— Das ist ein Fabergé-Collier, und du bist nur die Tochter einer Melkerin! — demütigte mich meine Schwiegermutter am Tisch.

„Fabergé? Ach, bitte…“ – Darjas erster Kampf mit Isolda Karlovna.— Das ist eine Fabergé-Halskette! — donnerte meine zukünftige Schwiegermutter über den Esstisch. — Und du… du bist im Grunde nur die Tochter einer Melkerin!

Gelassen zog ich eine Lupe hervor, beugte mich näher an das „Meisterwerk“ und zeigte vorsichtig auf den winzigsten Stempel:— Preis: 3 Rubel 50 Kopeken.Die Luft erstarrte.— Die Tochter einer Melkerin wird niemals meine Schwiegertochter sein! — ihre Stimme schnappte, scharf wie eine Glocke im Morgengrauen.

Zinaida Jegorowna… die darauf bestand, dass man sie Isolda Karlovna nannte… schleuderte ihre Worte so laut, dass selbst die Hunde der Nachbarn sofort verstummten.Ich stand auf der Treppe mit einem unschuldigen Chrysanthemenstrauß, und nur ein Gedanke wiederholte sich in meinem Kopf:

Geht das hier wirklich um mich?Edik, mein Verlobter, stand verlegen neben mir, als könnte sein Körper mich vor dem Angriff seiner Mutter schützen.— Mama, bitte… leiser… die Nachbarn hören uns… Sie ist Darya, Kunsthistorikerin…

— Kunsthistorikerin?! — schnaufte Isolda Karlovna, während sie die riesige Brosche auf ihrer Brust zurechtrückte, die eindeutig aus Glas war. — Ich kenne eure Sorte! Provinzler, die auf eine Moskauer Adresse aus sind! In der Familie Sheremetjew herrscht Ordnung! Wir mischen unser Blut nicht mit dem Proletariat!

Ich atmete tief durch.Edik hatte mich gewarnt, dass seine Mutter „streng ist und Etikette liebt“.Er hatte vergessen zu erwähnen, dass sie in ihrer eigenen Wohnung eine Kaiserin wähnt und ihr Thron mitten im Wohnzimmer steht.

Ich betrachtete mich selbst:Italienische Schuhe,ein einfaches Leinenkleid,Restaurierungsabschluss,drei Jahre Museumspraxis.Tochter einer Melkerin, wirklich?Natürlich.— Guten Tag, Isolda Karlovna, — trat ich vor, schob Edik sanft zur Seite.

— Es ist mir eine Ehre, die Hüterin solcher Familientraditionen kennenzulernen. Edik hat mir so viel über Ihren Geschmack erzählt.Die Frau versteifte sich.Schmeichelei wirkte auf sie wie ein Zauber.

Sie hob ihr Lorgnon — an einer Goldkette! — und nickte würdevoll.— Kommen Sie herein. Aber ziehen Sie die Schuhe aus. Parkett. Venezianisch.Das „venezianische Parkett“ war in Wirklichkeit aufgequollenes Laminat.

Die Wohnung sah aus wie ein Museum, das von einem Wanderzirkus geplündert… und dann im Chaos wieder hergerichtet wurde.„Gobeline“ an den Wänden — Plastik-Teppiche.Möbel: goldgemusterte Sofas, Löwenfuß-Sessel, geschwungene Beistelltische.

Luxus… mit einem leichten Billig-China-Anstrich.— Ins Wohnzimmer! — befahl sie, während sie im Juni in einem Samtrock raschelte. — Edik, Tee! Champagner nur zu besonderen Anlässen. Heute ist nur… ein gewöhnlicher Dienstag.

Wir setzten uns an die glitzernde Lurex-Tischdecke.Isolda Karlovna nahm den Ehrenplatz ein, als trüge sie eine Krone.— Also, Darya aus Twer. Wovon lebt man in Moskau? Suchen Sie sich einen reichen Mann, um den Kühen zu entkommen?

Edik wurde so rot wie die bordeauxfarbenen Vorhänge.— Mama… Dasha arbeitet im Auktionshaus, sie bewertet…— Bewertet? Was? Alte Samoware?— Antiquitäten, — antwortete ich ruhig. — Gemälde, Schmuck, Möbel. Ich kann ein Original von einer Kopie unterscheiden.

Beim Wort Kopie fiel mein Blick unwillkürlich auf ihre Brosche.Sie bedeckte sie sofort mit der Hand.— Hm. Theorie. Geschmack ist angeboren.Das Mittagessen selbst war eine Art Überlebensshow.

„Julienne“ — Hühnchen in Mayonnaise ertränkt.„Krebssalat“ — bei dem das Krebsfleisch durch Kartoffelstäbchen gespielt wurde.Isolda Karlovna aß mit erhobenem kleinen Finger und beobachtete jede meiner Bewegungen.

— Mädchen! — schrie sie, als ich nach dem Brot griff. — Brot nimmt man mit der linken Hand! Nur links! Und ein kleines Stück, nicht ein halbes Brot! Edik, wo hast du sie gefunden? In der Traktorenkantine?

Ich legte das Brot ruhig zurück.— Isolda Karlovna, — meine Stimme war akademisch ruhig — der Brotteller steht links. Deshalb nehmen wir es mit der linken Hand. Sie haben jedoch das Brotkörbchen rechts neben dem Glas platziert… das ist ein Fehler beim Eindecken.

Stille.Nur eine Fliege summte am Kronleuchter.Isolda Karlovna öffnete den Mund… und schloss ihn wieder.Sie wurde knallrot.Sie wusste es nicht.Ihre Etikette kannte sie nur aus Fernsehserien.

— Du… willst mir etwa etwas beibringen?! In meinem eigenen Haus?! Ich habe adliges Blut! Wir haben das im Blut!Dann schrie sie plötzlich:— EDIK! HOL DIE SCHATULLE!Edik brachte eine alte Samtschachtel.

Isolda Karlovna hielt sie, als sei es der Schlüssel zum Königreich.— Bitte! Fabergé! Lagerfeld! Wer weiß noch was!Ich beugte mich mit meiner Lupe vor.Das „Fabergé“ war die falsch geschriebene Signatur eines chinesischen Meisters.

Die Perle war aus Plastik.Die Ringe… unbekanntes Metall.— Hm… eine interessante Sammlung, — sagte ich diplomatisch.— INTERESSANT?! Das sind Familienerbstücke! Meine Urgroßmutter trug sie auf kaiserlichen Bällen!Ich legte eine Brosche vorsichtig zurück.

— Sie sind sicherlich wertvoll… als Erinnerung. Aber fachlich betrachtet, sind moderne Einsätze sichtbar. Die Stempel sind falsch.Sie sah aus, als könnte sie gleichzeitig weinen und schreien.— Du sagst, das ist… falsch?!

— Nicht falsch… eher… „restaurierte Schönheit“, — lächelte ich. — Das Wesentliche bleibt, nur modernisiert.Ihre Stimme stieg wieder an:— Melkerinnen-Tochter!Da holte ich tief Luft.

— Isolda Karlovna. Das sind Ihre Familiengeschichten. Ich kann Ihnen helfen, sie richtig zu bewahren, damit Sie keine unangenehmen Überraschungen erleben… bei Besuchen oder Auktionen.

Stille.Dann eine leise, fast zerbrechliche Stimme:— Vielleicht… vielleicht verstehen Sie sich wirklich damit aus.Edik seufzte, als hätte ein Krieg geendet.Ich lächelte nur.Der erste Sieg gehörte mir.Und ich wusste:Das Schwerste stand erst noch bevor.

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