— Kirötschka! Mein Schatz! — Tatjana Wassiljewna klatschte in die Hände und riss den Blick von den beiden Männern los, die gerade ein Sofa durch den Flur schleiften. — Keine Sorge! Wir bringen hier nur ein bisschen Ordnung rein. Wirklich, nur ein kleines bisschen.
— Ordnung? — Kira lächelte, doch in diesem Lächeln klirrte Glas. — Also das hier ist keine „Ordnung“. Das ist eine Baustelle. Koffer im Flur, meine Sachen irgendwohin geschoben. Und anscheinend geben Sie hier die Kommandos.— Kira, warum gleich so…
— Jura kratzte sich verlegen am Hinterkopf. — Bei Mama und Papa… na ja, es gibt momentan ein paar… Schwierigkeiten. Sie wird eine Weile bei uns wohnen.— „Eine Weile“? — Kira trat näher. — Ein Tag? Eine Woche? Oder soll ich gleich „Solange du atmest“ sagen — dann sparen wir uns das Theater.
— Ach, reg dich doch nicht auf! — Tatjana Wassiljewna seufzte theatralisch. — Na gut, ein Monat. Zwei vielleicht. Drei höchstens. Platz habt ihr genug. Ich bin sehr ordentlich.— Ganz ordentlich?! — Kira hob die Tasche hoch, die ihr schon zu Füßen stand.
— Haben Sie eigentlich daran gedacht, mich zu fragen? Oder bin ich bloß Inventar ohne Stimme?— Kira, wo soll ich denn sonst hin? — Tatjana Wassiljewna presste die Hand ans Herz, als wollte sie gleich zusammenbrechen. — Soll ich etwa an der Bushaltestelle schlafen?
— Das ist meine Mutter! — Jura runzelte die Stirn. — Du willst doch nicht, dass ein Familienmitglied ohne Dach über dem Kopf bleibt.— Und ich will nicht, dass man mich vor vollendete Tatsachen stellt, — sagte Kira leise, aber bestimmt. — Ich will nicht in meiner eigenen Wohnung aufwachen und merken,

dass niemand mich fragt.Niemand hörte ihr zu.Die Möbelpacker stellten den Schrank unter Tatjana Wassiljewnas Anweisung um, als wäre die Wohnung bereits neu übernommen. Jura nickte. Die Mutter kommandierte.Und Kira stand da, überflüssig in ihrer eigenen Wohnung.
Sie drehte sich um, ging ins Schlafzimmer und knallte die Tür zu — und für einen Moment war alles still.Die ersten drei Tage ertrug Kira alles. Sie kam spät zurück, die Wohnung glänzte, roch nach billigem Zitronenduft. Das Sofa stand woanders, der Sessel war verschwunden.
Am vierten Tag war ihre Lieblingstasse weg — die blaue, die sie sich nach dem Studium gekauft hatte. Stattdessen stand da eine weiße, langweilige Porzellantasse.— Tatjana Wassiljewna, meine Tasse? — fragte Kira abends.— Ach, die Blaue? — die Schwiegermutter winkte ab.
— Die war eh abgeblättert. Hab dir was Stilvolles gekauft. Du solltest dich freuen.— Weggeworfen? — Kira starrte sie an, ungläubig. War das ein Witz? Eine Demütigung?Doch die Schwiegermutter wandte sich schon an Jura:
— Jura, mein Sohn, warum isst du so wenig? Ich hab dir ein ordentliches Abendessen gekocht!Am siebten Tag verschwand die Vase, das letzte Geschenk ihrer Mutter. Kira fand sie im Müll. Zerbrochen.— Das war Mamas Geschenk… — flüsterte sie.
— Ach, hör auf zu jammern! — schnaubte Tatjana Wassiljewna. — Hab dir eine neue gekauft. Modern. Bei „Lenta“.Am zehnten Tag wurde Kira klar: Man drängte sie raus. Vorsichtig. Unter dem Deckmantel von Fürsorge.Eines Abends kam sie nach Hause. Im Büro Chaos, Deadlines.
Kaum hatte sie die Schuhe ausgezogen, ertönte die Stimme der Schwiegermutter aus der Küche:— Schon wieder spät! Jura sitzt hungrig da wie ein Waisenkind!— Ich hab es angekündigt, — sagte Kira müde. — Deadlines.— Zu meiner Zeit waren Frauen um sechs zu Hause! Heute nur Ambitionen…
— Tatjana Wassiljewna schnalzte mit der Zunge.Kira ging schweigend vorbei. Woche um Woche wurde die Wohnung zum Schlachtfeld, ohne Schüsse, aber mit Verlusten.Eines Morgens öffnete Kira den Schrank — und erstarrte. Ihr blaues Lieblingskleid war weg. Im Müllsack.
— Meinen Sie das ernst? — Ihre Stimme zitterte.— Siehst du, — Tatjana Wassiljewna drehte sich nicht um. — Du musst solider wirken.— Ich entscheide selbst, wie ich aussehe.Jura saß untätig am Tisch.— Ihr geht heute, — sagte Kira schließlich. — Ihr seid nicht mehr nötig.
Sie schloss die Tür. Zum ersten Mal seit Monaten atmete sie wirklich frei. Die Wohnung war still. Ihr. Eigen.Zwei Tage später rief Jura an:— Kira… vielleicht… versuchen wir es noch einmal?— Dieses Zuhause gehört mir, — sagte sie sanft. — Nicht mehr uns beiden.
Am Samstag holte er die Kartons ab. Sie redeten kaum. Als die Tür hinter ihm fiel, atmete Kira tief ein.Sie öffnete das Fenster. Kalter Wind schlug ins Gesicht.In diesem Moment wusste sie: In dieser Wohnung lebt jetzt nur noch eine Frau. Und niemand wird jemals wieder ihre Welt umstellen.Kira lächelte. Echt. Frei.
Ende.


