Der Oberst beschloss, die neue Mitarbeiterin eine Lektion zu erteilen — doch er wusste nicht, wessen Tochter sie war.

„— Werft sie unter die Rückfalltäter!“ lachte der Koloniekommandant, Oberst Majorow, hinter der dicken Stahltür. Seine Schritte verklangen langsam im Flur. „Lasst sie bis zum Abend bei ihren ‚Patienten‘ sitzen! Bis zum Morgen ist ihr ganzer Wahnsinn aus dem Kopf!“

Inna lehnte sich gegen die grob gestrichene Wand, auf der die alte Ölfarbe rissig und schorfig war. Die Luft in Zelle Nr. 8 war stickig, ein Gemisch aus sauerem Brot, schmutziger Kleidung und starkem Tabakgeruch, der sich mit dem Beton vermischte. Die Lampe unter der Decke summte wie ein aufgescheuchter Bienenstock.

Bewegungslose Schatten huschten über die zweistöckigen Eisenbetten.„Seht mal, Jungs, unser Chef hat uns eine Krankenschwester geschickt!“ krächzte ein dünner Mann vom oberen Bett, den tätowierten Arm baumelnd. „Warum zitterst du, Bürgerin?“

Inna richtete sich auf. Das Uniformhemd klebte ihr schweißnass an der Schulter. Funkgerät und Pfefferspray waren bereits am Tor abgenommen worden, denn Majorow wollte die neue Angestellte mit dieser Strafe einschüchtern.„Jeder auf seinen Platz!“ sagte sie ruhig und bestimmt.

Vom unteren Bett am Fenster setzte sich langsam ein großer Mann um die fünfzig, kurzes graues Haar, tiefe Falten um den Mund. Er trug einen schwarzen Mantel, als sei es seine eigene Rüstung.„Halt die Klappe, Siply!“ sagte er leise, und der dünne Mann zog sich sofort zurück.

Der Mann trat näher. Seine Augen, blass und scharf, musterten Innas Bewegungen, als suche er nach einer Falle. Stepan Korshunov. Der informelle Anführer des Blocks. Der Mann, wegen dem Inna ihren Namen geändert, in diese raue Stadt gezogen und die verhasste Uniform angelegt hatte.

„Majorow wirft seine eigenen Leute nicht einfach so in den Käfig“, sagte er rau. „Was hast du ihm getan?“„Ich habe die gefälschten Lieferscheine für das Dosenfleisch nicht unterschrieben“, antwortete Inna und sah ihm direkt in die Augen.

Stepan lächelte, aber das Lächeln war so müde, dass Inna einen Moment Mitleid verspürte.„Engagiert. Na gut, dann setz dich bis zum Abend. Morgen schreibst du deine Kündigung und gehst zu deiner Mutter, um Brühe zu kochen. Prinzipien halten hier nicht lange.“

Stepan ging in die Ecke, um sich auf sein Bett zu legen. Inna wusste: Wenn sie jetzt nicht sprach, würde es keine zweite Chance geben.„12. Oktober, Abend. Die alte Umgehungsstraße an der Sägerei vorbei“, begann sie schnell, fast flüsternd. „Es goss in Strömen. Ihr fuhrt den Lastwagen.

In der Kabine schaukelte der kleine Holzbär am Spiegel.“Stepan hielt inne. Sein Rücken spannte sich. Die anderen schienen zu schlafen, doch die Luft war fast elektrisch geladen.„Ihr seid mit der Lampe ausgestiegen“, fuhr Inna fort. „Ein Mann lag auf der Straße.

Das schwarze Auto, das ihn überfuhr, hielt nicht an. Aber ihr habt das Kennzeichen gesehen. Und wer gefahren ist.“Stepan drehte sich langsam um. Sein Gesicht erstarrte zu Stein.„Ich habe nichts gesehen“, schnappte er. „Und ich rate dir, auch nicht zu reden.“

„Der Mann auf der Straße war mein Vater“, schluckte Inna den trockenen Kloß im Hals hinunter. „Ilja Nikolajewitsch. Ein einfacher Buchhalter. Er hatte Unstimmigkeiten in der Fabrik gefunden, Papiere über falsche Firmen. Er wollte zur Staatsanwaltschaft gehen.“

Stepan sah sie lange an. Draußen pfiff der Wind um die summende Zelle.„Buchhalter, verstehe“, sagte er leise. „Als ich hinlief… ging es ihm schon sehr schlecht. Er griff nach meinem Mantel und bat mich, auf seine Tochter Irina aufzupassen.“

„Auf dem Papier heiße ich Irina“, nickte Inna. „Inna ist nur der Name, den die Familie benutzt.“Stepan setzte sich schwer auf die Bettkante, zog eine zerknitterte Streichholzschachtel heraus, drehte sie zwischen den Fingern und steckte sie dann zurück in die Tasche.

„Und im Auto saß Anton Majorow“, murmelte er. „Der Sohn des Koloniekommandanten, sehr angesehen. Total betrunken. Sein Gesicht habe ich mir gut eingeprägt; die Scheinwerfer leuchteten direkt auf ihn.“Den Rest der Nacht verbrachten sie in unruhigem Halbschlaf.

Am Morgen klickte das Schloss. Der Wächter stand in der Tür:„Raus!“ brüllte er Inna zu. „Der Oberst ruft.“Das Kommandobüro war mit dunklem Holz verkleidet. Auf dem Schreibtisch stand ein teures Lederstifteset; die Luft roch nach starkem Herrenparfum. Majorow saß auf dem Stuhl und spielte mit einem schweren Stift.

„Na, wie hat dir dein kleiner Übernachtungsaufenthalt gefallen?“ fragte er spöttisch.Inna hielt inne und richtete ihre zerknitterte Uniform.„Perfekt. Die Leute sind dort ehrlicher als in manchen Büros.“Majorows Lächeln verschwand. Er warf ein graues Kartonblatt auf den Tisch.

„Du hast ein Geheimnis, sehe ich. Heute Morgen habe ich HR gebeten, deine Unterlagen zu prüfen. Diplom, Adresse, alles in Ordnung. Aber dein Name hat sich vor fünf Jahren geändert. Du hast den Namen deines Schwiegervaters angenommen.“

Langsam erhob er sich, die Hände auf dem Schreibtisch.„Ilja Saweljew. Dein Vater. Kommst du wegen ihm hierher? Detective spielen?“Innas Mund wurde trocken, doch sie hielt seinen Blick.„Ich will Gerechtigkeit. Mein Vater ist wegen eurer Männer gestorben, und ihr habt alles vertuscht.“

Majorow ließ ein kurzes, hustendes Lachen hören.„Mädchen, du siehst zu viele Serien. Wir sind hier das Gesetz. Jetzt unterschreibst du die Kündigung, gibst die Schlüssel ab und vergisst diese Stadt. Oder… die Leute hier könnten die Treppe herunterfallen.“

„Zu spät“, antwortete Inna ruhig.Sie zog ein schwarzes Diktiergerät hervor, winzig wie eine Streichholzschachtel, und stellte es auf die Tischkante.„Jeden Morgen um sechs bringt ein LKW das Brot“, sagte Inna. „Während ihr geschlafen habt, habe ich die Aufnahme einem vertrauenswürdigen Fahrer übergeben.

Stepan Korshunovs Zeugnis ist darauf. Es ist fast neun Uhr; die Datei liegt bereits auf dem Schreibtisch des Generals in Moskau.“Majorow erstarrte. Sein Gesicht wurde blass.Ein großer Mann in Zivil betrat den Raum:„Oberst Majorow? Eigener Sicherheitsdienst. Sie sind verhaftet.“

Inna folgte schweigend. Ihr Herz war leer, nach zehn Jahren zielgerichtetem Leben. Jetzt war es vorbei.Einen Monat später, auf der feuchten Erde des alten Friedhofs, legte Inna zwei rote Nelken auf das Grab ihres Vaters.„Alles erledigt, Papa“, flüsterte sie.

Stepan Korshunov trat zu ihr, einfacher Mantel, glatt rasiert.„Dein Vater war ein guter Mann. Ja“, sagte er.„Wie ist dein Leben verlaufen?“ fragte Inna.„Gut. Ich gehe nach Rjasan zu meiner Schwester; dort gibt es Arbeit im Fuhrpark. Ich werde wieder fahren“, antwortete er. „Und du?“

„Ich habe eine Stelle bei der Staatsanwaltschaft bekommen. Ich werde alte Akten prüfen, solche wie wir sie waren“, sagte sie, ein schwaches Lächeln auf den Lippen.Sie standen schweigend da und lauschten dem Gesang der Waldvögel. Das war nicht mehr die schwere Stille des Gefängnisses. Zum ersten Mal spürte sie Frieden in ihrer Seele.

 

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