Als mein Mann beim Abendessen seinen Teller mit einem Gesichtsausdruck wegschob, als hätte ich ihm keine Kiewer Koteletts, sondern eine Vorladung vom Finanzamt serviert, wusste ich sofort: Jetzt kommt die „große Finanzreform“. Sergej richtete seine Serviette zurecht, räusperte sich und blickte an mir vorbei, als würde er bereits seine glänzende zukünftige Geschäftskarriere jenseits der Wand sehen.
— Lara, ich habe alles durchgerechnet — sagte er feierlich. — Unser Budget bricht wegen deiner finanziellen Verantwortungslosigkeit zusammen. Ab morgen führen wir getrennte Kassen.
Die Luft war noch nicht einmal richtig angespannt, aber man konnte schon den schweren Geruch der Selbsttäuschung spüren, wie bei zu lange gebratenem Fisch. Ich legte die Gabel weg.
— Was für eine großartige Idee, Serjoscha — sagte ich ruhig, mit einem Lächeln, mit dem man seinen eigenen Henker begrüßen könnte. — Dann behalte ich auch meinen Anteil.
Das brachte ihn für einen Moment aus dem Konzept. Das war nicht das Drehbuch, das er erwartet hatte. Er rechnete mit Widerstand, Diskussion, Drama. Nicht mit… Kooperation.
— Richtig — nickte er schließlich selbstzufrieden. — Ich spare für Status. Ein Mann braucht Status, Lara. Und du… bekommst dann wohl Strümpfe.
Sergej Anatoljewitsch hatte schon immer ein besonderes Talent: Er konnte sich als Business-Löwe sehen, während er in Wirklichkeit nur ein mittlerer Angestellter in einer Firma für Kunststofffenster war. „Status“ bedeutete bei ihm meist, teure Notizbücher zu kaufen, die er nie benutzte, und motivierende Zitate zu teilen, als würden sie sein Bankkonto erhöhen.
— Einverstanden — sagte ich. — Isst du das Fleisch noch, oder passt das nicht mehr in deine strategische Vision?
Er aß es. Damals war es noch „gemeinsam“.

Die erste Woche der neuen Weltordnung war ein Fest des männlichen Stolzes. Sergej lief durch die Wohnung wie ein selbsternannter Finanzguru, der gerade das Konzept des Sparens entdeckt hatte. Er kaufte sich einen „Premium“-Terminplaner mit Kunstleder und notierte jede Ausgabe sorgfältig, als wäre es der Schlüssel zur Wall Street.
Am Mittwoch kam er mit einer Tüte nach Hause: zwei Dosen des billigsten Biers und ein verdächtiges Paket Pelmeni.
Ich dagegen packte meine eigenen Einkäufe aus: Forelle, Avocados, Käse, frisches Gemüse, eine Flasche gekühlten Riesling.
Sergej lehnte im Türrahmen und beobachtete mich.
— Lebst du im Luxus? — fragte er spöttisch. — Deshalb haben wir keine Ersparnisse.
— Nicht „wir“, Serjoscha — korrigierte ich ruhig. — Ich. Und du sparst für deinen Status.
Er aß seine Pelmeni, als wäre es der Geschmack des Sieges.
— Das ist Müll — bemerkte ich.
— Was? — er sah auf.
— Gas, Wasser, Abnutzung des Topfes, plus Spülmittel. Wenn wir schon alles trennen, dann bitte konsequent.
Er erstarrte kurz.
— Mach keine Witze, Lara…
— Das ist kein Witz. Das ist eine Marktbeziehung.
Der Begriff „Marktbeziehung“ passte ihm überhaupt nicht. Als hätte er plötzlich verstanden, dass Romantik nicht in Excel vorkommt.
Am Samstag kam Anna Leonidowna, meine Schwiegermutter. Sie war eine Frau, die gleichzeitig lieben und mit einem Blick richten konnte.
Sergej begann sofort zu klagen:
— Mama, Lara rechnet sogar das Toilettenpapier ab!
Seine Mutter stellte langsam ihre Tasse ab.
— Serjoscha… als du „getrennte Finanzen“ wolltest, hast du nachgedacht oder nur Geräusche gemacht?
— Ich optimiere!
— Du optimierst nicht, du spielst Erwachsensein mit Spielgeld.
Mein Mann sprang auf und stürmte aus der Küche.
— Hysterisch — bemerkte sie ruhig. — Wie sein Vater.
Innerhalb von zwei Wochen begann das „neue System“ auseinanderzufallen. Sergej nahm ab, wurde nervös und sah immer mehr aus wie jemand, der vor seinen eigenen Entscheidungen flieht.
Dann kam ich am Freitagabend nach Hause: Auf dem Tisch standen verwelkte Nelken und eine Flasche „Sowjetskoje Sekt“.
— Lara, setz dich — sagte er feierlich. — Ich schlage einen Kompromiss vor. Ich zahle fünftausend Rubel in die gemeinsame Kasse.
Ich öffnete eine Excel-Tabelle.
— Und das ist die Realität.
Seine Augen glitten über die Zeilen: Miete, Nebenkosten, Reinigung, Abschreibung, „Lebenshaltungskosten“.
— Du verlangst Geld von mir in der Wohnung meiner eigenen Frau?! — explodierte er.
— In der Wohnung der Frau, mit der du getrennte Finanzen führen wolltest — korrigierte ich ruhig.
Die Stille war lang. Dann sprang er auf.
— Ich gehe!
— Viel Glück, Serjoscha. Nimm wenigstens die Pelmeni mit. Das ist deine Investition.
Die Tür knallte zu.
Die Stille der Wohnung war weich und klar, wie nach einer guten Entscheidung.
Mein Handy vibrierte: Nachricht von Anna Leonidowna.
„Er ist angekommen. Wütend. Ich habe ihm gesagt: Die Wahrheit ist immer teuer – nur nicht jeder kann sie bezahlen.“
Ich lächelte.
„Mir geht es gut. Ich schaue mir Vorhänge an. Aus meinem eigenen Budget.“


