war losgegangen… und hatte sich verirrt. Sie konnte ihn bei diesem Wetter nicht draußen lassen.
Mit großer Mühe brachte sie ihn ins Haus. Er war leicht, fast gewichtslos, als wäre er von innen bereits leer.Der Mann nannte sich Matwei Iljitsch.
Olga kochte Tee mit Honig und deckte ihn mit einer Decke zu. Mal sprach er klar, mal fragte er wie ein Kind nach seiner Mutter. Olga rief den Notdienst an, doch man sagte ihr, sie solle bis zum Morgen warten.
Die Nacht verbrachte sie sitzend in der Küche und zuckte bei jedem Geräusch zusammen.Am Morgen klingelte Vadims Telefon.„Ist alles fertig?“ brüllte er zur Begrüßung. „In einer halben Stunde bin ich mit dem Makler da!“
„Vadim… hier ist ein Mensch. Ein alter Mann. Ich habe ihn letzte Nacht gefunden – er wäre beinahe erfroren…“„Schmeiß diesen Penner raus!“ schrie Vadim. „Das ist MEIN Haus!“
Dreißig Minuten später stürmte Vadim herein, dicht gefolgt vom Makler, der sichtbar die Nase rümpfte. Als Vadim den alten Mann auf dem Sofa sah, verlor er die Beherrschung.
„Raus hier!“ schrie er und riss ihm die Decke weg.Olga stellte sich dazwischen. Vadim stieß sie beiseite. Der alte Mann fiel auf der Veranda auf die Knie, direkt in den kalten Schlamm.
„Kostja…“, flüsterte er.In diesem Moment rollte ein großer schwarzer Geländewagen vor das Tor.Die Stimme des Mannes, der ausstieg, zitterte.
„Papa.“Vadim erkannte das Gesicht sofort.Konstantin Sergejewitsch Gromow.Der Firmeninhaber.Die Konsequenzen waren schnell und gnadenlos.
Einen Monat später unterschrieb Olga die Papiere für das Haus allein.Kurz vor Weihnachten kam ein Kurier. Ein neuer Fernseher. Eine kleine Karte:
„Danke für den Tee.Matwei Iljitsch.“Darunter, in einer anderen Handschrift:„Papa lädt Sie zum Abendessen ein. Er sagt, ohne Sie schmeckt es nicht gleich. Ich hole Sie um sieben ab. Konstantin.“
Olga sah sich im Spiegel an, richtete ihr Haar — und lächelte zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich. Ihr Leben… begann gerade erst.

