— Deine geerbte Wohnung ist gemeinsames Eigentum! Mama hat recht: Wir werden sie verkaufen und eine ordentliche Wohnung kaufen — erklärte Igor.

Marina zog den nassen Schal ab, der noch die klamme Märzluft trug. Im Flur roch es nach feuchtem Beton, nach Müll und nach dem fremden Duft von angebratenen Fleischklößchen – alles wie immer. Nur in ihr war längst alles durcheinander.

— Ich habe es getan, weil du und Mama meine Wohnung zu einem Durchgangszimmer gemacht habt. Ich hatte es satt, nach Hause zu kommen und zu raten, was heute schon wieder fehlt.Igor rieb sich das Gesicht, die Augen halb geschlossen.

— Marina… du bildest dir das doch nur ein. Niemand klaut dir etwas.— Ach ja? Und die Ohrringe meiner Großmutter? Der Ring? Das Auto? — Ihre Stimme war leise, fast sanft, doch das Metall darin vibrierte. — Auch die sind „einfach verschwunden“?

Er drehte sich weg, wie immer, wenn er sprachlos war. Marina wusste: Er würde nichts sagen. Keine Wahrheit, keine Entschuldigung, keine Erklärung.Und genau das – dass er sie nicht verteidigte, sondern fremde „Handlungen“ deckte – war der letzte Tropfen.

Sie hatte all die Jahre darauf gewartet, dass Igor endlich hinter ihr stand. Doch er wählte nicht sie.Marina ging in die Küche, warf die Tasche auf den Stuhl und machte den Wasserkocher an. Sie musste etwas mit den Händen tun, sonst würde sie entweder weinen oder die Tasse gegen die Wand schleudern.

Leise folgte Igor:— Marina… lass uns ruhig reden. Mama wollte doch nur helfen. Sie macht sich Sorgen, weil du an diesem Erbe festhältst wie…— Wie an dem, was von meinem Vater übrig ist? — Marina sah ihn scharf an. — Meinst du das ernst?

Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Ein Achselzucken.Plötzlich wurde ihr klar: Sie lebten in verschiedenen Welten. Für sie war die Wohnung Erinnerung, Zuhause, ein Stück Kindheit. Für ihn war sie nur ein Objekt, das man „gestalten“, „verkaufen“, „teilen“ konnte.

Er setzte sich ihr gegenüber, die Hände verschränkt.— Marina, überleg doch selbst. Alte Bausubstanz, Feuchtigkeit vom Fluss, Nachbarn – die Hälfte steckt noch in den Neunzigern fest. Und es ist weit weg. Mama hat recht: besser verkaufen, Neubau, ein sauberes Blatt.

Marina lachte leise, bitter:— Auf welchem sauberen Blatt? Auf dem, wo deine Mutter genauso frei durch unsere Wohnung läuft wie jetzt? Oder auf dem, wo sie wieder meine Sachen verpfändet, um „uns zu helfen“?— Du übertreibst…

— Und du siehst das Offensichtliche nicht.Die Stille spannte sich wie eine Saite kurz vor dem Reißen.Sie wusste: Würden sie jetzt weitermachen, flogen Worte wie Messer. Und Marina begriff zum ersten Mal: Sie wollte nicht mehr reparieren. Sie wollte ihr Leben zurück.

— Ich ziehe nach Frunze, — sagte sie ruhig. — Allein. Schlösser werde ich austauschen. Igor, ich habe es satt, mein Eigentum vor deiner Familie zu verteidigen.Er hob abrupt den Kopf:
— Also schmeißt du mich raus?— Ich bin nicht deine Vermieterin.

Du entscheidest selbst, wo und mit wem du leben willst.Sein Gesicht verzog sich – nicht vor Wut, sondern vor Angst. Endlich begriff er: Sie meinte es ernst.Marina stand auf, nahm den Beutel mit Dokumenten aus dem Schrank und packte ihn langsam, vorsichtig. Jede Bewegung verlieh ihr Kraft.

Igor sprang auf:— Warte… lass uns nicht so abrupt handeln. Du weißt doch, Mama ist hitzköpfig. Wir können alles klären. Ich rede mit ihr.— Du hast schon „geredet“. — Marina schloss die Tasche. — Und was kam dabei heraus? Ein neues Schloss. Leere Regale.

Er wollte sie aufhalten, die Finger zitterten, der Blick huschte zwischen Tür und Tasche. Doch er trat nicht näher. Hätte er gehofft, sie würde zurückrudern?Aber Marina wollte nicht länger bequem sein.Sie griff nach dem Mantel. Igor flüsterte hinter ihr:

— Tu es nicht… Marina, geh jetzt nicht…Doch sie öffnete die Tür.Im Treppenhaus war es kälter als draußen, der Wind drückte durch die Spalte unter der Tür. Marina stieg hinab, spürte plötzlich, dass Igor ihr folgte.— Marina… — seine Stimme brach — ich will dich nicht verlieren.

Sie blieb stehen, drehte sich halb um.— Dann sag deiner Mutter „nein“. Sag ihr, dass meine Wohnung mein Zuhause ist. Dass sie ohne meine Erlaubnis hier nicht eintreten darf. Dass sie meine Sachen nicht mehr anrührt.Er schwieg. Die Schultern sanken. Alles war klar.

Marina nickte – nicht ihm, sondern sich selbst.— Deshalb gehe ich.Mit jedem Schritt die Treppe hinunter fiel das Schwere von ihren Schultern, wie nasser Märzschnee.Vor dem Haus hielt sie inne, atmete die feuchte Luft ein. Die Stadt pulsierte hektisch:

Autos spritzten durch Pfützen, Menschen eilten, Straßenkehrer schimpften über das Wetter. Alles gewöhnlich. Nur in ihr drehte sich etwas Unumkehrbares.Sie rief ein Taxi. Frunze. Die Wohnung empfing sie mit feuchter Luft, knarrendem Parkett, Stille. Doch diese Stille war ihre. Echt. Ehrlich.

Sie schaltete das Licht an und bemerkte fehlende Stühle, verschobene Bücher. Nicht die wertvollsten, aber die, die ihr Vater am Tisch liegen hatte, wenn draußen früh die Dunkelheit kam. Marina schloss die Augen, atmete tief ein.

„Alter Kram“, hätte ihre Schwiegermutter gesagt.Für sie jedoch – Wände, die sich an sie erinnerten. Und niemand würde hier wieder eindringen.Sie streifte durch die Räume, berührte die unversehrten Dinge. Öffnete das Fenster, ließ die kalte Luft herein. Lange blickte sie auf die Straße:

vereinzelt Menschen, graue Autos, schwarze Äste ohne Frühling.Und plötzlich spürte sie: Ein Sturm kommt. Noch unbenannt, noch fern, aber spürbar wie das Vibrieren eines Motors, bevor das Auto auf der Straße auftaucht.

Denn Igor würde nicht aufgeben. Natalia Sergejewna schon gar nicht. Sie waren es nicht gewohnt, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden.Marina trat an den Schreibtisch ihres Vaters, strich über die glatte Oberfläche. Das Arbeitszimmer war nun leer – und dadurch umso bedeutender.

— Papa, — flüsterte sie, — ich schaffe das.Mit diesen Worten zog sie die Vorhänge zu, schaltete das Licht aus und fühlte zum ersten Mal seit Wochen echte Ruhe.Doch am Morgen…
…riss ein Anruf sie aus der Stille und brachte alles erneut ins Wanken

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