Tanya hasste dieses Gespräch. Es hing schon seit einer Woche in der Luft und durchdrang die Wohnung mit dem Geruch von Medikamenten und Tabak, obwohl Igor nur auf der Treppe rauchte.
Die Dreizimmerwohnung in einem Altbau hatte Tanya von ihrem Vater geerbt. Hohe Decken, knarrender Parkettboden, den ihr Vater nie gegen Laminat austauschen ließ („Es ist Eiche, Tanya, für die Ewigkeit!“), und Blick auf den kleinen Park. Für Igor waren diese Wände keine Erinnerungen, sondern Kapital. Eingefrorenes Geld.
— Verstehst du, das sind nur Wände — lief er nervös in der Küche auf und ab und stieß mit der Hüfte gegen die Tischkante. — Aber da draußen, da liegen die echten Chancen. Wir investieren in Spezialmaschinen, ein Jahr, und sie bringen den Einsatz zurück. Danach kaufen wir ein Haus. Unser eigenes Haus, Tanya! Ohne Mieter.
Tanya spülte still das Geschirr. Zum dritten Mal in vier Jahren hörte sie diese „innerhalb eines Jahres“-Rede. Erst waren es Aktien, dann Autoteilehandel. Und jetzt — geleaste Bagger.— Igor, wir haben kein Geld für die Anzahlung. Ich lasse nicht zu, dass du die Wohnung beleihst.
— Hörst du nicht! — warf er das Handtuch auf den Boden. — Ich habe schon einen Deal gemacht. Die Leute brauchen Garantien.Dann schlug die Tür auf. Nadezda Petrovna, die Schwiegermutter, betrat mit ihrem eigenen Schlüssel
— Igor hatte ihr vor sechs Monaten „für alle Fälle“ gegeben. Sie trat in die Küche, ohne ihren Mantel auszuziehen. Ihr Blick war wie der eines Generals vor dem Angriff.— Na, wie sieht’s aus? — fragte sie, Tanya ignorierend. — Hast du sie überzeugt?
Igor wandte den Blick ab.— Sie widersteht, Mama.Nadezda Petrovna seufzte tief, zog einen Stuhl heran, setzte sich und legte die Hände auf den Tisch, als würde sie Befehle erteilen.— Tanya, setz dich. Wir müssen ein ernstes Gespräch führen.
Tanya blieb am Spülbecken stehen. Das Geräusch des fließenden Wassers übertönte das Murmeln, und sie wollte es nicht abstellen — dieses

Geräusch bot wenigstens Schutz.— Igor braucht dringend Geld — ihre Stimme war fest. — Er steckt in Schwierigkeiten… frag nicht, mit welchen Leuten. Du musst nur wissen, dass es bezahlt werden muss.
Tanya drehte das Wasser ab. Die Stille tat fast weh. Nadezda Petrovna nannte die Zahl. Tanyas Finger froren. Es war die Hälfte des Preises einer guten Wohnung in einem Vorort.— Woher kommt diese riesige Schuld? — flüsterte sie.
— Das Geschäft ist pleite gegangen, bevor es überhaupt anfangen konnte — murmelte Igor und starrte aus dem Fenster. — Ich bin reingelegt worden. Egal. Wichtig ist, dass gezahlt werden muss.
— Wir haben einen Käufer für deine Wohnung gefunden — fuhr die Schwiegermutter fort. — Bar, sofort. Keine Raten. Wir zahlen die Schulden, und mit dem Rest mietet ihr eine Wohnung, bis Igor wieder auf die Beine kommt.
Tanya sah Igor an. Er wirkte verloren, beschämt, aber die Angst vor den Gläubigern war stärker als die Scham vor seiner Frau.— Sie wollen, dass ich die einzige Wohnung verkaufe, die ich von meinem Vater geerbt habe, um Igors Schulden zu begleichen, von denen ich nicht einmal wusste?
— Und was hättest du erwartet? — fuhr Nadezda Petrovna auf. — Familie bedeutet, alles zu teilen. Auch die Probleme. Oder willst du, dass mein Sohn erstochen wird?— Ich will, dass er nachdenkt, nicht auf meine Wohnung angewiesen ist — erwiderte Tanya. — Ich verkaufe nichts.
Igor drehte sich plötzlich um. Sein Gesicht wurde rot.— Du verkaufst nicht? Dann ist es dir egal? Dir egal, dass ich untergehe?— Es ist mir egal, Igor. Aber ich werde nicht wegen deiner Fehler obdachlos. Geh arbeiten, verkauf dein Auto, nimm Überstunden.
— Das Auto wurde mir schon weggenommen! — schrie er. — Du verstehst nicht…— Du bist einfach egoistisch, mein Sohn — seufzte die Schwiegermutter. — Ich habe es doch gesagt. Du klammerst dich an deine eigenen Quadratmeter.
— Genug! — trat Igor näher. — Entweder wir verkaufen deine Wohnung, oder wir lassen uns scheiden! Ich werde nicht mit einer Verräterin leben.Tanya sah ruhig zu. Als sähe sie ihn zum ersten Mal.
Sie erinnerte sich, wie er sie schön umworben hatte, Berge versprochen hatte. Die Berge waren aus Papier, innen verfault. Nichts band ihn an sie, nur Leere und Licht blieben.— In Ordnung — sagte sie.
— Was meinst du mit „in Ordnung“? — Igor war verwirrt.— Scheidung.Igor war überrascht. Er hatte nicht mit einer so ruhigen Zustimmung gerechnet.Tanya ging ins Schlafzimmer, holte einen großen Koffer, öffnete ihn und begann systematisch ihre Kleidung zu packen.
— Was machst du? — schrie Igor. — Willst du mich erschrecken? Glaubst du, ich mache Witze?— Ich mache keine Witze — warf sie die Jeans in den Koffer. — Du hast die Bedingung gestellt. Ich habe akzeptiert. Die Wohnung bleibt. Du gehst.— Wohin soll ich gehen? — schrie er. — Ich habe keinen Cent!
— Zu deiner Mutter — nickte Tanya in Richtung Küche. — Sie sagt doch, die Familie hilft. Dann lass sie helfen.— Du hast kein Recht! — schrie die Schwiegermutter. — Du bist hier gemeldet!— Ich bin nicht gemeldet, — Tanya zog den Reißverschluss des Koffers zu.
— Nicht einmal vorübergehend. Ich habe ihn nicht eingetragen, bis er eine normale Arbeit hat. Mein Vater sagte: „Trag den Mann nicht ein, bevor du siehst, was er kann.“Das saß. Nadezda Petrovna wurde rot.
Zwanzig Minuten später gingen sie. Igor versuchte den Fernseher mitzunehmen, aber Tanya erinnerte ihn, dass sie ihn mit ihrer eigenen Karte bezahlt hatte und die Rechnungen unter den Dokumenten lagen. Er ging und hinterließ einen letzten Tritt gegen den Schrank, zischte: „Schlampe.“
Tanya schloss die Tür. Ihre Hände zitterten, aber nicht aus Angst — aus Adrenalin. Sie wusste, dass dies noch nicht das Ende war.Sie wartete nicht länger. Eine Stunde später kam der Schlosser.
— Nur das Zylinderschloss austauschen? — fragte der Mann in Arbeitskleidung.— Das ganze Schloss. Das sicherste.Der Morgen begann nicht mit Kaffee, sondern mit hartnäckigem Klopfen. Es war sieben Uhr.
Tanya schaute durch den Spion. Der Bezirksbeamte, Igor und Nadezda Petrovna standen da. „Unterstützungsteam“.Tanya zog einen Bademantel an und öffnete die Tür, ließ die Kette dran.— Petrovna? — fragte der Leutnant. — Es gibt eine Anzeige. Illegale Räumung, Nutzung verhindert.
— Einen Moment — Tanya schloss die Tür, entfernte die Kette und trat ins Treppenhaus. Sie ließ sie nicht hinein.In ihrer Hand hielt sie einen Ordner voller Dokumente.— Hier ist das Eigentum. Alleinige Eigentümerin — ich.
Geschenk von meinem Vater. Hier ist die Liste der eingetragenen Personen. Ich bin die Einzige. Herr Petrov hat kein Recht auf diese Wohnung.— Aber ich wohne hier seit drei Jahren! — schrie Igor. Alkoholgeruch kam von ihm. — Meine Sachen sind da!
— In dem Koffer, den du gestern mitgenommen hast — antwortete Tanya ruhig. — Wenn etwas fehlt, mach eine Liste, ich gebe sie dem Portier.Der Polizist überflog die Papiere. Er freute sich nicht, sich damit beschäftigen zu müssen.
— Herr Petrov — er wandte sich an Igor — keine Eintragung, kein Eigentumsanteil. Auf welcher Grundlage sollte ich Sie einlassen?— Wir sind Familie! — meldete sich Nadezda Petrovna. — Die Ehe ist nicht beendet!
— Ehe gewährt kein Recht auf vorheriges Eigentum — seufzte der Leutnant. — Bei Beschwerden zum Gericht. Dort teilt man Löffel und Gabeln. Ich lasse niemanden in die Wohnung eines anderen eindringen.
Er gab die Dokumente zurück.— Entschuldigen Sie die Störung. Sie, — wandte er sich an Igor — wenn Sie Ärger machen, gibt es 15 Tage Haft.— Du… — Nadezda Petrovna würgte vor Wut — Na gut, bleib allein! Klammer dich an deine eigenen Wände! Weder Ehemann noch Kind werden so einen Charakter haben!
— Aber ich habe ein Dach über dem Kopf — antwortete Tanya leise. — Und keine fremden Schulden.Igor sah sie an. Hass und Hoffnung mischten sich in seinem Blick, unsicher, ob sie ihre Meinung ändern würde.
Tanya schloss still die Tür. Zwei Umdrehungen am oberen Schloss. Drei am unteren. Das Nachtgitter klickte.Ihr Rücken an der Tür. Auf der Treppe hörte sie noch die Stimme der Schwiegermutter, die dem Polizisten etwas erklärte, aber es klang bereits fern, gehörte zu einer anderen Welt.
Tanya ging in die Küche. Auf dem Tisch stand die schmutzige Tasse von gestern Abend. Sie nahm sie, hielt sie mit zwei Fingern angewidert und warf sie in den Müll. Das Geräusch zerbrochenen Glases klang überraschend fröhlich.
Sie goss sich Wasser ein. Ihre Hände zitterten nicht mehr. Die Wohnung war ruhig. Dies war nicht die erschreckende Stille der Einsamkeit, sondern die gesegnete Stille der Sicherheit.Sie wusste, dass es noch Gerichte geben würde.
Es würden Versuche wegen Renovierungen kommen, Anrufe von unbekannten Nummern, Familientratschen. Aber das Schlimmste lag bereits hinter ihr. Sie hatte das Andenken ihres Vaters nicht verraten. Und, was noch wichtiger ist — sie hatte sich selbst nicht verraten.


