Das kalte Licht des Treppenhauses blieb noch lange auf Vadims Gesicht liegen, als wüsste es nicht, ob es ihn hereinlassen oder zurückstoßen sollte. Sein Telefon vibrierte einmal in seiner Hand, dann verstummte es. Er sah nicht darauf. Er wusste, wer es war. Nina.
Oder vielleicht Zhanna. Oder jemand anderes, der bisher immer die Konsequenzen für ihn getragen hatte.Jetzt war niemand mehr da, der sie trug.Hinter Zhannas Tür drang leise Musik heraus. Kinderstimmen, klapperndes Geschirr, Leben. Nicht sein Leben.
— Glaubst du ernsthaft, dass du hier bleiben kannst? — fragte Zhanna und verschränkte die Arme. — Vadim, wir sind hier schon zu sechst in der Wohnung. Das ist kein Zufluchtsort.— Nina hat mich rausgeworfen — wiederholte der Mann, als wäre das allein schon eine ausreichende Erklärung für alles.
Zhanna seufzte.— Und? Hast du darüber nachgedacht, warum?Die Frage war nicht aggressiv, eher müde. Als wäre dieselbe Geschichte schon viele Male erzählt worden, nur von anderen Frauen, in anderen Wohnungen, mit anderen Ausreden.
Vadim antwortete nicht sofort. Er setzte sich auf den Rand eines abgenutzten Schuhschranks im Flur. Sein Körper wurde plötzlich schwer, als würden all die Entscheidungen, denen er jemals ausgewichen war, gleichzeitig auf ihn fallen.

— Ich wollte doch nur… helfen — sagte er schließlich.Zhanna lachte kurz, aber ohne Freude.— Das sagst du immer. Und jedes Mal zahlt jemand anderes dafür.Der Mann senkte den Kopf. In seinen Gedanken erschien Ninas Gesicht. Nicht das wütende, sondern der stille Moment, in dem sie ihre Sachen packte.
Ihre Bewegungen waren nicht hastig. Sie wirkten entschlossen. Als hätte sie diese Entscheidung längst getroffen und ließ sie nur jetzt an die Oberfläche.Und Katya.Die gelben Schwimmbrillen des Mädchens, die sie noch nicht einmal gekauft hatten.
Der Gedanke stach plötzlich in ihn hinein.— Ich… ich habe nicht gedacht, dass das so ein großes Ding ist — sagte er leise.Zhanna zuckte mit den Schultern.— Es ist immer so ein großes Ding. Nur eben nicht bei dir.Aus dem anderen Ende der Wohnung schlug eine Tür zu.
Ein Kind begann zu weinen. Jemand sagte, es solle leise sein. Das Leben ging weiter ohne ihn.Vadim zog sein Handy heraus. Ninas Name stand auf dem Bildschirm. Ein einziger Handgriff hätte gereicht, um sie anzurufen. Doch sein Daumen blieb in der Luft stehen.
Was würde er sagen?Dass er sich geirrt hatte? Dass er alles rückgängig machen würde? Dass Katya ins Ferienlager fahren könne?Und was wäre die nächste Entscheidung, die er wieder anderen überlassen würde?Er legte das Telefon weg.
— Ich kann hier nicht bleiben — sagte er schließlich.Zhanna nickte, als hätte sie es erwartet.— Das siehst du wenigstens richtig.Der Mann stand auf. Sein Körper war leer, aber nicht leicht. Eher wie ein schlecht ausgeräumter Raum, in dem alles noch an seinem Platz stand, aber seine Bedeutung verloren hatte.
Er ging auf die Straße.Die Stadt war kalt und gleichgültig. Menschen eilten vorbei, Einkaufstaschen, Straßenbahnen, Lichter. Alle hatten ein Ziel. Er nicht.Er begann zu gehen.Ohne zu wissen wohin.Seine Gedanken ordneten sich langsam, wie die Teile eines zerstreuten Puzzles, die endlich begreifen,
dass sie ein Bild ergeben sollen. Ninas Stimme. Kanyas Lachen. Der Name des Ferienlagers auf der Website, die er verändert hatte.Ein Klick.Mehr war es nicht gewesen.Und doch hing alles davon ab.Er blieb auf einer Brücke stehen. Unter ihm floss das Wasser dunkel und langsam, als hätte es keine Eile.
In seiner Tasche klirrten die Schlüssel. Die Schlüssel eines Zuhauses, das kein Zuhause mehr war.Er nahm sein Telefon wieder heraus.Diesmal rief er nicht Nina an.Er schrieb eine Nachricht.„Ich werde Kanyas Namen wiederherstellen. Und ich werde alles regeln. Ich will nichts dafür.“
Sein Finger zögerte einen Moment über der Sendetaste.Dann drückte er sie.Nach dem Vibrieren des Telefons wurde es still.Und in dieser Stille hörte er zum ersten Mal nicht mehr die Entscheidungen anderer.Sondern das Gewicht seiner eigenen.


