„Dein Platz ist im Stall, du Lump!“ lachte die Schwiegermutter und goss der Schwiegertochter ein Getränk über. Doch das Lachen verstummte, als der Moderator den Besitzer des Clubs ankündigte.

Der Portier in der Ecke, gekleidet in eine bordeauxrote Livree, musterte Darja lange und prüfend. Sein Blick glitt langsam über sie hinweg, blieb dann für einen Moment an ihren Schuhen hängen.

Schlichte schwarze Pumps. Keine goldenen Schnallen, keine auffälligen roten Sohlen – jene, die die Frauen aus der Familie ihres Mannes so gern trugen, als wären sie ein Erkennungszeichen.

Darja strich den Kragen ihres dunkelblauen Kleides glatt und trat in die großzügige Eingangshalle des Landkomplexes „Isumrudny“. Die Luft war erfüllt vom Geruch von Möbelpolitur und frischen Lilien.

Große, weiße Blüten standen in hohen Vasen auf dem Boden, als wollten sie den Wohlstand des Ortes demonstrativ zur Schau stellen.

Roman ging einen halben Schritt vor ihr. Ein schwerer, holziger Duft hing um ihn herum, fast erdrückend. Wie immer hatte er sich vor einem Familientreffen viel zu großzügig parfümiert. Nervös zupfte er an seinem Jackett.

— Dascha, ich bitte dich… — er drehte sich abrupt um und trat ihr beinahe auf den Fuß. — Lächle heute wenigstens. Mein Vater wird fünfundsechzig, wichtige Leute kommen, Geschäftspartner.

Setz nicht wieder dieses saure Gesicht auf. Und um Himmels willen, fang nicht an, von deinen Lagern und Rechnungen zu erzählen.— Ich leite eine Beschaffungsabteilung, Roman. Das ist ein ganz normaler Beruf.

— Du wühlst in Gemüse, — winkte er ab. — Sag einfach, du kümmerst dich um den Haushalt. Das wird meine Mutter beruhigen.

Darja antwortete nicht. Es lohnte sich nicht mehr.

An den schweren Doppeltüren zum Festsaal wurden sie bereits von Isolda Eduardowna erwartet. Sie wirkte wie eine Statue: ein schimmernder smaragdgrüner Anzug, ein massives Collier um den Hals.

— Romotschka, mein Sohn! — rief sie und küsste ihn auf beide Wangen, wobei sie Spuren von pfirsichfarbenem Lippenstift hinterließ. Dann wandte sich ihr Blick Darja zu.

Das Lächeln verschwand sofort. — Ich sehe, du hast dir bei der Kleiderwahl keine Mühe gegeben. Warst du in diesem Kleid nicht schon zu Ostern hier?

— Guten Abend, Isolda Eduardowna. Es ist ein Klassiker.— Natürlich… — erwiderte sie kühl. — Praktisch, wenn man spart. Geht schon, setzt euch. Ich habe euch Plätze auf der linken Seite geben lassen. Dort zieht es ein wenig, aber das bist du ja gewohnt.

Die Plätze befanden sich tatsächlich nahe der Küchentür. Kellner eilten ständig vorbei, balancierten schwere Tabletts, und der Raum war erfüllt vom Duft von Gewürzen und Fischbrühe.

Roman setzte sich und versank sofort in seinem Handy.

Das Bankett wurde schnell laut. Gläser klirrten, Stimmen überlagerten sich, Gelächter erfüllte den Raum. Darja blickte auf ihren Teller. Der Stör war zu dick geschnitten, die Ränder begannen bereits auszutrocknen. Sie registrierte es automatisch.

Ihr Telefon vibrierte. Ein Lieferant hatte Verspätung. Schnell tippte sie eine Antwort und änderte die Route des Fahrers.— Spielst du schon wieder mit deinem Handy? — stieß Roman sie an. — Steh auf, meine Mutter hält eine Rede.

Darja erhob sich.Isolda Eduardowna stand am Kopf der Tafel, ein Kristallglas mit tiefrotem Wein in der Hand.

— Mein lieber Ehemann… — begann sie laut. — Wir haben gemeinsam so viel aufgebaut. Unsere Familie wusste immer, wie man die richtigen Menschen auswählt.

Dann wurde ihre Stimme schärfer.

— Auch wenn es manchmal… bedauerliche Fehler gibt. Manchmal gelangen Menschen in ein anständiges Haus, die dort nichts zu suchen haben…

Der Raum verstummte.— Wen meinen Sie damit? — fragte Darja ruhig.

— Dich, meine Liebe, — antwortete Isolda und trat näher. — Seit fünf Jahren trägt mein Sohn dich auf seinen Schultern. Und du bist immer noch ein Mädchen aus dem Lager.

Roman sagte nichts.— Weißt du, warum ich dich hier hingesetzt habe? — fuhr sie fort. — Weil das dein Platz ist. In der Nähe der Küche.Die Bewegung kam plötzlich. Der Wein ergoss sich über Darjas Kleid.

Die kalte Flüssigkeit durchtränkte sofort den Stoff und breitete sich aus.— Dein Platz ist im Stall, — zischte Isolda.Darja senkte den Blick. Der Stoff klebte an ihrer Haut, der Geruch von Alkohol war scharf.

Erinnerungen blitzten auf. Das kalte Zimmer. Nachtschichten. Lernen bis zum Morgengrauen. Der erste Vertrag. Der erste Erfolg.Roman reichte ihr eine zerknitterte Serviette.— Geh dich sauber machen…

Darja nahm sie nicht.In diesem Moment trat ein Mann auf die kleine Bühne und klopfte ans Mikrofon.— Meine Damen und Herren, ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit…

Isolda winkte genervt ab.— Wir haben keine Unterhaltung bestellt.— Ich weiß, — sagte der Mann ruhig. — Es handelt sich um eine wichtige Ankündigung. Der Komplex hat heute den Besitzer gewechselt. Die neue Eigentümerin befindet sich unter den Gästen.

Stille.— Darja Michailowna, bitte.Romans Gabel fiel klirrend zu Boden.Darja stand langsam auf. Sie machte keine Anstalten, den Fleck zu verbergen. Ruhig ging sie zur Bühne.

— Guten Abend, — sagte sie klar. — Ja… das bin ich.Alle Blicke richteten sich auf sie.— Die bisherigen Eigentümer haben erhebliche Schulden angehäuft. Der größte Gläubiger… war mein Unternehmen.

Roman sprang auf.— Dein Unternehmen?!— Das Unternehmen, dessen Geschäftsführerin ich bin, Roman. Du hast nie danach gefragt.Die Stille wurde schwer.

— Vor einem Monat haben wir ein Insolvenzverfahren eingeleitet. Heute habe ich diesen Komplex vollständig übernommen.Isolda wurde blass.— Dascha… mein Kind… das war doch nur ein Scherz…

— Familie demütigt einander nicht, — erwiderte Darja ruhig.Sie gab das Mikrofon zurück.Roman packte ihren Arm.— Lass uns nach Hause fahren. Wir reden darüber…

— Es gibt nichts zu besprechen, — sagte sie leise und zog den Arm zurück. — Mein Anwalt wird am Montag die Scheidung einreichen.— Scheidung? Wegen so etwas?!— Wegen fünf Jahren Gleichgültigkeit.

Sie nahm ihre Tasche.— Das Bankett habe ich bezahlt, — fügte sie hinzu und sah Isolda an. — Betrachten Sie es als Geschenk.Dann drehte sie sich um und ging.

Draußen war die Luft frisch vom Regen.Sie zog ihr Telefon hervor.— Pawel, ich bin es. Bereite für morgen die Personalprüfung vor. Wir beginnen mit dem Koch. Er gart den Fisch zu lange.

Sie ging zu ihrem Wagen.Zum ersten Mal seit langer Zeit wusste sie genau: Sie war endlich dort, wo sie hingehörte.

Visited 16 times, 1 visit(s) today
Scroll to Top