Als Oksana vor der Wohnungstür ihrer verstorbenen Mutter stehen blieb, spürte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Im Treppenhaus herrschte die übliche nachmittägliche Stille, doch hinter der Tür waren fremde Geräusche zu hören. Ein Fernseher lief leise im Hintergrund, jemand lachte heiser, und kurz darauf knallte laut ein Topf auf einen Herd.
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.
Die Wohnung stand seit über einem Jahr leer – seit dem Tod ihrer Mutter. Oksana kam nur selten hierher, denn jeder Besuch riss alte Wunden wieder auf. Drinnen war alles so geblieben, als wäre ihre Mutter nur kurz einkaufen gegangen. Die Bücher standen ordentlich im Regal, die bestickte Tischdecke lag noch immer auf dem Tisch, und früher hing stets ein leichter Lavendelduft in der Luft.
Doch an diesem Morgen hatte Oksana einen beunruhigenden Anruf von der Hausverwaltung erhalten. Eine kalte Frauenstimme hatte ihr erklärt, dass sich enorme Strom- und Wasserschulden angesammelt hätten. Wenn sie nicht bald bezahlt würden, würde der Fall vor Gericht gehen.
Oksana war sprachlos gewesen. Das Wasser war seit Monaten abgestellt, und in der Wohnung lief nur noch ein alter Kühlschrank.
Jetzt drückte sie mit zitternden Fingern auf die Klingel.
Das Lachen hinter der Tür verstummte sofort.
Schwere Schritte näherten sich. Dann klickte ein Schloss – ein fremdes Schloss, das sie noch nie gehört hatte.
Die Tür öffnete sich.
Vor ihr stand eine kräftige Frau um die fünfzig in einem verblichenen pfirsichfarbenen Morgenmantel. Über ihre Schultern war achtlos ein gestricktes Wolltuch gelegt.
Oksanas Herz setzte aus.
Es war das Tuch ihrer Mutter.
Das Geschenk, das sie ihr zum letzten Geburtstag gemacht hatte.
— Wen suchen Sie? — fragte die Frau gereizt und trank aus einer Porzellantasse mit einem kleinen blauen Vogel darauf.
Der Lieblingstasse ihrer Mutter.
Oksana bekam kaum Luft. Statt des vertrauten Geruchs nach Lavendel und alten Büchern roch die Wohnung nach Fett, Zigarettenrauch und abgestandener Luft.

— Das… das ist meine Wohnung, — brachte sie schließlich hervor. — Wer sind Sie?
Die Frau musterte sie verächtlich und rief dann laut in den Flur hinein:
— Ilja! Komm mal her! Irgendeine Frau behauptet, das hier wäre ihre Wohnung!
Ein paar Sekunden später erschien ein großer, schwerer Mann in ausgeleierter Jogginghose und altem Unterhemd.
Währenddessen sah sich Oksana um. Die Tapeten, die sie zusammen mit ihrer Mutter ausgesucht hatte, waren an mehreren Stellen heruntergerissen. Die elegante Holzkommode, auf der früher die Porzellanfiguren ihrer Mutter standen, war verschwunden. Stattdessen stapelten sich schmutzige Kartons in der Ecke.
— Gnädige Frau, Sie haben sich wohl geirrt, — sagte der Mann mit tiefer Stimme. — Wir wohnen jetzt hier. Roman hat uns die Schlüssel gegeben.
Oksana spürte, wie ihr Herz stehen blieb.
Roman.
Ihr Ehemann.
Der Mann, der sie jeden Abend getröstet hatte, wenn sie wegen ihrer Mutter weinte. Der Mann, dem sie sieben Jahre lang vertraut hatte.
— Welcher Roman? — flüsterte sie.
— Ihr Mann natürlich, — antwortete die Frau mit einem selbstzufriedenen Lächeln. — Ich bin Tante Darja, und das ist mein Mann Ilja. Roman meinte, die Wohnung stehe sowieso leer. Also durften wir einziehen. Ich dachte, Sie wüssten Bescheid.
Diese Worte trafen Oksana härter als eine Ohrfeige.
Ohne ein weiteres Wort schob sie die Frau zur Seite und trat ein.
Sie zog nicht einmal ihre Schuhe aus.
Direkt ging sie in die Küche.
Und dort brach beinahe etwas in ihr zusammen.
Die einst helle, makellose Küche war zu einem schmutzigen Chaos geworden. Fettige Teller stapelten sich auf dem Tisch. Kartoffelschalen schwammen im trüben Wasser des Waschbeckens.
Und die Ecke…
Die Ecke war leer.
Dort hatte früher der alte Mahagoni-Schrank gestanden, ein Familienerbstück, das über Generationen weitergegeben worden war. Darin lagen Fotoalben, alte Briefe, handgeschriebene Rezepte ihrer Mutter und das einzige Hochzeitsfoto ihrer Eltern.
Jetzt stand dort nur noch ein billiges Plastikregal voller Konservengläser und Instantnudeln.
— Wo ist der Schrank? — fragte Oksana mit zitternder Stimme.
Darja winkte gleichgültig ab.
— Ach, dieses alte Ding? Das haben wir entsorgt. Irgendwelche Jungs haben es als Brennholz mitgenommen. Die staubigen Fotoalben kamen auch in den Müll. Wir brauchten Platz für unsere Sachen.
Oksana wurde schwindelig.
Die Fotos ihrer Kindheit.
Die Briefe ihrer Mutter.
Die Erinnerungen an ihr ganzes Leben.
Alles war verschwunden.
Langsam zog sie ihr Handy hervor und rief Roman an.
— Hey, Schatz! — meldete er sich fröhlich. — Ich hole gerade Mittagessen. Soll ich dir deinen Lieblingssalat mitbringen?
— Ich bin in der Wohnung meiner Mutter, Roman, — sagte Oksana mit eiskalter Stimme. — Fremde Menschen wohnen hier. Sie sagen, du hättest sie hereingelassen.
Am anderen Ende entstand eine lange Stille.
Dann änderte sich sein Ton sofort.
— Oksana… hör zu, wir können heute Abend in Ruhe darüber reden…
— Du hast die Schlösser ausgetauscht. Sie haben die Fotoalben meiner Mutter weggeworfen.
Roman seufzte genervt.
— Komm schon, Oksana. Das war doch alles nur alter Kram. Ich wollte dir helfen, endlich loszulassen.
In diesem Moment erlosch etwas in ihr.
Der Schmerz verschwand und machte einer kalten Entschlossenheit Platz.
— Sie haben dreißig Minuten, — sagte sie zu Darja und Ilja. — Packen Sie Ihre Sachen und verlassen Sie meine Wohnung.
Ilja lachte laut auf.
— Roman ist das Oberhaupt der Familie! Wir haben unser Haus verkauft und ihm unser Geld gegeben, damit er die Papiere regelt! Er hat uns die Hälfte dieser Wohnung versprochen!
Oksana starrte sie an.
— Welche Papiere?
Darja verschränkte stolz die Arme.
— Roman meinte, du wolltest die Wohnung sowieso verkaufen. Er wollte dich später überzeugen.
Oksana sagte nichts mehr.
Sie rief die Polizei.
Zwanzig Minuten später trafen die Beamten ein – genau in dem Moment, als Roman mit seiner Mutter die Treppe heraufgerannt kam.
— Bist du verrückt geworden?! — zischte er. — Warum hast du die Polizei gerufen?!
Die Beamten prüften sorgfältig Oksanas Erbschaftsdokumente.
Dann wandte sich einer von ihnen an Roman.
— Diese Wohnung gehört ausschließlich Ihrer Ehefrau. Diese Leute müssen die Wohnung sofort verlassen.
Darjas Gesicht wurde kreidebleich.
— Wie bitte? Ihr gehört die Wohnung allein?! Roman, wo ist unser Geld?!
Roman wich zurück und konnte niemandem mehr in die Augen sehen.
Kurz darauf kam die Wahrheit ans Licht.
Er hatte das Geld seiner Verwandten in ein betrügerisches Investment gesteckt, weil er schnell reich werden wollte. Gleichzeitig hatte er sie heimlich in Oksanas Wohnung einziehen lassen, in der Hoffnung, dass sie monatelang nicht auftauchen würde.
Sofort brach Chaos aus.
Darja weinte hysterisch und stopfte ihre Sachen in riesige Taschen. Ilja brüllte Roman wütend an. Seine Mutter flehte Oksana um Mitleid an.
Doch Oksana stand nur schweigend da und beobachtete, wie die Fremden endlich die Wohnung ihrer Mutter verließen.
Am selben Abend kehrte sie in die gemeinsame Wohnung mit Roman zurück.
Er saß zusammengesunken auf dem Sofa.
— Bitte… zerstör unsere Familie nicht…
Oksana warf ihm eine große Reisetasche vor die Füße.
— Pack deine Sachen.
— Die Wohnung gehört auch mir!
— Morgen reiche ich die Scheidung ein, — sagte sie ruhig. — Und wenn du jetzt nicht gehst, gebe ich Darja und Ilja diese Adresse.
Roman wurde sofort blass.
Zehn Minuten später war er verschwunden.
Drei Jahre vergingen.
Eines Abends verließ Oksana ein elegantes Restaurant im Stadtzentrum und bemerkte eine vertraute Gestalt an einer Straßenecke.
Es war Roman.
Er trug eine alte, viel zu große Jacke und verteilte Werbeflyer für ein Pfandhaus. Er sah erschöpft, gealtert und gebrochen aus.
Ein Windstoß riss ihm die Flyer aus den Händen.
Als er sich danach bückte, hob er den Blick.
Ihre Augen trafen sich.
Roman erstarrte, als wolle er etwas sagen. Sich entschuldigen. Um Hilfe bitten.
Doch Oksana empfand nichts mehr.
Keine Wut.
Keinen Triumph.
Kein Mitleid.
Nur völlige Gleichgültigkeit gegenüber einem Mann, der längst zu einem Fremden geworden war.
Sie richtete ihren Schal, drehte sich um und ging mit ruhigen Schritten zu ihrem Auto, während der Wind Romans Flyer über den kalten Asphalt verteilte.


