„Ich gehe zu einer jüngeren Frau“, verkündete der 65-jährige Großvater, während er seinen Koffer packte. Eine Stunde später kam er völlig aufgelöst und unter Tränen zurück.

„Ich verlasse dich für eine junge Frau!“, verkündete der fünfundsechzigjährige Vitali Petrowitsch, während er verzweifelt versuchte, eine karierte Wolldecke in seinen Koffer zu stopfen, die sich offenbar mit aller Kraft gegen den Umzug in ein neues Leben wehrte.

Eine Ecke der Decke ragte hartnäckig heraus. Der Reißverschluss ächzte bei jedem Zentimeter.

Doch Vitali gab nicht auf.

Er hatte diesen Satz nicht einfach gesagt.

Nein.

Er hatte ihn verkündet, als würde er seinen Aufbruch zum Mars ankündigen, die Entdeckung eines neuen Kontinents oder den Beginn einer neuen Epoche der Menschheit.

Laut.

Feierlich.

Mit einem gehörigen Schuss Dramatik.

Er erwartete eine Reaktion wie bei einer explodierenden Bombe.

Doch die Bombe explodierte nicht.

Sie zischte nicht einmal.

Seine Frau, Galina Sergejewna, stand am Bügelbrett und glitt völlig gelassen mit dem heißen Bügeleisen über sein bestes Hemd.

Dampf stieg zischend auf und verschwand in kleinen weißen Wolken.

Galina sah nicht einmal zu ihm.

„Ich höre dich, Vitali“, sagte sie ruhig. „Hast du deine warmen Unterhosen eingepackt? Wir haben November. Deine junge Frau wird dir bestimmt nicht die Nieren pflegen, wenn du dich erkältest.“

Vitali erstarrte.

Die Wollsocke in seiner Hand blieb mitten in der Luft hängen.

Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet.

Er hatte sich auf alles vorbereitet.

Auf zerbrochenes Geschirr.

Auf Tränen.

Auf einen Nervenzusammenbruch.

Auf einen Herzinfarkt.

Auf flehentliche Bitten, zu bleiben.

Vielleicht sogar auf einen Anruf bei den Kindern.

Aber nicht auf eine Frage nach seiner Unterwäsche.

„Was haben meine Unterhosen damit zu tun, Galja?!“, rief er, während sein Gesicht rot anlief. „Ich rede von Liebe! Von einem neuen Leben! Von Erneuerung! Von… einer Renaissance!“

Endlich gelang es ihm, die Decke in den Koffer zu quetschen.

Er stemmte sich mit seinem ganzen Körper gegen den Deckel, packte den Reißverschluss mit beiden Händen und zog mit aller Kraft daran.

Der Koffer gab ein erbärmliches Knarren von sich.

Für einen Moment dachte Vitali, das Geräusch käme direkt aus seinen eigenen Gelenken.

Doch schließlich schloss sich der Reißverschluss.

„Ich rede mit dir von Freiheit, und du denkst nur an meine Unterhosen!“, keuchte er. „Genau das ist dein Problem! Du bist viel zu bodenständig. Zu gewöhnlich. Zu langweilig! Ich will fliegen! Ich will die Energie des Lebens spüren!“

Galina hängte sein frisch gebügeltes Hemd sorgfältig auf einen Kleiderbügel.

„Hat diese Energie wenigstens einen Namen?“

„Natürlich!“

„Und?“

„Eleonora!“

Vitali richtete sich stolz auf.

„Sie heißt Eleonora.“

„Schöner Name.“

Galina sah ihren Mann aufmerksam an.

„Und wie alt ist deine Muse?“

„Achtundzwanzig!“

Die Antwort platzte so schnell aus ihm heraus, dass er selbst kurz zusammenzuckte.

Galina legte das Bügeleisen zur Seite.

Dann betrachtete sie ihren Mann lange.

Sehr lange.

Es war der Blick, mit dem man ein altes Möbelstück ansieht, das man seit Jahrzehnten liebt und bei dem plötzlich eine Tür aus dem Scharnier fällt.

„Vitali…“

Ihre Stimme war sanft, aber darunter lag etwas Unnachgiebiges.

„Du bist fünfundsechzig. Du bekommst Ischias, wenn du zu lange auf der Toilette sitzt, deine Leber zwingt dich zu einer speziellen Diät, und manchmal muss ich dich sogar daran erinnern, deine Blutdrucktabletten zu nehmen.“

Sie seufzte.

„Was willst du mit einer Achtundzwanzigjährigen anfangen? Ihr Gedichte vorlesen?“

„Das geht dich nichts an!“, fauchte Vitali und griff nach dem Koffergriff.

„Wir werden reisen! Unter dem Mond spazieren gehen! Das Leben genießen! Ich bin noch lange nicht erledigt!“

Er riss den Koffer hoch.

Er war schwerer, als er erwartet hatte.

Ein scharfer Schmerz schoss ihm durch den unteren Rücken.

Vitali biss die Zähne zusammen.

Er durfte keine Schwäche zeigen.

Nicht vor seiner zukünftigen Exfrau.

„Vergiss deine Blutdrucktabletten nicht, Casanova“, rief Galina und wandte sich wieder ihrem Bügelbrett zu. „Sie liegen in der obersten Schublade. Und die Salbe für deine Gelenke nimmst du auch mit.“

„Ich brauche keine Medikamente!“

Eine glatte Lüge.

Sein Herz schlug ihm bereits bis zum Hals.

„Neben ihr fühle ich mich wie dreißig! Das war’s, Galja. Leb wohl. Die Wohnung überlasse ich dir. Ich bin schließlich ein großzügiger Mann.“

„Danke, mein Ernährer“, nickte Galina. „Leg die Schlüssel auf die Kommode. Und wenn du schon gehst, nimm bitte noch den Müll mit runter.“

Das war der Moment, in dem Vitali endgültig getroffen war.

Keine Tränen.

Keine Verzweiflung.

Kein „Bitte verlass mich nicht“.

Nur:

„Nimm den Müll mit.“

Vitali schnappte sich den Müllbeutel neben der Tür, hob stolz das Kinn und verließ die Wohnung.

Die Tür hinter ihm fiel nicht einmal laut ins Schloss.

Sie klickte nur leise.

Vitali Petrowitsch stand allein im Treppenhaus.

Es roch nach Katzenstreu, stiller Verzweiflung und den gebratenen Kartoffeln aus der Wohnung eines Nachbarn.

Der Koffer zog schwer an seinem Arm.

Sein Rücken pochte.

Der Müllbeutel schwang unangenehm in seiner Hand.

Da vibrierte sein Handy in der Hosentasche.

Vitalis Herz machte einen kleinen Sprung.

Eleonora.

Sie wartete bestimmt auf ihn.

Vielleicht hatte sie geschrieben, dass sie ihn vermisste.

Er zog das Handy heraus.

Tatsächlich war es eine Nachricht von Eleonora.

„Liebling, wo bleibst du? Ich habe schon einen Tisch für uns reserviert. Übrigens gibt es ein kleines Problem…“

Vitalis Augen leuchteten auf.

Dann las er weiter.

„Ich muss dringend 5.000 Rubel an meine Mutter überweisen. Sie braucht Medikamente, aber mein Kartenlimit ist erreicht. Kannst du sie mir schicken? Ich gebe sie dir zurück, wenn wir uns sehen!“

Vitalis runzelte die Stirn.

Fünftausend.

Komisch.

Gestern hatte sie dreitausend für ein Taxi gebraucht.

Vorgestern zweitausend für Internet.

Und eine Woche zuvor zehntausend für einen „Inspirationskurs“.

Der Aufzug kam.

Vitali schleppte den Koffer hinein und drückte auf den Knopf für das Erdgeschoss.

Im Spiegel der Kabine sah er einen fünfundsechzigjährigen Mann mit rotem Gesicht, schiefer Mütze und einem plötzlich ziemlich unsicheren Blick.

„Ich verlasse meine Frau für eine junge Frau“, sagte er in Gedanken.

Doch der Satz klang nicht mehr besonders heldenhaft.

Draußen war das Wetter miserabel.

Feiner Nieselregen fiel aus dem grauen Novemberhimmel, während der Wind die letzten gelben Blätter von den Bäumen riss.

Vitali schleppte seinen Koffer zur Bushaltestelle.

Eleonora wohnte am anderen Ende der Stadt, in einem nagelneuen Wohnkomplex.

Schließlich setzte er sich auf eine feuchte Bank unter dem Haltestellendach.

Seine Finger waren vor Kälte steif, als er das Handy hervorholte.

Er öffnete seine Banking-App.

Kontostand:

4.800 Rubel.

Seine Rente kam erst in einer Woche.

„Verdammt“, murmelte er.

Er starrte mehrere Sekunden auf die Zahl.

Dann schrieb er:

„Schatz, ich habe gerade nicht viel auf der Karte. Ich komme zu dir und bringe Bargeld mit. Ich habe noch etwas zurückgelegt.“

Die Antwort kam fast sofort.

Ein Augenroll-Emoji.

Dann:

„Vitali, warum stellst du dich so an wie ein kleines Kind? Leih dir das Geld von jemandem! Mama ist krank! Wenn du mich wirklich liebst, wirst du eine Lösung finden!“

Vitalis Blick blieb auf dem Bildschirm hängen.

„Vitali.“

Nicht „mein Liebling“.

Nicht „Schatz“.

Nicht einmal „mein Vitali“.

Nur „Vitali“.

So, wie man vielleicht die Katze des Nachbarn rufen würde.

Etwas Unangenehmes regte sich in seiner Brust.

Es war keine Liebe.

Es war Misstrauen.

Zum ersten Mal fiel ihm etwas auf, das ihn eigentlich schon viel früher hätte beunruhigen müssen.

Er hatte noch nie mit Eleonora per Video gesprochen.

Nicht ein einziges Mal.

Immer gab es eine Ausrede.

„Meine Kamera ist kaputt.“

„Das Internet funktioniert schlecht.“

„Ich kann gerade kein Video machen.“

Dafür waren ihre Profilbilder atemberaubend.

Perfektes Make-up.

Elegante Kleidung.

Teure Restaurants.

Ein Lächeln wie aus einer Hochglanzwerbung.

Plötzlich fragte sich Vitali, ob die Frau auf diesen Bildern überhaupt die Frau war, für die er sie hielt.

Er rief sie an.

Das Telefon klingelte lange.

Dann wurde der Anruf abgelehnt.

Wenige Sekunden später erschien eine neue Nachricht:

„Ich kann nicht reden. Ich weine.“

Vitali saß regungslos auf der Bank.

Eine Hand umklammerte den Griff seines Koffers.

Autos rauschten an ihm vorbei.

Die Reifen spritzten schmutziges Wasser auf den Gehweg.

Die Kälte kroch langsam durch seine Jacke.

Sein Rücken schmerzte immer stärker.

„Eleonora…“, flüsterte er.

Der Name klang plötzlich seltsam.

Künstlich.

Fast wie Plastik.

Dann vibrierte das Handy erneut.

„Also? Hast du überwiesen? Wenn nicht, brauchst du gar nicht erst zu kommen. Ich brauche keinen Mann, der ein so einfaches Problem nicht lösen kann.“

Vitali starrte auf den Bildschirm.

Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen.

Und plötzlich dachte er an Galina.

Daran, wie sie ihm am Abend zuvor wortlos den Rücken mit Salbe eingerieben hatte, als seine Schmerzen wieder schlimmer geworden waren.

Daran, wie sie ihm jeden Tag gedämpfte Fleischklößchen machte, die er eigentlich hasste, aber trotzdem aß, weil seine Leber, wie Galina immer sagte, „nicht einfach ausgetauscht werden kann“.

Er dachte daran, dass Galina immer wusste, wo seine Socken lagen.

Sie kannte seine Medikamente.

Sie wusste, wann sein Rücken schmerzte, noch bevor er selbst es zugab.

Dann las er Eleonoras Nachricht noch einmal.

„Ich brauche keinen Mann…“

Vitali stellte sich vor, wie er in Eleonoras Wohnung saß.

Ein fremdes Sofa.

Ein fremder Geruch.

Fremde Regeln.

Und er, der ständig beweisen musste, dass er noch jung war.

Noch attraktiv.

Noch stark.

Noch ein „richtiger Mann“.

Und vor allem musste er bezahlen.

Das Abendessen.

Die Taxis.

Die Medikamente.

Die Kurse.

Er musste dafür bezahlen, dass jemand neben ihm blieb.

Dann kam ihm ein anderer Gedanke.

Was wäre, wenn sein Rücken dort plötzlich versagte?

Wenn er in Eleonoras Wohnung zusammenbrach?

Würde sie ihm die schrecklich riechende Salbe auf den Rücken reiben?

Oder würde sie das Gesicht verziehen, „Igitt“ sagen und in ein anderes Zimmer gehen?

Vitali stand langsam auf.

Seine Knie knackten wie trockene Äste.

Genau in diesem Moment fuhr der Bus ein.

Der Bus, der in Richtung Eleonoras Wohnviertel fuhr.

Vitali sah ihn an.

Dann die Türen.

Dann seinen Koffer.

Er bewegte sich nicht.

Die Türen schlossen sich.

Der Bus fuhr davon.

Eine Wolke aus Abgasen hüllte ihn ein.

Vitali blieb noch einige Sekunden stehen und starrte auf die leere Straße.

Dann drehte er sich um.

Und ging nach Hause.

Der Rückweg kam ihm endlos vor.

Als er endlich sein Wohnhaus erreichte, war der Aufzug natürlich kaputt.

Natürlich.

Er musste den Koffer bis in den dritten Stock schleppen.

Auf jedem Absatz blieb er stehen, um Luft zu holen.

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Sein Herz raste jetzt nicht mehr wegen der Liebe, sondern vor Erschöpfung und Angst.

Als er endlich vor seiner Wohnungstür stand, stellte er den Koffer ab.

Er klingelte.

Nichts.

Er klingelte erneut.

Stille.

Eine eisige Panik zog sich durch seinen Magen.

Was, wenn Galina gegangen war?

Was, wenn sie wirklich wütend war?

Was, wenn sie das Schloss ausgetauscht hatte?

Schließlich hatte er die Schlüssel auf der Kommode liegen lassen.

Er klingelte noch einmal.

Diesmal lange.

„Galja!“, rief er heiser. „Galja, mach auf!“

Ein Klicken war zu hören.

Die Tür öffnete sich.

Galina Sergejewna stand auf der Schwelle.

Sie trug noch immer denselben Hausanzug wie am Morgen.

Sie sah genauso ruhig aus wie immer.

Vitali stand vor ihr, völlig durchnässt, mit schmutzigen Schuhen und seiner Mütze in den Händen.

Tränen liefen über seine Wangen.

Echte Tränen.

Nicht wegen Eleonora.

Wegen sich selbst.

Wegen seiner Dummheit.

Wegen seines Stolzes.

Und weil er beinahe die Frau verloren hätte, die jahrzehntelang an seiner Seite gestanden hatte.

„Ich…“

Seine Stimme brach.

„Ich, Galja… der Bus… der Regen… und ich habe gedacht…“

Er konnte den Satz nicht beenden.

Er konnte nicht zugeben, dass Eleonora vermutlich nie ihn gewollt hatte.

Nur sein Geld.

Das wäre zu demütigend gewesen.

Galina sah ihn an.

Dann sah sie den Koffer an.

Und seufzte.

„Hast du wenigstens den Müll weggebracht?“

Vitali blickte auf seine leere Hand.

Der Müllbeutel war verschwunden.

Er hatte ihn an der Bushaltestelle vergessen.

„Ich habe ihn vergessen…“

Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Galina schüttelte den Kopf und trat zur Seite.

„Komm rein, Romeo. Der Tee wird kalt. Und wasch dir die Hände. Du bist voller Dreck.“

Vitali trat ein.

Er zog den verfluchten Koffer in den Flur.

Und dann roch er es.

Sein Zuhause.

Frisch gewaschene Wäsche.

Tee.

Ein Hauch von Medikamenten.

Etwas ganz Alltägliches.

Etwas Vertrautes.

Und trotzdem war es der beste Geruch der Welt.

Er zog seine Schuhe aus und ging ins Badezimmer.

Er wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser.

Im Spiegel blickte ihm ein müder, gealterter Mann entgegen.

Kein Romeo.

Kein Abenteurer.

Kein Mann, der gerade ein aufregendes neues Leben begann.

Nur Vitali.

Fünfundsechzig Jahre alt.

Und nur wenige Schritte davon entfernt, die Frau zu verlieren, die fast ihr ganzes Leben mit ihm geteilt hatte.

Als er in die Küche zurückkam, schenkte Galina bereits Tee in seine große Lieblingstasse.

Auf dem Tisch stand ein Teller mit gedämpften Fleischklößchen.

„Galja…“

„Iss.“

„Aber wirklich…“

„Sie werden kalt.“

„Verzeih mir.“

Galina antwortete nicht.

Sie legte nur den Löffel vor ihn.

Vitali setzte sich.

Er nahm einen Bissen.

Das Fleisch war fade.

Fast völlig ungesalzen.

Und trotzdem schmeckte es für ihn besser als jedes Gericht im teuersten Restaurant.

„Welche Eleonora? Welche Muse?“, murmelte er. „Ohne dich weiß ich nicht einmal, wo meine Versicherungspapiere liegen.“

„In der Dokumentenmappe. Oberste Schublade“, antwortete Galina automatisch.

Dann sah sie ihn an.

„Vitali, bitte. Fang nicht wieder mit diesem Theater an. Du bist zurück. Das ist alles.“

Vitali senkte den Blick.

„Aber sie… Eleonora…“

Er zögerte.

Dann beschloss er, wenigstens ein bisschen von seiner Würde zu retten.

„Sie war nicht so, wie ich dachte. Sie raucht, stell dir vor! Und sie flucht.“

Galina sah ihn über ihre Brille hinweg an.

Ein winziger Funke Belustigung tanzte in ihren Augen.

„Wie schrecklich.“

Sie sagte es mit völlig ernstem Gesicht.

„Und du konntest das als kultivierter Gentleman natürlich nicht ertragen.“

„Genau!“

Vitali fasste sofort wieder Mut.

„Ich sagte zu ihr: ‚Meine Dame, Ihre Ausdrucksweise wird Ihrem Äußeren nicht gerecht.‘“

Galina senkte den Blick, um ihr Lächeln zu verbergen.

„Und dann habe ich gemerkt, dass sie innerlich leer ist“, fuhr Vitali fort. „Eine völlige emotionale Leere.“

„Aha.“

Galina nickte.

„Gut, dass du das an der Bushaltestelle erkannt hast und nicht vor dem Standesbeamten.“

Vitali musste leise lachen.

Galina stand auf, ging zum Schrank, holte eine Tube Salbe heraus und stellte sie auf den Tisch.

„Ich nehme an, dein Rücken hat wieder angefangen zu schmerzen, während du diesen Koffer herumgeschleppt hast?“

Vitali wurde bis zu den Ohren rot.

„Ein bisschen.“

„Zieh dein Hemd aus. Ich reibe ihn ein.“

Er zog das Hemd aus und verzog dabei das Gesicht.

Galina nahm etwas Salbe auf ihre Handfläche und begann, seinen Rücken mit kräftigen, geübten Bewegungen einzureiben.

Es brannte.

Aber dieses Brennen war beruhigend.

Vertraut.

Geborgen.

Wie alles, was zu Hause gehörte.

„Galja…“

„Ja?“

„Wusstest du, dass ich zurückkommen würde?“

„Natürlich.“

„Woher?“

Galina gab ihm einen letzten Klaps auf die Schulter.

„Weil kein einziger Slip, keine Socke und kein Medikament in deinem Koffer war.“

Vitali drehte langsam den Kopf.

„Was?“

„Du hast nur die Decke eingepackt.“

Sie machte eine kurze Pause.

„Und meinen alten Pelzmantel. Den, von dem ich dich seit Monaten bitte, ihn in die Reinigung zu bringen.“

Vitali erstarrte.

„Deinen… Pelzmantel?“

„Meinen Pelzmantel.“

In der Küche wurde es still.

Vitali versuchte langsam, die Situation zu begreifen.

Er war aufgebrochen.

Zu einer achtundzwanzigjährigen Frau.

Romantik.

Mondschein.

Abenteuer.

Freiheit.

Und was hatte er eingepackt?

Eine Decke.

Und den alten Pelzmantel seiner Frau.

Plötzlich brach er in Lachen aus.

Zuerst leise.

Dann immer lauter.

Das Lachen ging in Husten über, was ihn nur noch mehr zum Lachen brachte.

Schließlich musste auch Galina lächeln.

„Du bist wirklich ein alter Narr“, sagte sie liebevoll.

Vitali wischte sich die Augen.

„Vielleicht.“

„Iss.“

„Ja, Chefin.“

„Morgen fahren wir zum Wochenendhaus. Wir müssen ein paar Einmachgläser in den Keller bringen.“

„Wir fahren.“

„Und der Zaun muss repariert werden.“

„Mach ich.“

„Und das Brennholz muss gestapelt werden.“

Vitali dachte kurz nach.

„Galja…“

„Was?“

„Könnten wir stattdessen grillen?“

Galina hob überrascht eine Augenbraue.

„Grillen?“

„Ja.“

„Und deine Leber?“

Vitali winkte ab.

„Zum Teufel mit der Leber. Man lebt nur einmal.“

Galina sah ihn verblüfft an.

Es war vermutlich das erste Mal seit zehn Jahren, dass Vitali freiwillig vorgeschlagen hatte, den Grill anzufassen.

Er nahm ihre Hand.

Die Hand war rau.

Gezeichnet von Jahrzehnten voller Arbeit.

Kochen.

Waschen.

Putzen.

Sich um andere kümmern.

Sie war nicht glamourös.

Nicht jung.

Nicht makellos.

Aber es war die Hand, die immer da gewesen war, wenn er sie gebraucht hatte.

Vitali hob sie an und küsste sie unbeholfen, aber aufrichtig.

„Danke, dass du die Tür aufgemacht hast, Galja.“

Galina zog ihre Hand langsam zurück.

Nicht grob.

Eher ein wenig verlegen.

„Iss, Don Juan. Sonst wird es kalt.“

Draußen wurde der Novemberregen immer stärker.

Der Wind rüttelte an den Bäumen, und die Äste klopften gegen die Fensterscheibe.

Drinnen war es dagegen warm.

Das gelbliche Licht der Küchenlampe tauchte den Tisch in einen sanften Schein.

Sein frisch gebügeltes Hemd hing über einem Stuhl.

Die Luft roch nach Tee, Heilsalbe und gedämpften Fleischklößchen.

Und dieser Geruch war besser als jedes teure Parfüm.

Vitali sah seine Frau an.

Achtundzwanzig Jahre…

Ja, eine Frau mit achtundzwanzig konnte wunderschön sein.

Jung.

Frisch.

Aufregend.

Aber wer sonst wusste, dass er ohne Brille seine eigenen Hausschuhe verwechseln konnte?

Wer sonst wusste, welche Tablette er nehmen musste?

Wer sonst erkannte den Schmerz in seinem Gesicht, noch bevor er selbst ihn zugab?

Und wer sonst würde die Tür öffnen, wenn sein großartiges neues Leben schließlich an einer regennassen Bushaltestelle zusammenbrach?

„Galja…“

„Was ist denn jetzt noch?“

„Ich bringe deinen Pelzmantel morgen wirklich zur Reinigung.“

„Gut.“

„Und ich räume den Koffer aus.“

„Sehr gut.“

„Und die Decke nehme ich auch heraus.“

„Unbedingt. Meine Füße sind ständig kalt.“

Vitali lächelte.

„Ich nehme sie heraus.“

Da vibrierte sein Handy erneut.

Er holte es aus der Tasche.

Eleonora.

„Wo bist du??? Mama stirbt!! Schick wenigstens tausend!“

Vitali betrachtete die Nachricht einige Sekunden lang.

Dann drückte er ruhig auf „Blockieren“.

Anschließend löschte er den Chat.

Er legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch.

Zum ersten Mal an diesem Tag empfand er nichts als Erleichterung.

„Galja.“

„Ja?“

„Weißt du was?“

„Was?“

„Morgen mariniere ich das Fleisch.“

Galina sah ihn überrascht an.

„Du?“

„Ich.“

„Du hast seit zehn Jahren keinen Grill mehr angefasst.“

„Dann wird es Zeit, wieder damit anzufangen.“

Galina lächelte.

„Na gut. Aber verbrenn es nicht.“

„Werde ich nicht.“

„Und mach nicht zu viel Salz dran.“

„Mach ich nicht.“

„Und sag vor allem nicht: ‚Das habe ich schon immer so gemacht.‘“

Vitali lachte.

„Versprochen.“

Dann wurde er still.

„Galja?“

„Ja?“

„Ich liebe dich.“

Galina antwortete nicht sofort.

Sie sah ihn einfach nur an.

Dann lächelte sie.

„Iss.“

Vitali lächelte ebenfalls.

Und aß weiter von seinem inzwischen lauwarmen, ungesalzenen Fleischklößchen.

Draußen tobte der November.

Der Wind fuhr durch die Bäume.

Der Regen trommelte gegen die Fensterscheiben.

Drinnen saßen zwei Menschen jenseits der sechzig an einem alten Küchentisch.

Sie waren nicht mehr jung.

Sie waren nicht perfekt.

Sie hatten Rückenschmerzen, Medikamente, Diäten, Enttäuschungen, Streit und jahrelang unausgesprochene Dinge.

Aber sie hatten etwas, das keine achtundzwanzigjährige Eleonora ihm jemals hätte geben können.

Ein gemeinsames Leben.

Jahrzehnte voller Erinnerungen.

Und diese stille Gewissheit, dass der andere die Tür noch immer öffnen würde, wenn einer von ihnen sich verirrt hatte.

An diesem Abend verstand Vitali Petrowitsch endlich etwas.

Man kann seine Jugend nicht zurückkaufen.

Aber man kann die Liebe wegwerfen, wenn man dumm genug ist, ihr hinterherzulaufen.

Und wenn ihn am nächsten Morgen jemand gefragt hätte, warum er nicht zu der achtundzwanzigjährigen Eleonora gegangen war, hätte er wahrscheinlich nur mit den Schultern gezuckt und gesagt:

„Weil ich verstanden habe, dass ich längst das habe, wonach ich gesucht habe.“

Und nach einer kurzen Pause hätte er wahrscheinlich noch hinzugefügt:

„Und weil meine Frau weiß, wo meine Blutdrucktabletten liegen.“

Galina hätte den Kopf geschüttelt.

„Alter Narr.“

Und sie hätte dabei gelächelt.

Denn das Leben ging weiter.

Und Vitali hatte endlich verstanden, dass dieses Leben – mit seinem schmerzenden Rücken, den gedämpften Fleischklößchen, den regnerischen Novembertagen, alten Decken, Medikamenten und einer manchmal etwas mürrischen Ehefrau – eigentlich gar nicht so schlecht war.

Im Gegenteil.

Vielleicht war es genau das Leben, nach dem er all die Jahre gesucht hatte.

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