Das Schloss des Koffers klapperte scharf, als Yana am widerspenstigen Reißverschluss zog. Die Luft im Flur war schwer und stickig, als wollte die Wohnung sie gar nicht gehen lassen. Auf dem Bildschirm ihres Handys leuchtete eine Nachricht:
Das Taxi zum Flughafen würde in vierzig Minuten kommen. Die lang ersehnten Ferien in Sri Lanka – für die sie über sechs Monate hinweg Überstunden gemacht, Wochenenden geopfert und jeden kleinen Luxus aufgeschoben hatte – sollten jetzt endlich beginnen.
Doch Roman war noch immer nicht da.Er war gestern Abend zu einem Freund gegangen, hatte versprochen, spätestens um Mitternacht zurück zu sein, um sich vor dem langen Flug auszuruhen. Yana hatte ihm geglaubt. Nun tickte die Uhr unerbittlich weiter.
Endlich drehte sich der Schlüssel im Schloss. Die Tür öffnete sich mit einem dumpfen Schlag gegen die Wand. Roman trat schwerfällig ein, die feuchte Kälte der Straße und der muffige Geruch seiner Jacke begleiteten ihn.
Aber Yana sah ihn nicht an.Hinter ihm standen zwei Kinder.Der zehnjährige Matwei starrte auf den Boden und zupfte nervös an der Schulterriemen seines schweren Schulranzens. Neben ihm wippte die sechsjährige Ksenia von einem Fuß auf den anderen und hielt eine abgenutzte Puppe fest an sich gedrückt.

„Hey. Bist du fertig?“ fragte Roman heiser und zog seine Turnschuhe aus. „Kommt rein, steht nicht nur da. Das ist Tante Yana.“Langsam richtete sich Yana auf.„Roman… hast du die Zeit gesehen? Wir müssen in einer halben Stunde los. Warum sind sie hier?“
Ohne zu antworten ging er an ihr vorbei in die Küche. Er drehte den Wasserhahn auf, trank direkt daraus, spritzte sich Wasser ins Gesicht und sah sie erst danach an.„Yana, hör genau zu und keine Szene, okay?“
sagte er, lehnte sich an die Arbeitsplatte. „Olesja kommt mit mir. Ich habe das Ticket schon am Dienstag umgebucht.“Die Worte klangen so beiläufig, als spräche er über Brot im Supermarkt.Yana fühlte, wie ihre Hände schwer wurden.
„Deine Schwester? Wohin? Wir haben ein halbes Jahr für diese Reise gespart! Mein Geld ist auch drin!“„Olesja fliegt, sie braucht es mehr!“ rief Roman und hob die Stimme. „Ihr Freund hat sie verlassen, sie sitzt auf Schulden.
Sie braucht einen Neuanfang. Du hast sowieso zu viel Arbeit. Ich habe deine Chefin gestern getroffen – sie meinte, sie bräuchten dringend Leute.“„Du hast unser Geld genommen… und ihr ein Ticket gekauft?“ Yanas Stimme zitterte.
„Und mir sagst du das jetzt, eine halbe Stunde vor Abflug?“„Niemand hat dir etwas gestohlen. Der Urlaub ist bezahlt, nur die Passagiere haben sich geändert. Du passt auf die Kinder auf. Zwölf Tage – kein großes Ding. Essen ist da, ich habe dir noch etwas Geld dagelassen.“
Er griff nach seinem Rucksack und ging zur Tür hinaus.Die Tür schlug zu.Stille erfüllte die Wohnung.Yana wandte sich den Kindern zu. Matwei starrte immer noch auf seine Schuhe. Ksenia schniefte leise.
„Habt ihr schon gegessen?“ fragte Yana mit dumpfer Stimme.Sie schüttelten den Kopf.Mechanisch begann Yana zu kochen. Die Eier brutzelten in der Pfanne, doch in ihrem Kopf wurde alles klar. Alles war geplant.Sie war einfach… ersetzt worden.
„Mama hat gesagt, wir würden euch nicht stören“, flüsterte Matwei. „Sie meinte, ihr hättet uns eingeladen.“Yana erstarrte.„Eure Mutter hat gelogen. Ich hätte heute fliegen sollen.“Der Blick des Jungen veränderte sich – plötzlich viel zu erwachsen.
„Sie hat das schon letztes Jahr gemacht…“Ksenia fügte leise hinzu:„Papa wohnt jetzt bei Tante Ira. Sie will uns nicht, sagt, wir reden zu laut.“Yana holte tief Luft.Nein.Das war nicht ihre Verantwortung.
„Esst fertig. Zieht euch an. Wir gehen.“„Zum Spielen draußen?“ fragte Ksenia zaghaft.„Nein“, antwortete Yana. „Dorthin, wo Erwachsene ihre Probleme regeln.“Auf der Polizeistation roch es nach billigem Kaffee und alten Akten.
„Ich möchte eine Anzeige wegen Kindesvernachlässigung erstatten“, sagte Yana bestimmt.Alles geschah schnell – Fragen, Protokolle, ernste Blicke.„Sie wissen, dass die Kinder vorübergehend in eine Einrichtung kommen, wenn Sie sie nicht aufnehmen?“ fragte die Beamtin.
Yana hockte sich vor Matwei.„Es ist nicht für immer. Euer Vater kommt bald.“Der Junge nickte, die Hände zitterten.Ksenia begann zu weinen.Yana blickte nicht zurück, als sie weggebracht wurden.
Ihr erster Anruf ging an ihre Schwiegermutter.„Ihre Tochter hat die Kinder allein gelassen und ist ins Ausland geflogen. Ich habe sie der Behörde übergeben.“Stille.Dann ein Schrei.Yana legte auf.Als Roman zurückkam…
gab es nichts mehr.Ein neues Schloss.Kisten im Flur.Und ein Zettel:„Ich bin ausgezogen. Scheidungspapiere werden geschickt. Kontaktiere mich nicht.“Die Nachbarin sagte nur:„Das hast du dir verdient.“
Und schloss die Tür.Die Kinder kamen zu ihrem Vater.Olesja wurde überprüft.Roman… verlor alles.Yana flog nicht nach Sri Lanka.Aber auf dem kleinen Balkon ihrer neuen Wohnung, eine Tasse Tee in der Hand, die Stadt unter sich beobachtend, erkannte sie endlich etwas:
Freiheit beginnt nicht immer mit einem Flug.Manchmal… beginnt sie mit einer verschlossenen Tür.


