Die Dolmetscherin, die zehntausend pro Tag verdiente, wurde wie eine Bedienstete an einen entfernten Tisch gesetzt. Als der Scheich ihre Stimme hörte, ließ er sie neben sich Platz nehmen.

– Sind Sie Nadeschda Iljinitschna? Die Dolmetscherin?

Artyom stand in der Tür und musterte die Frau. Er ließ sich Zeit. Sein Blick glitt langsam über den grauen Anzug, die dünn gerahmte Brille und blieb schließlich an der etwas abgenutzten Tasche hängen, die Nadeschda seit mehreren Jahren bei sich trug.

Sein Gesichtsausdruck verriet alles.

Er war enttäuscht.

– Ja, antwortete Nadeschda ruhig und streckte ihm die Hand entgegen. – Ich bin wegen des heutigen Vertrags hier.

Artyom nahm ihre Hand jedoch nicht.

Er blickte zuerst auf seine Uhr und dann wieder zu ihr.

– Gehen wir. Wir haben nicht viel Zeit. Die Delegation trifft in vierzig Minuten ein.

Nadeschda folgte ihm schweigend.

Der Bankettsaal des Hotels sah aus, als wäre er direkt aus dem Titelbild eines eleganten Wirtschaftsmagazins entsprungen. Unter dem Licht gewaltiger Kronleuchter funkelten Kristallgläser, und auf den schneeweißen Tischdecken lag jedes Besteckstück mit perfekter Genauigkeit an seinem Platz. Schwere Vorhänge schmückten die Wände, und in der Luft vermischten sich der Duft teuren Parfüms und frischer Blumen.

In der Mitte des Saals stand der Haupttisch.

Für zwölf Personen gedeckt.

Jeder Platz war bereits festgelegt.

Namenskarten, Flaggen, Ordner, Notizen.

Dort würde Pjotr Andrejewitsch Likow, der Direktor des Unternehmens, sitzen. Neben ihm der Leiter der arabischen Delegation, der Scheich, sowie Geschäftsleute und Führungskräfte beider Länder.

Und natürlich die Dolmetscherin.

Bei einem Treffen dieser Größenordnung übersetzte eine Dolmetscherin nicht einfach nur Worte.

Sie war die Brücke zwischen zwei Kulturen.

Eine falsch gewählte Formulierung konnte ein Missverständnis auslösen. Eine falsche Betonung konnte sogar eine Vereinbarung im Wert von mehreren Millionen Dollar gefährden.

Nadeschda dachte gerade, dass sie vielleicht zum Haupttisch geführt würde, als Artyom daran vorbeiging.

Er ging weiter.

Vorbei an den Tischen der Partnerunternehmen.

Vorbei an den Plätzen für die Presse.

Dann führte er sie bis ganz ans Ende des Saals.

Neben die Küchentür.

– Hier ist Ihr Platz, sagte er und zeigte auf einen Stuhl.

Der Stuhl war zwischen einem Fahrer in einem eleganten schwarzen Anzug und einer jungen Koordinatorin eingeklemmt.

Ein paar Sekunden lang betrachtete Nadeschda einfach nur diesen Platz.

Dann hob sie langsam den Blick.

– Sind Sie sicher, dass ich hier sitzen soll?

Artyom war bereits wieder mit seinem Handy beschäftigt.

– Ja.

– Ich bin Dolmetscherin, keine Hilfskraft.

Der Mann zuckte mit den Schultern.

– Wir haben unsere eigene Dolmetscherin. Sie sind nur als Reserve da. Wenn ein Problem entsteht, rufen wir Sie.

Dann drehte er sich um und ging.

Nadeschda setzte sich schweigend.

Neben ihr aß der Fahrer Lachshäppchen, als würde ihn die Situation überhaupt nicht interessieren. Die Koordinatorin gab über ihr Headset Anweisungen, während aus der Küche der Duft von gebratenen Zwiebeln und Gewürzen herüberzog.

Sie saß am Rand eines der wichtigsten Geschäftstreffen der Welt.

Unsichtbar.

Dabei arbeitete sie bereits seit fünfundzwanzig Jahren als Dolmetscherin.

In all diesen Jahren hatte Nadeschda gelernt, dass der größte Wert oft nicht das ist, was Menschen auf den ersten Blick erkennen.

Mit siebenundzwanzig Jahren hatte sie ihre Laufbahn begonnen – im Jahr 1991. Damals war die Beherrschung der arabischen Sprache eine außergewöhnliche Fähigkeit. Sie hatte nicht nur die Alltagssprache gelernt. Sie studierte klassisches Arabisch. Literatur. Poesie. Historische und diplomatische Feinheiten.

Sie wusste, dass sich hinter einem einzigen Wort manchmal Jahrhunderte voller Kultur verbargen.

Sie hatte an mehr als zweihundert hochrangigen Verhandlungen teilgenommen.

Drei Jahre hatte sie in Kairo gelebt.

Zwei Jahre in Riad.

Für diese Arbeit hatte sie zehntausend Rubel verlangt.

Nicht, weil sie nur so viel wert war.

Sondern weil sie im Januar drei Wochen lang keinen einzigen Auftrag bekommen hatte.

Doch die Rechnungen warteten nicht.

Nadeschda öffnete ihre alte Tasche und holte ihr Lieblingsbuch heraus.

Einen Band mit Werken von Al-Mutanabbi.

Zwischen den vergilbten Seiten lag ein alter Lesezeichenstreifen. Eine Erinnerung an eine Zeit, in der niemand daran gedacht hätte, ihre Fähigkeiten infrage zu stellen.

Sie begann zu lesen.

Einige Tische entfernt übte eine junge Frau ihre Übersetzung.

Alina war sechsundzwanzig Jahre alt. Sie trug ein elegantes elfenbeinfarbenes Kleid, hohe Absätze und perfektes Make-up. Auf ihrem Tablet überprüfte sie Geschäftsbegriffe und wiederholte leise die Sätze.

– Artyom! rief sie ihm nach. – Was bedeutet „Musharaka“ genau?

Der Mann blieb nicht einmal stehen.

– Das ist nicht wichtig. Übersetze es einfach aus dem Zusammenhang.

Alina nickte.

Doch Nadeschda senkte ihr Buch.

Musharaka bedeutete nicht einfach nur Partnerschaft.

Es war eines der wichtigsten Konzepte im islamischen Finanzwesen.

Gemeinsames Eigentum.

Gemeinsamer Gewinn.

Gemeinsamer Verlust.

Ein einziges Wort, das die gesamte Bedeutung eines Vertrags verändern konnte.

Ein einziges Wort, das entscheiden konnte, ob am Verhandlungstisch Vertrauen entstand oder ein Missverständnis.

Aber niemand fragte sie.

Niemand wollte ihre Meinung hören.

Nadeschda schloss das Buch und beobachtete schweigend den Raum.

Sie sah selbstbewusste Menschen, die glaubten, auf alles vorbereitet zu sein.

Sie sah Menschen, die nur auf Äußerlichkeiten achteten und nicht auf Wissen.

Und sie erinnerte sich an einen alten Satz, den sie einst in Kairo gehört hatte:

„Wer nur die Oberfläche sieht, kann sich leicht in den Tiefen verirren.“

Nadeschda wusste, dass bald der Moment kommen würde, in dem sie gebraucht werden würde.

Denn die gefährlichste Situation ist nicht die, in der jemand einen Fehler macht.

Sondern die, in der alle so überzeugt davon sind, recht zu haben, dass niemand den Fehler mehr bemerkt.

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