Der Ehemann wollte getrennt leben, aber „von meinem Gehalt“.

Galina stand am Fenster und blickte in den Novemberhof. Es regnete nicht – es schüttete eher unaufhörlich, als könne sich der Himmel nicht mehr zurückhalten. Die Wassertropfen glitten über das Glas, verschmolzen zu unregelmäßigen Spuren und verschwanden dann im Nichts.

Sie weinte nicht.Sie stand nur da.Und versuchte den einen Satz zu begreifen, der ihr Leben vor einer Stunde in zwei Hälften zerschnitten hatte.— Ich bin müde, Galja. Verstehst du? Müde von allem — sagte Viktor, als würde das alles erklären.

Als könnte man siebenunddreißig Jahre gemeinsames Leben mit einer einzigen Bewegung vom Tisch wischen.Und dann kam der Satz:— Ich will getrennt leben. Für mich.„Für mich.“Das blieb Galja im Hals stecken wie ein Splitter, den man nicht herunterschlucken kann.

Sie stand in der Küche, der Suppenschöpfer noch in der Hand. Die Suppe kochte, aber sie roch sie nicht mehr.Viktor saß am Tisch. Zurückgelehnt, den Blick abgewandt. Graue Haare, Stoppeln, ein abgetragenes T-Shirt. Zweiundsechzig Jahre, von denen die letzten eher aus Ausreden als aus Plänen bestanden.

— Getrennt? — fragte Galja leise. — Willst du dich scheiden lassen?— Nein, nein — winkte Viktor ab. — Ich brauche nur ein bisschen Raum. Freiheit. Du verstehst.Freiheit.Welche Freiheit braucht ein Mann, der seit Jahren nicht arbeitet, während seine Frau ihn durchfüttert?

Galja drehte das Gas ab. Ihr Appetit verschwand mit ihm.— Und wie stellst du dir das vor?Viktor wurde plötzlich lebhaft.— Ich habe eine Wohnung im Nordbezirk gesehen. Nicht teuer. Fünfundzwanzigtausend.Galja lachte, aber ohne jede Freude.

— Fünfundzwanzigtausend? Du hast kein Einkommen.— Aber du arbeitest — sagte Viktor, als wäre das selbstverständlich. — Du verdienst siebzigtausend. Du hilfst mir. Wir sind Familie.Und etwas in ihr zerbrach leise.— Also willst du getrennt leben… mit meinem Geld?

— Sag das nicht so! — beleidigt er sich. — Das ist normal. Wir bleiben zusammen, wohnen nur getrennt.Der Fernseher ging an, wie immer, wie seit zwanzig Jahren.Galja trat ans Fenster.Der Regen wurde stärker.Am nächsten Tag suchte Viktor bereits eine Wohnung.

— Perfekt! — sagte er begeistert. — Nur fünfzigtausend für den Einzug.— Fünfzigtausend… — wiederholte Galja. — Das ist die Hälfte meines Gehalts.— Einmalig!Und Galja zahlte, obwohl sie es nicht wollte.Viktor bedankte sich nicht wirklich.

Beim Umzug nahm er den Sessel, den Fernseher und sogar die Koffer mit.— Sei mir nicht böse — sagte er. — Das ist besser für uns beide.Danach war die Wohnung leer.Und kalt.Und fremd.Dann kam die Nachricht:„Danke, dass du mir hilfst, meine Liebe.“

Meine Liebe.Nach siebenunddreißig Jahren wurde sie „meine Liebe“ — als Geld gebraucht wurde.Am Anfang schrieb er jeden Tag.Dann bat er jeden Tag.Reparaturen, Medikamente, Essen.Galja überwies Geld.Auf der Arbeit fiel es auf.— Galja Petrowna, geht es Ihnen gut?

— Ich bin nur müde.Aber sie war nicht nur müde.Zu Hause wurde ihr Telefon immer schwerer.— Mama, das ist nicht normal — sagte ihr Sohn. — Er benutzt dich.Dieses Wort blieb in ihr hängen.Benutzt.Sie verteidigte ihn trotzdem.

Glaubte immer noch, dass das Familie sei.Dann nahm Viktor auch ihre Decke mit.— Du kaufst dir eine neue.Und da spürte Galja zum ersten Mal reine, brennende Wut.Kurz darauf ging sie nicht mehr ans Telefon.Sie setzte Grenzen.Ihre Freundin sagte es klar:

— Das ist Missbrauch.Ihr Sohn ebenso:— Mama, er manipuliert dich.Beim Psychologen sagte sie schließlich:— Ich schäme mich.— Und sind Sie wütend? — fragte er.— Ja.— Dann sehen Sie die Realität.Von diesem Tag an änderte sich etwas.

— Ich schicke kein Geld mehr — sagte sie zum ersten Mal.Viktor wurde wütend.Dann flehte er.Dann drohte er.Aber die Antwort blieb dieselbe.Nein.Eines Tages stand Viktor vor ihrer Tür.— Ich habe kein Geld. Ich komme zurück.— Nein — sagte Galja.

— Aber ich bin dein Mann!— Du wolltest getrennt leben.Stille.— Soll ich also auf der Straße landen?— Es gibt Arbeit. Es gibt ein Leben.Und Viktor ging.Diesmal hatten sich die Kräfte endgültig verschoben.Galja brach nicht zusammen.Sie wurde frei.

Drei Monate später begann sie Tango zu tanzen.Neue Menschen. Neuer Rhythmus. Neue Luft.— Ich bin stolz auf dich — sagte ihr Sohn.— Du lebst endlich — sagte ihre Freundin.Die Psychologin sagte nur:— Das ist die Grenze.

Viktor rief manchmal noch an.„Vergib mir.“„Lass uns neu anfangen.“Aber seine Stimme erreichte sie nicht mehr.Eines Tages fuhr Galja ans Meer.Allein.Und dort verstand sie: Sie war nicht allein.Sie war bei sich selbst.

Der Zug fuhr Richtung Süden.Und zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Galja keine Angst vor dem, was kommt.Sie wartete darauf.

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