Nina stand vor dem Spiegel in der Damen-Toilette und erkannte sich nicht wieder. Das Kleid fühlte sich erdrückend an, ihr Gesicht war fremd, ihre Augen leer. Im Saal schrie der Zeremonienmeister, die Gäste lachten, und ihr Vater war wahrscheinlich schon betrunken.
Sie jedoch konnte nicht lächeln.Die Tür öffnete sich einen Spalt. Matveics, der alte Saalaufseher, lugte herein:— „Meine Tochter, trink nicht aus deinem eigenen Glas“, flüsterte er. „Dein Verlobter hat Pulver hineingetan, ich habe es vom Hinterzimmer aus gesehen. Weiß, aus einem Beutel.“
Nina drehte sich um, aber Matveics hatte die Tür schon wieder geschlossen. Sie setzte sich auf das Fensterbrett, die Hände vor den Mund, um nicht zu schreien. Erinnerungen schossen durch ihren Kopf: Sergejs Tod, der LKW-Unfall, monatelanges Schweigen.
Dann erschien Grigorij, der Freund ihres Vaters, geschäftsmäßig, bestimmt, half ihr, passte auf sie auf. Ihr Vater strahlte vor Freude: „Wir haben den richtigen Verlobten gefunden.“ Nina protestierte nicht — innerlich war sie leer, es machte keinen Unterschied.
Aber das Pulver im Glas… was war das?Sie ging zurück in den Saal. Ihre Beine waren schwach, ihr Ohren rauschten. Grigorij saß am Kopf des Tisches, sein Arm auf der Schulter ihres Vaters, sprach laut, alle lachten. Auf dem Tisch standen zwei Gläser,
mit rotem Band — eines für den Bräutigam, eines für die Braut.Sie setzte sich neben ihn. Grigorij beugte sich vor, legte seine Hand unter dem Tisch auf ihr Bein, drückte — fest, als Warnung:— „Wo warst du? Der Zeremonienmeister wartet. Der Haupttrinkspruch kommt jetzt.“
— „Ich habe mein Kleid gerichtet.“— „Na los, steh auf.“ Er lächelte, doch seine Augen waren kalt. „Später kannst du dich ausruhen.“Der Zeremonienmeister rief: „Bitter!“ Alle riefen laut, und Grigorij hob sein Glas, nickte Nina zu: trink.

Nina hob das Glas — dann zog sie es plötzlich zurück. Der Champagner verschüttete sich, die Gäste stöhnten auf.— „Oh, Entschuldigung!“ sprang sie auf, nahm Grigorijs Glas vom Tisch. „Lass mich aus deinem Glas trinken, zum Glück! Sofort!“
Grigorijs Gesicht verzerrte sich einen Moment — Wut, pure, eiskalte Wut. Aber er konnte nichts sagen: Ihr Vater rief bereits laut:— „Richtig, meine Tochter! Ein Glas — das bedeutet ein langes Leben!“Die Gäste applaudierten. Nina trank aus dem Glas und nahm ihren Blick nicht von ihm.
Sie war blass, die Hände unter dem Tisch zu Fäusten geballt. Matveics brachte ein neues Glas für Grigorij. Langsam hob er es und trank, ohne den Blick von Nina abzuwenden.Nina verstand: er weiß, dass sie es weiß.Eine Stunde später wurde Grigorij schlecht. Blass bat er Nina, ihn ins Zimmer zu begleiten.
Im Zimmer setzte sich Grigorij aufs Bett, das Gesicht in die Hände vergraben. Nina stand an der Tür. Minuten der Stille vergingen.— „Du hast die Gläser absichtlich vertauscht“, sagte er schließlich.— „Ja.“— „Wer hat es dir gesagt?“— „Das ist nicht wichtig.“
Grigorij stand langsam auf. Er trat näher, hielt einen Schritt Abstand. Leise, fast freundlich sprach er:— „Hör zu, Nina. Ab jetzt bist du meine Frau. Morgen wird dein Vater die Ländereien übertragen. Ich habe ihm alles erklärt, er hat zugestimmt. Und du wirst still bleiben, die glückliche Braut spielen.
Verstanden?“— „Warum das Pulver?“— „Damit du ruhig schlafen kannst und meine Arbeit nicht störst. Dein Vater war heute schon betrunken genug, um zu unterschreiben. Eine technische Angelegenheit.“ Er beugte sich näher. „Aber du warst clever. Wir regeln das.
Wenn du versuchst, irgendwas zu erzählen — sage ich, du bist verrückt geworden.“— „Du sprichst, als wäre ich niemand.“— „Du bist wirklich niemand. Ein leerer Raum. Zwei Jahre lang warst du ein Zombie. Ich bringe dich zurück ins Leben. Und du bist undankbar.“
Etwas in ihr regte sich — nicht aus Angst, sondern aus Wut.— „Sergej wusste, dass du versucht hast, aus dem Lager zu stehlen, richtig?“Grigorijs Gesicht verhärtete sich.— „Wovon redest du?“ — „Er überprüfte die Lieferungen. Du hast es verschwinden lassen, weil es im Weg war.
Und ich war nur ein Werkzeug, um an deinen Vater zu gelangen.“Grigorij versuchte, sie einzuschüchtern, doch Nina blieb entschlossen.Am nächsten Tag fand sie in der Garage die Beweise: Fotos, Notizen, Grigorijs Unterschrift beim Sabotageakt. Sie rief die Polizei, jedes Detail wurde dokumentiert.
Grigorij wurde am Morgen festgenommen, schreiend und leugnend. Ihr Vater beobachtete still. Nina war endlich ruhig.Einige Wochen später gestand der Mechaniker alles, alles kam ans Licht. Nina nahm an den Verhandlungen teil, ihr Blick fest auf Grigorij gerichtet. Das Urteil: elf Jahre Gefängnis.
Einen Monat später saß Nina am Grab, legte Blumen zum Gedenken an Sergej nieder. — „Jetzt weiß ich es“, flüsterte sie. „Ich weiß, wer verantwortlich ist. Und er ist im Gefängnis.“Ihr Vater wartete ruhig beim Auto. Gemeinsam fuhren sie zurück zur Basis, wo Nina lernte, mit den Unterlagen und Lagern umzugehen.
Das Leben ging weiter, aber Nina fürchtete sich nicht mehr, sie war kein leerer Raum mehr. Sie kannte die Wahrheit, und das reichte.


